Ausstellung 'Facing Britain' im Museum - Goch blickt ab Sonntag nach Großbritannien
Liebevolles Porträt der Fremdartigkeit

Kein Land in Europa wird von außen derart mit Klischees behaftet wie Großbritannien. Dabei wissen die meisten nur, dass die Briten auf der "falschen Seite" fahren, Tee trinken und Cricket spielen ...
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  • Kein Land in Europa wird von außen derart mit Klischees behaftet wie Großbritannien. Dabei wissen die meisten nur, dass die Briten auf der "falschen Seite" fahren, Tee trinken und Cricket spielen ...
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Ein etwas korpulenter Mann setzt zu einem stilistisch einwandfreien Hechtsprung von einem Felsen ins Meer an, dahinter verfolgt ein weiterer Mann die Szenerie offenbar gebannt, Kinder spielen beiläufig und eine Frau blickt ins Wasser: "Facing Britain", die Fotografie-Ausstellung im Museum Goch, zeigt ab Sonntag einen einzigartigen Blick nach Großbritannien, das wie kaum ein anderes Land in Europa mit einer Befremdlichkeit vom Kontinent aus betrachtet wird.

VON FRANZ GEIB

Goch. "'Facing Britain' ist eine Ausstellung, die wir schon seit vielen Jahren angedacht, geplant und diskutiert haben", freut sich Dr. Stephan Mann unmittelbar vor der Eröffnung. Ein diffiziles Unterfangen aus Sicht des Museumsleiters, denn es stellte sich die Frage, wie die Fotoszene, sprich die Künstler, der Insel dazu zu bringen waren, sich gemeinsam in einer Ausstellung zu präsentieren, um die Besonderheit der britischen Fotografie zu würdigen: "Wir werfen einen Blick, der ein Land zeigt, dass auf der Suche nach Identität ist, eine romantische Schönheit wird von einer dramatischen Realität eingeholt. Es ist keine beschönigende Ausstellung, aber der Ansatz der Dokumentation ist zu 100 Prozent gelungen."

Sehr spezielles Thema

"Facing Britain" vereint erstmals nahezu alle wichtigen VertreterInnen der Britischen Dokumentarfotografie in einer großen Übersichts-Ausstellung außerhalb Großbritanniens. Entwickelt wurde die Ausstellung von Ralph Goertz. Der Kurator leitet das Institut für Kunstdokumentation und Szenografie, kurz IKS, und hat bereits verschiedene, renommierte Foto-Ausstellungen mit Joel Meyerowitz, Peter Lindbergh und Garry Winogrand kuratiert. Über zwei Jahre lang arbeitete er an der ersten großen Ausstellung über die britische Dokumentarfotografie seit langem: "Die Fotografie galt lange Zeit in Großbritannien nicht als Kunstform, und die Dokumentation ist dort ein sehr spezielles Thema. Mit der Ausstellung bekommen die Fotografen eine Stimme, die im eigenen Land nicht zählt."
Die Ausstellung im Museum Goch präsentiert alle herausragenden Größen der Fotografie, darunter Thom Corbishley, Robert Darch, David Hurn, Barry Lewis, Marketa Luskacova, Martin Parr und zweiundzwanzig weitere Künstler. Die Bilder zeigen die verschiedenen Epochen des Königsreichs in allen Facetten. Es sind Bilder vom Niedergang der Kohleindustrie, dem ausschweifenden Partyleben der jungen Oberschicht, Alltagsszenen zwischen verfallenen Siedlungen und dem aufkommenden Reichtum an der Londoner Börse. Als zeitliche Klammer wurde bewusst die Zeitspanne der Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union und ihres Vorläufers über die Thatcher Ära bis heute (1963 - 2020) gewählt.

Ehrlichkeit des Moments

Das Porträt der einzigartigen Fremdartigkeit der britischen Gesellschaft wird dadurch verstärkt, dass die Fotos nicht heimlich und unauffällig, sondern ganz offen, zum Teil mitunter unter Einsatz des Blitzlichtes, gemacht wurden, erläutert Ralph Goertz: "Die Bilder zeigen dadurch eine Nähe und Ehrlichkeit des Moments, der nichts versteckt. So das Verhalten der Gesellschaft mitsamt seinen Zwischentönen herauszuarbeiten, ist Weltklasse!" Die Bilder fordern aus seiner Sicht einen Blick auf Großbritannien abseits der bekannten Klischees ein. Ungleichheit und Identität seien hier nach wie vor Schlüsselbegriffe, welche die Nation dominieren und definieren.
Das Porträt Großbritanniens spiegelt sich in sieben Themenbereichen wider. So zeigt John Bulmers "Black Country" den Niedergang und Verfall der Kohle- und Eisenindustrie nördlich und westlich von Birmingham und vergleicht dies mit dem Ruhrgebiet hierzulande.
Humor, Zuneigung und Menschlichkeit ("How we are") prägen das Königreich bis heute, dies wird besonders sichtbar in den Aufnahmen der 1970er aus Wales von David Hurn und in der Porträtserie Free Photographic Omnibus von Daniel Meadows im Dialog mit John Myers.

Aufstieg und Fall einer Nation

Aus der Thatcher Ära stammen Fotografien der privaten Lebensumstände in Großbritannien, die von Martin Parr in "The last resort" dokumentiert werden. Anna Fox gibt in "Work stations" einen Einblick in das wettbewerbsorientierte Arbeitsleben in den späten 1980er Jahren.
Den wirtschaftlichen Aufstieg und Fall einer Nation dokumentieren Paul Reas, Ken Grant und Barry Lewis mit ihren Bildern vom Konsumverhalten der britischen Gesellschaft. Weitere Themen sind Konflikt/Protest/Black Britain und schließlich die Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Die Ausstellung "Facing Britain" dauert bis zum 8. November. Das Museum ist ab 11 Uhr geöffnet. Es gelten die Corona-Regeln.

Kein Land in Europa wird von außen derart mit Klischees behaftet wie Großbritannien. Dabei wissen die meisten nur, dass die Briten auf der "falschen Seite" fahren, Tee trinken und Cricket spielen ...
Ralph Goertz hat die Ausstellung "Facing Britain" (27. September - 8. November) im Gocher Museum kuratiert.
Foto: Steve
Autor:

Franz Geib aus Goch

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