Zeitzeugen erinnern sich an Nationalfeiertag aus Kaiserzeit
Als bei Kaisers noch groß gefeiert wurde (mit Video)

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Kaum jemand weiß heute noch, dass der 27. Januar fast 30 Jahre lang (1889 bis 1918) ein Feiertag war. An diesem Tag wurde im gesamten deutschen Reich der Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. begangen.

"Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurden die Geburtstage von Wilhelm I. und - seit 1889 - von Wilhelm II. zu Nationalfeiertagen. Sie boten ganz andere Möglichkeiten der Selbstinszenierung als die Geburtstage der Fürsten aus den Kleinstaaten dies in der Zeit vorher vermocht hatten", erläutert Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Sie hat im LWL-Volkskundearchiv Unterlagen von Zeitzeugen gefunden, die beschreiben wie der Kaisergeburtstag in Westfalen gefeiert wurde.

Heil dir im Siegerkranz

So erzählt eine Zeitzeugin aus Gütersloh beispielsweise wie der Feiertag in den Schulen begangen wurde: "Die Kaiserbüste, mit einem Lorbeerkranz geschmückt, stand auf dem Pult, auch die Kaiserbilder an der Wand waren umkränzt. Die Kaiserhymne wurde gesungen 'Heil dir im Siegerkranz' und 'Dem Kaiser sei mein erstes Lied'. Dann kam ein Geschichtsvortrag 'Kaisers vorbildliches Leben und gute Taten', es folgte ein inbrünstiges Gebet, der liebe Gotte möge den Kaiser schützen, und mit einem dreifach 'Hoch-Hoch-Hoch' war die Feier für uns Kinder beendet."

Schulfeiern am 27. Januar

Die Schulfeiern am 27. Januar waren gesetzlich vorgeschrieben. "Ihr Ablauf war landauf, landab ähnlich. Wichtig war es, den Kindern anlässlich der jährlichen Feiern nicht nur detaillierte Kenntnisse über den Kaiser und seine Familie zu vermitteln, sondern sie auch emotional an das Herrscherhaus zu binden. Diesem Zweck dienten nicht zuletzt die Lieder und Gedichte mit nationalem Pathos", fasst Cantauw zusammen.

Kinder lernten Lieder auswendig

Damit der festliche Charakter gewahrt wurde, war es wichtig, dass die Kinder die Lieder auswendig singen konnten. Dass sie auch die Biografie des Kaisers und seiner Familie kannten, wurde in manch einer Schule wie z.B. in Havixbeck (Kreis Coesfeld) vorausgesetzt: "Nachdem wir in der Schule bis zum Erbrechen heruntergeleiert hatten, wann der Kaiser geboren (war), wie seine Frau hieß, wieviel Kinder er hatte und wie die alle hießen, hatten wir dann auch schulfrei, nachdem noch lauthals das Kaiserlied geschmettert worden war."

"Der Kaiser ist ein lieber Mann" ist ein traditionelles Lied zum Kaisergeburtstag gewesen - schauen Sie sich's im Video an: 

Dem Auswendiglernen wurde vor dem ersten Weltkrieg große Bedeutung beigemessen. Indem die Schüler die Biografie des Kaisers auswendig lernten und immer wieder aufsagen mussten, sollten sich die Inhalte dieser Form der staatsbürgerlichen Erziehung tief einprägen.

Kaisergeburtstagsfeier

Die Kaisergeburtstagsfeiern wurden aber nicht nur in den Schulen begangen. In vielen Städten wie zum Beispiel in der Garnisonsstadt Münster fanden Militärparaden statt, bei denen auch die entsprechende musikalische Begleitung nicht fehlen durfte. Für diese Paraden wurde auf den Exerzierplätzen lange geübt, wie aus den Lebenserinnerungen eines Volksschullehrers an das Jahr 1908, die in der LWL-Volkskundesammlung aufbewahrt werden, hervorgeht: "Und die ewigen Marschübungen, die nach dem Weihnachts- und Neujahrsurlaub auf dem täglichen Dienstplan standen, bis das Regiment zur Probeparade einige Tage vor dem Ereignis auf den Neuplatz = Hindenburgplatz antrat. Wie viele Stunden wir die Stiefelschäfte unserer Knobelbecher, die Koppel, die Patronentaschen polierten, ich kann es nicht schätzen."

Bevölkerung auf den Beinen

Meist befand sich die gesamte Bevölkerung auf den Beinen, um den besonderen Ehrentag zu begehen und somit ihre nationale Gesinnung zu demonstrieren. Es wurde festlich geflaggt, Hymnen und Lobpreisungen wurden angestimmt und Festreden hoben das vorbildliche Leben und die Heldentaten des Kaisers hervor. Nachdem für das Wohl des Kaisers gebetet worden war, machten sich Kinder und Erwachsene auf den Weg in ein Kaffee- oder Wirtshaus, um dort weiter zu feiern.

Bier für 10 Pfennig

Auch für Teilnehmer eines Lehrerseminars in Warendorf war dies anscheinend selbstverständlich, wie aus autobiografischen Erinnerungen an das Jahr 1907 hervorgeht: "Nachmittags ging's mit uns allen zur Herrlichkeit, einem Kaffeehaus an der Ems, etwa zwei Kilometer östlich von Warendorf. Für eine Flasche Bier wurden 10 Pfennig eingesammelt. Offiziell wurde ja auch nicht mehr getrunken. Ob sich niemand der vielen Aufsichten Gedanken darüber machte, dass so viele Ober- und Mittelklässler auf dem Heimweg so lustig waren?"

Einheit und Stärke

"Mit Großereignissen wie den Kaisergeburtstagsfeiern ließ sich nicht nur die nationale Gesinnung stärken. Solche Feiern waren natürlich auch eine nach außen gerichtete Demonstration von Einheit und Stärke, die - ähnlich wie manch eine Militärparade in der Jetztzeit - ausländische Beobachter beeindrucken sollte", so Cantauw.

Autor:

Nina Sikora aus wap

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