Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte
Weihnachten vor 100 Jahren in Hagen: Kohlemangel und Alltagssorgen trübten die Festtagsfreude

Dieses sehr idyllische Weihnachtsfoto entstand in den 1930-er Jahren am Hagener Hauptbahnhof. Aber man sollte sich nicht von der weißen Pracht blenden lassen und behaupten, früher sei alles besser gewesen. Der Historiker Dr. Gerhard E. Sollbach hat nachgeforscht und festgestellt, dass die Menschen vor 100 Jahren in Hagen ein gar nicht so schönes Weihnachtsfest feierten.
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  • Dieses sehr idyllische Weihnachtsfoto entstand in den 1930-er Jahren am Hagener Hauptbahnhof. Aber man sollte sich nicht von der weißen Pracht blenden lassen und behaupten, früher sei alles besser gewesen. Der Historiker Dr. Gerhard E. Sollbach hat nachgeforscht und festgestellt, dass die Menschen vor 100 Jahren in Hagen ein gar nicht so schönes Weihnachtsfest feierten.
  • Foto: Stadtarchiv
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In der Hagener Bevölkerung wollte Weihnachten 1919, ein Jahr nach dem Großen Krieg, der später der Erste Weltkrieg heißen sollte, keine rechte Festtagsfreude aufkommen. Das berichtete die Hagener Zeitung in ihrer Ausgabe vom 24. Dezember 1919. Selbst in den schlimmen Kriegsjahren sei das Fest nie so traurig gewesen.

Von Gerhard E. Sollbach

Es waren vor allem die vielen und vielfältigen Alltagsnöte und Alltagssorgen sowie die trüben Aussichten für die Zukunft, die für eine gedrückte Stimmung sorgten. Das aktuelle Hauptproblem war der katastrophale Kohlenmangel. Doch die Kohlennot hatte noch weitreichendere Folgen als Fehlen des nötigen Heizmaterials in den Haushalten. Da auch die Kraftwerke überwiegend Kohlekraftwerke waren, führte deren unzureichende Kohleversorgung folglich zu Stromsperren. Am 17. Dezember teilte das Kommunale Elektrizitätswerk Mark AG mit, dass die Kohlebestände des Kraftwerks „Mark“ bei Herdecke, das Hagen mit Strom versorgte, aufgebraucht seien und daher die Stromlieferung an Industriewerke mit sofortiger Wirkung eingestellt werde. Strom dürfe nur noch zu Beleuchtungszwecken entnommen werden. Doch auch die Lichtstromlieferung könne voraussichtlich nur noch 3-4 Tage aufrechterhalten werden. Betroffen von der Stromsperre war auch die Straßenbahn, sodass von dem Tag an im gesamten Stadtgebiet keine Straßenbahnen mehr verkehrten. Noch verheerender waren die Auswirkungen der Stromsperre auf die Industrie. In Folge des Kohlenmangels hatte man in den Eisenwerken schon seit fünf Wochen immer wieder Feierschichten gefahren. Jetzt mussten die Werke aber völlig stillgelegt werden. Im Hagen benachbarten und damals noch selbstständigen Haspe hatte das dortige Eisen- und Stahlwerk in Folge des Kohlenmangels schon vorher seinen Walz- und Siemens-Martin-Stahlwerkbetrieb einstellen müssen. Die nunmehrige totale Stromsperre für die Industrie bewirkte, dass jetzt Tausende von Arbeitern arbeitslos und ohne Lohn waren. Doch auch das Gas, das die Haushalte zum Kochen benutzten, wurde mit Kohle erzeugt. Am 18. Dezember ließ das Dessauer Gas- und Elektrizitätswerk in Hagen-Eckesey, von dem auch Teile der Stadt Hagen ihr Haushaltsgas erhielten, in der Lokalpresse bekanntmachen, dass es Kohlen nur noch für einen Tag habe und daher stündlich mit der Einstellung der Gaslieferung zu rechnen sei. Viele Familien in Hagen sahen daher zu Hause nicht nur einem kalten und dunklen, sondern auch einem armseligen Weihnachtsfest entgegen. Da Kohle aber damals der hauptsächliche Energielieferant war, hatte der Kohlenmangel Auswirkungen auf noch viele andere Industriezweige, u. a. auf die Garnproduktion, und so fehlte es auch an Garn und folglich an Textilien aller Art.

Kein Festtagsbraten

Ein weiteres großes Alltagsproblem, das die Weihnachtsfreude der Menschen 1919 sehr dämpfte, war die unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln. So bestand die in Hagen für die Woche vom 22. bis 27. Dezember ausgegebene Nähr-Ration für einen Erwachsenen aus 250 g Schmalz, jeweils 100 g Nudeln, braunen Bohnen und Maisgrieß und 500 g Kaffee-Ersatz. Für die fehlenden Kartoffeln wurden 250 g Brot ausgegeben. Die Fleisch- und Wurstausgabe enthielt 200 g Rindfleisch für Erwachsene und 100 g für Kinder, 150 g Schweinefleisch für Erwachsene und 75 g für Kinder, 40 g Fleischwurst und 1 Pfund Blutwurst. Davon ließ sich aber kaum noch etwas für einen Festtagsbraten abzweigen.
Doch diese Nahrungsmittel mussten gekauft werden. Eine Schreckensnachricht für die Menschen vor Weihnachten war die Nachricht im Westfälischen Tageblatt vom 18. Dezember, dass auch die Preise für die beiden damaligen Grundnahrungsmittel Kartoffeln und Brot noch weiter erhöht würden. Der Preis für ein 2,3 kg Brot stieg danach auf 2,45 Mark, was die Masse der Bevölkerung bei dem Monatseinkommen eines Arbeiters von ca. 130 Mark „sehr belaste“, wie das Westfälische Tageblatt dazu feststellte. Dieselbe Zeitung berichtete zwei Tage später, dass die meisten Familien in Hagen noch nicht einmal wüssten, ob sie sich in diesem Jahr überhaupt einen der ebenfalls so teuer gewordenen Weihnachtsbäume leisten könnten, von Geschenken einmal ganz abgesehen.
In der Lokalpresse wurde nämlich ein Anstieg auch der Mieten von 10-30% angekündigt. Dazu kam die anhaltende Wohnungsnot. In Hagen war nämlich die Neubautätigkeit fast vollständig zum Erliegen gekommen. So konnte z. B. die Siedlung Bissingheim auf Emst mit insgesamt 100 Ein- und Zweifamilienhäusern nicht fertiggestellt werden, weil die notwendigen Baumaterialien nicht zu beschaffen und die Löhne ständig gestiegen waren.

Lichtblicke und Feiertagsvergnügen

Doch es gab auch einige Lichtblicke – zumindest für die Kinder. Am Tag vor Heiligabend fand am Nachmittag im Parkhaus ein Weihnachtskonzert des städtischen Orchesters speziell für Kinder statt. Für Kinder wurden aus Anlass des Weihnachtsfestes außerdem 250 g Spekulatius auf Sondermarken ausgegeben - oder konnten vielmehr gekauft werden; und für die Kinder von Kriegerwitwen gab es am Nachmittag des 23. Dezember im Stadttheater eine Aufführung des Märchenspiels „Peterchens Mondfahrt“.
Allerdings kamen nicht alle der berechtigten Kinder auch in den Genuss dieser Vorstellung. Wie das zuständige Städtische Fürsorgeamt nämlich am 23. Dezember mitteilte, waren nicht alle Karten für die berechtigten Kinder abgeholt worden; vermutlich scheuten die Mütter die Geldausgabe für die Karte. Auch das Wetter in Hagen an den Weihnachtstagen entsprach der trüben Stimmung: Laut dem Westfälischen Tageblatt vom 27. Dezember herrschte an beiden Feiertagen „hässlichstes Regenwetter“.
Doch trotz aller Alltagssorgen und der düsteren Zukunftsaussichten wollten sich die Menschen die Festtagsfreude nicht ganz nehmen lassen und sich wenigstens zu Weihnachten einmal vergnügen. Dafür boten nicht nur die Hagener Lichtspielhäuser, sondern auch die örtlichen Cafés und Gaststätten reichlich Gelegenheit. Im Hansa-Restaurant in der Böhmerstraße z. B. sorgte das laut Ankündigung „vornehme“ Gesangs-Kabarett und Possen-Ensemble „Timmers lust’ge Leut“ an den Weihnachtstagen für die Unterhaltung der Gäste. In der Gastwirtschaft „Zum Alten Fritz“ in Eckesey konnte am 2. Weihnachtstag getanzt werden. Im Hansa-Café in der Elberfelder Straße fand an Heiligabend eine „Große Weihnachts-Feier“ statt und an den beiden Weihnachtstagen wurden dort morgens jeweils von 11.30 bis 13 Uhr Matinée-Veranstaltungen angeboten. Das Unterhaltungsangebot ist von der Bevölkerung auch angenommen worden. Wie das Westfälische Tageblatt am 27. Dezember berichtete, waren vor allem am 2. Weihnachtstag viele der Cafés und Gastwirtschaften, in denen Musikkapellen spielten, sogar überfüllt.
Auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gaben die Menschen nicht völlig auf. So verlobten sich nach einem alten Brauch auch in diesem Jahr zu Weihnachten wieder zahlreiche Paare. Insgesamt 112 von ihnen machten das Ereignis auch durch Anzeigen in den Ausgaben der Hagener Zeitung vom 23. und 24. Dezember bekannt.

Dieses sehr idyllische Weihnachtsfoto entstand in den 1930-er Jahren am Hagener Hauptbahnhof. Aber man sollte sich nicht von der weißen Pracht blenden lassen und behaupten, früher sei alles besser gewesen. Der Historiker Dr. Gerhard E. Sollbach hat nachgeforscht und festgestellt, dass die Menschen vor 100 Jahren in Hagen ein gar nicht so schönes Weihnachtsfest feierten.
Blick aus der Körnerstraße in die weihnachtlich-winterliche Mittelstraße; Aufnahme aus den 1920er Jahren.
Autor:

Lokalkompass Hagen aus Hagen

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