Dr. Gerhard E. Sollbach auf Wildnis-Trails in der ostkanadischen Gaspé

Lac du Diable – einer der unzähligen Seen im Gaspésie-Nationalpark.
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  • Lac du Diable – einer der unzähligen Seen im Gaspésie-Nationalpark.
  • Foto: Gerhard E. Sollbach
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Der Geschichtsprofessor i. R. Dr. Gerhard E. Sollbach von der TU Dortmund ist im Raum Hagen und der Umgebung vor allem als Verfasser zahlreicher Arbeiten zur lokalen und regionalen Geschichte bekannt. Doch er ist auch ein begeisterter Naturliebhaber und Wanderer. Oft wandert er im nördlichen Sauerland, wo es inzwischen kaum ein Wandergebiet gibt, das er nicht kennt. Seit einigen Jahren reist er aber jeweils im Herbst nach Kanada. Dort ist er zu Fuß und mit Rucksack und Zelt alleine wochenlang auf einsamen Wildnis-Trails unterwegs. Von seinem jüngsten Kanada-Abenteuer hat er jetzt einen Kurzbericht verfasst.

Von dem Parc National de la Gaspésie im Nordosten Kanadas hatte ich bereits vor einigen Jahren auf einer meiner früheren Touren in die kanadischen Wildnis durch eine Zufallsbekanntschaft erfahren. Der Park sei ein Geheimtipp für echte Naturliebhaber und ein Paradies für Wildnis-Wanderer, wurde mir versichert. Zudem sehe die Welt dort teilweise sogar noch so aus wie nach dem ersten Schöpfungstag: unberührt, rau und ebenso unwirtlich wie öde – aber dennoch einfach überwältigend. Klar, dass ich unbedingt dahin musste. Im Herbst 2017 war es dann so weit.
Der 802 Quadratkilometer große Nationalpark befindet sich im Zentrum des Chic-Chocs-Bergmassivs auf der Gaspé-Halbinsel, einem in den Nordatlantik hinausragende östlichen Zipfel der kanadischen Provinz Québec. Zu ihm führt nur eine einzige schmale und windungsreiche, zum Glück aber gepflasterten Straße. Als ich mich in der dritten Septemberwoche auf dieser Straße von Süden kommend meinem Ziel näherte, bewahrheitete sich auch eine weitere Verheißung meiner Gewährsperson: Es regnete nämlich fast ständig. Die dunklen Wolken hingen tief zwischen den Bergen, deren Gipfel wolkenverhüllt waren. Dazu weht ein recht heftiger Wind. Na, das kann ja heiter werden, dachte ich. Vorsichtshalber hatte ich aber insgesamt fünf Wochen für meinen Aufenthalt eingeplant, in der Hoffnung, dann wenigstens auch ein paar schöne Tage zu erleben. Diese Hoffnung sollte sich übrigens auch erfüllen.

Steinige Trails

Am nächsten Tag und auch an einer ganzen Reihe der folgenden Tage herrschte nämlich schönes Wetter mit mehr oder weniger viel Sonnenschein. Allerdings entnehme ich meinem Tagebuch auch, dass es in der Nacht zum 29. September auf den Bergen geschneit hatte. Am anderen Morgen lag z. B. auf dem Gipfel des 1.270 Meter hohen Mont Jacques-Cartier eine 15 Zentimeter hohe Schneedecke.
Mein erstes Ziel im Park war der Trail den 1.140 Meter hohe Mont Xalibu hinauf. Von dem Gipfel habe man eine herrliche Rundsicht, hatte ich nämlich in der Ranger-Station erfahren. Doch sehr schnell erfuhr noch etwas, nämlich dass fast alle Wanderrouten in dem Park voller Steine und Felsbrocken sind. Es ist ganz offenbar die Politik der Parkverwaltung, die Trails über mehr oder weniger trockene und vor allem im echten Wortsinn steinreiche Wildbäche sowie über Felsstürze und Geröllhalden zu führen. Das machte wenig Arbeit und die Mühe hat allein der Wanderer. Auch sind die Wege fast ausnahmslos steil und machen somit dem Namen des Bergmassivs alle Ehre. Der Name Chic-Chocs stammt nämlich von den dortigen Ureinwohnern, den Micmac-Indianern, und bedeutet so viel wie „Unüberwindliche Wand“. Je höher ich auf dem Trail kam, desto größer wurden auch die Felsbrocken, über die ich klettern musste. Als ich schließlich nach schweißtreibenden über drei Stunden und Überwindung von über 540 Höhenmetern den Gipfel erreichte – die große Enttäuschung: Der Berg war in Wolken gehüllt und von der tollen Fernsicht natürlich nichts zu sehen. Noch eine Erfahrung hatte ich gemacht: Das Wetter unten ist keineswegs auch das Wetter oben.

Meer von Bergen 

Darauf habe ich mir als nächstes einen weniger hohen Berg ausgewählt, von dem man ebenfalls eine großartige Rundsicht haben sollte, nämlich den nur 670 Meter hohen Mont Olivine. Allerdings müssen hier auf einer recht kurzen und folglich sehr steilen Strecke gut 450 Höhenmeter überwunden werden. Selbstverständlich ging es auch hier wieder über Felsen und Geröll. Doch diese Mal hatte ich wettermäßig Glück: Je höher ich kam, desto mehr verzogen sich die letzten dunklen Wolken. Oben angekommen, konnte ich dann bei strahlender Sonne den Rundblick über ein sich bis zum Horizont erstreckendes, endlos scheinendes Meer von zumeist dicht bewaldeten Bergen genießen – und nirgends war auch nur ein Zeichen von Zivilisation zu sehen. Dieses Erlebnis von Natur pur und zudem noch im Überfluss ist einfach überwältigend. Ich konnte mich daran gar nicht genug satt sehen.

Verirrt im Nebel

Selbstverständlich gehört zum „Muss“ für Wander-Enthusiasten im Parc National de la Gaspésie auch das Erklimmen des höchsten Berges im Park, nämlich des 1.270 Meter hohen Mont Jacques-Cartier. Die große Attraktion diese Berges ist, dass man hier nach nur einigen hundert Höhenmetern aus der borealen in die alpine-arktische Region gelangt und hier auch auf die südlichste Karibu-Herde trifft. Ich war am Morgen bei sonnigem Wetter gestartete. Doch noch bevor ich den Gipfel erreichte, zog sich der Himmel immer mehr zu. Auf dem Gipfel stand ich inmitten eines öden, eintönig grauen, riesigen Felsenmeeres. Ja, so könnte es auf der Erde nach dem ersten Schöpfungstag ausgesehen haben, dachte ich bei mir. Doch lange konnte ich mich bei dem Gedanken nicht aufhalten. Kaum hatte ich nämlich den Gipfel erreicht, kamen in Windeseile - nämlich von einem zum 30 bis 40 Stundenkilometer-Sturm (wie ich später erfuhr) werdenden Starkwind herangetriebene - mächtige Nebelschwaden herauf. In Kürze war alles in dichten Nebel gehüllt. Dazu fiel feiner Nieselregen. Ich konnte gerade noch die kleinen Steinsetzungen sehen, die den Weg zur Schutzhütte auf dem Gipfel markieren. Der Sturm wehte dabei immer wieder mein Regencape hoch, so dass ich bald bis zum Gürtel durchgenässt war. Auch hatte ich als „Leichtgewicht“ allergrößte Mühe, gegen den Sturm anzukommen. Dazu war es auch noch bitterkalt. Handschuhe und Ohrenwärmer hatte ich allerdings vorsichtshalber mit in den Rucksack gepackt. Dies ist aber, wie ich später belehrt wurde, das „normale“ Wetter auf dem Mont Jacques-Cartier. In der Schutzhütte gibt es daher auch einen kleinen eisernen Ofen sowie einen Brennholzvorrat, so dass ich mich da ein wenig ausruhen und auch aufwärmen konnte. Doch als ich dann wieder nach draußen trat, sah ich fast nichts mehr. Der Nebel war inzwischen so dicht geworden, dass man kaum ein paar Meter etwas und somit auch nur mühsam die kleinen Steinpyramiden erkennen konnte. So passierte es dann auch schon nach kurzem, dass ich den Trail verlor. Wohin ich auf den Boden blickte, er sah überall gleich aus. Ich musste aber unbedingt eine der Wegpyramiden finden. Die einzige Möglichkeit war, im Zickzack in die Richtung des Rückwegs zu gehen, in der Hoffnung dabei auf eine Steinsetzung zu stoßen. Unterwegs war bei diesem Wetter verständlicher Weise hier niemand. Einige Zeit irrte ich erfolglos und in Sorge, versehentlich einen Abhang hinab- oder in eine Felsspalte zu stürzen, auf dem Geröll umher, bis ich auf plötzlich auf einen Pfahl mit dem Schild „Caribou Trail“ traf. Als ich das Schild las, musste ich teils lachen, teils ärgerte es mich: Nein, ich wollte keinen weiteren Trail gehen, ich wollte endlich den Rückweg finden. Aber ich war schon erleichtert. Weiter im Zickzack laufend, fand ich bald auch die nächste Wegmarkierung. Je tiefer ich kam, desto mehr lichtete sich auch der Nebel und umso schneller wurde ich aber auch. Bevor es auch nur anfing, dunkel zu werden, war ich dann schon wieder unten.

Nachdenkliche#+ Tierbegegnung 

Solche etwas beunruhigende Erlebnisse hatte ich aber nur ganz wenige. Mehr sind mir die schönen Eindrücke in Erinnerung geblieben wie z. B. die teilweise fast hautnahen Begegnungen mit kleinen und großen tierischen Wildnis-Bewohnern, wobei eine Begegnung mich besonders und nachhaltig beeindruckt hat. Unterwegs auf einem Pfad trat nämlich kurz vor mir plötzlich ein junger Weißwedel-Hirschbock seitlich aus dem Wald und blieb stehen, wobei er unentwegt in meine Richtung blickte. Ich machte ebenfalls Halt, und wir beide blickten uns eine Zeitlang ebenfalls unbeweglich und ständig an. Als ich dann vorsichtig weiterging, störte das den Bock überhaupt nicht. Auch als ich keine eineinhalb Meter direkt vor ihm stehenblieb, meine kleine Taschenkamera zückte und ihn fotografierte, beunruhigte ihn das offensichtlich nicht im Geringsten. Eine Zeit blickten wir uns daraufhin gegenseitig sozusagen in die Augen. Es war ein herrliches Tier mit einer schimmernden schwarzen Schnauzenspitze, den großen dunklen Augen und dem schönen seidig glänzenden Fell. Als ich schließlich weiterging, blickte der Bock mir auch noch längere Zeit nach. Nicht weniger eindrucksvolle Erlebnisse waren für mich auch kristallklaren Flüsse, die sich noch ungehindert ihren Weg selbst suchen dürfen. In ihnen schwimmen Lachse zu ihren Laichplätzen hinauf und huschen Forellen umher. Beeindruckt haben mich immer wieder die endlosen naturbelassenen (Ur-)Wälder und nicht zuletzt das Feuerwerk des Indian Summers, der Herbstfärbung des Laubes. Mit ein wenig Wehmut habe ich dann auch schließlich Abschied von diesem Natur- bzw. Wildnis-Paradies genommen, allerdings mit einer Fülle großartiger Eindrücke und Bilder im Kopf und im Gepäck.

Autor:

Lokalkompass Hagen aus Hagen

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