HIV und andere Infektionen testen - immer wieder am letzten Mittwoch eines Monats
"Wenne Mittwochs überlebst, is Donnerstach"

Da gehen einem eine Menge Gedanken durch den Kopf
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  • hochgeladen von Andreas Rau

Wenne Mittwoch überlebst, ist Donnerstach

Das Lied zum Bericht

Was  klingt, wie die Liedzeile des ehemaligen Ruhpott-Kabaretteams Missfits, war vor ein paar Tagen der Stoßseufzer eines unserer Besucher, nachdem er alle Untersuchungen und das Beratungsgespräch mit der Ergebnismitteilung bei uns hinter sich hatte und sich auf unserer Treppe vor dem Cafè erleichtert zurücklehnte und sich erst einmal eine Zigarette anzündete. "puh, jetzt bin ich wirklich erleichtert."

Um diese Geschichte zu verstehen, müssen wir erst einmal in der Zeit etwas zurückgehen und erzählen, was sich in den wenigen Wochen vor diesem Abend ereignet hatte.

Jeweils am letzten Mittwoch eines Monats
hat man bei der Hagener AIDS-Hilfe die Möglichkeit des sogenannten "langen Mittwochs". Hier kann man sich  direkt nach einem Informations- und Beratungsgespräch Blut abnehmen lassen und auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten testen lassen. Im Fall von HIV auf jenes Virus, das AIDS auslösen kann. Mit Selbstabstrichen und Urinproben sind auch noch mögliche Infektionen mit Gonorrhoe (als Tripper bekannt) oder Chlamydien im Labor nachweisen.
Die Menschen, die an diesen Abenden oftmals mit einem unguten Gefühl kommen, füllen zunächst einen Fragebogen aus, zur Voreinschätzung für die Berater. Hierbei kann man schon erkennen, ob die Möglichkeit besteht, an einer Geschlechtskrankheit oder an HIV erkrankt zu sein. Um Vertrauen aufzubauen und dem Patienten Ängste vor einer Erkrankung zu nehmen, folgt ein persönliches Gespräch mit einem Berater.

Ein Prozedere, dass zunächst abschreckend wirken kann. Vor allem, wenn, wie im Fall unseres jungen Mannes, lange verschwiegenes oder verdrängtes hinzukommt. Wie zum Beispiel das eigene Schwulsein, von dem bestenfalls die "beste" Freundin etwas weiß und das unser junger Besucher aus verschiedensten Gründen einfach nicht erzählt.
In diesem Fall waren es die Eltern, die nichts erfahren sollten oder eben die Kollegen auf der Arbeit. Aber oft sind es auch ganz banale Gründe.

Sexualität ist eben oft kein Alltagsthema und viele in unserem Umfeld finden Gespräche darüber eher peinlich oder auch aufdringlich. Und außerdem will ja auch niemand, dass andere schlecht über einen denken.
So funktionieren wir im Alltag und rechnen dann nicht damit, dass wir, wie der junge Mann auch, in Situationen kommen können, die dann dazu führen, dass uns das Verdrängte einholen kann und wir gegebenenfalls auch mal gegenüber Wildfremden "auspacken".  Einfach, weil es sonst kaum jemanden gibt, der solche Erlebnisse kennt oder einem einfach nur zuhört.

Kommen wir zu den Ereignissen des jungen Mannes. 20 Jahre alt, schwul, Versicherungskaufmann. Jeden Tag Anzug, Krawatte, seriöses und selbstsicheres Auftreten gehören da zur Kernkompetenz. Persönliches - oder gar etwas, dass als Peinlichkeit wahrgenommen werden könnte, bleibt da außen vor. Soweit, so normal. Und auch nicht verwerflich. Denn jeder hat so sein Ding. Wir kennen das alle. Der eine versteckt seine Speckröllchen unter einem Kompressionsunterhemd.... andere... Wer weiß?

Nun, der junge Mann war schwul und nur sehr wenige Menschen wussten das.  Und da er ohnehin alle Prioritäten in seine Ausbildung investierte und ein bisschen Sport, spielten Beziehungen und Sexualität oder gar Lust, einfach keine größere Rolle. Für den Rest gab es die rechte Hand, eine ausgeprägte Phantasie und Datingplattformen. Sie verstehen?

Jetzt war aber Sommer, die Hochsaison für CSD (Christopher-Street Day/Gaypride) und das wollte sich der junge Hagener nicht entgehen lassen. Einmal im Jahr für drei Tage ausgelassen sein, Alltag abstreifen und endlich Menschen treffen, die genau so tickten, wie man selbst. Gemeinsam "was klarmachen", merken, dass man nicht der einzige ist.
Das Wetter war klasse, Köln nicht "aus der Welt" und schnell erreichbar. Und eine Übernachtung im Hotel gar nicht teuer. Also auf.
Das Wochenende in Köln sollte alle positiven Erwartungen sogar übertreffen. Eine bunte Parade mit vielen tollen Menschen, einer ausgelassenen Stimmung, das eine oder andere Kölsch. Und dann dieser coole Typ mit der Skinnyjeans und dem Undercut, der einfach auffiel und ständig zu ihm rüberschaute und sogar mehrfach antanzte. Klasse. "Den musst Du kennenlernen, na ja, wird wohl nix, bei dem Gewimmel hier".
Und doch! Abends war noch Riesenparty in der einen Disse ganz in der Nähe vom Hotel.
Die Wartezeit in der Schlange am Einlass war lang, denn wie man sehen konnte, hatten viele junge Männer den gleichen Gedanken. Aufgebrezelt und guter Stimmung, die sich auf alle übertrug, konnte der Abend nur toll werden.
Am Eingang traf man sich also wieder. Der junge Hagener und der coole Typ mit Undercut. Und er lächelte, war aber wohl nicht alleine. Na ja, man begegnete sich aber immer wieder. Auf dem Gang zum Klo, auf der Tanzfläche, am Tresen... und immer schauten sich beide verlegen hinterher. Ein paar Tänze und einige Kölsch später traf man sich - wie zufällig - an der Garderobe und nach einiger Warterei dann auch auf der Straße. "Wir haben wohl den gleichen Weg" dachten beide und trafen sich dann auch an der Hotelbar wieder, trank einen Absacker und kam ins Flirten.
Vor dem Lift tänzelten beide irgendwie verlegen von einem Bein aufs andere. Dann im Lift, keine Zuschauer mehr, konnte man endlich die Verlegenheit überwinden und es folgte ein langer Kuss.... ein paar tastende Handgriffe und  gerade noch rechtzeitig erreichten sie noch das Zimmer des anderen....
Über den Rest hüllen wir jetzt einfach mal den diskreten Mantel des Schweigens. Ich schreibe ja hier keinen kitschigen Liebesroman.

Von diesem Wochenende konnte der junge Hagener allerdings lange zehren und er nahm die ganze Stimmung seines Super-Wochenendes mit ins Büro. Die aufmerksame nette Kollegin musste etwas geahnt haben, denn ständig zog sie ihn auf, weil er so verklärt dreinschaute und irgendwie fahrig wirkte.
Einige Raucherpausen und viele bohrende Fragen später, musste er es also loswerden. Kolleginnen und Mütter bekommen eh  alles raus, was sie wissen wollen. So erzählte er also. Und die Reaktion? "Na toll, Du Idiot, hast Du wenigstens aufgepasst, dass er ein Kondom nimmt?"
"Verdammt", dachte er für einen Moment und wechselte seine Gesichtsfarbe. Woher, um alles in der Welt, sollte er das denn noch so genau wissen? Alles, was er in dieser Nacht wollte, waren fühlen, riechen, schmecken, sich gehen lassen. Aber doch nicht an Krankheiten und Gummis denken. Und ganz ehrlich? Wer von uns ist in solchen seltenen Momenten denn immer so cool und abgeklärt? Ich Nicht. Sie?

Doch diese Lunte war nun gelegt.
Sie brannte in den darauf folgenden Tagen und Wochen. War sie tagsüber irgendwie verdrängt, so holte sie einen am Abend wieder ein. Wollte sich der junge Hagener an seine tollen Erlebnisse erinnern, mischten sich im entscheidenden Moment wieder die Gedanken an Krankheiten unter seine Erinnerungen. Und mit wem sollte er die denn jetzt teilen? War es nicht ohnehin schon zu spät? Wenn er sich was gefangen hatte, dann war es für Reue doch jetzt eh zu spät. Aber einfach noch an etwas Schönes denken, das ging nun irgendwie auch nicht mehr.

Ich sehe Sie als Leser schon, wie sie denken: "Warum erzählt der das überhaupt so ausführlich? Wen interessiert das?"
Ich erzähle das, weil es einfach dazu gehört, um zu verstehen und weil wir normalerweise, montags darauf, gar nicht auf die Idee kämen, wie unsere Kollegen so ticken und was mit ihnen los ist.

Wir sind oft die ersten, die solche Geschichten zu hören bekommen. Und WIR interessieren uns dafür.
Nach vielen schlaflosen und nervös verbrachten Nächten und vielen Stunden Surfen im Internet fühlte er sich nicht besser und entschloss sich letztlich, zu uns zu kommen.

Hier konnte er einfach erzählen und Fragen stellen. Und keiner kommentierte oder machte ihm einen Vorwurf. Im Gegenteil, er merkte, dass die beiden Berater, auf die er traf, genau wussten, worüber er sprach. Sie kannten das aus eigener Anschauung. Und entsprechend gelassen konnten sie zuhören und mit ihm gemeinsam überlegen, was denn jetzt die richtigen Schritte sein könnten. Und das alles, ohne moralische Überlegenheit. Wir haben kein Recht und keinen Grund, zu bewerten oder zu verurteilen. PUNKT
Die ersten Schritte führten dann als Erstes zu unseren beiden Ärzten, Herrn Wulle und Herrn Landscheidt, die mit viel Humor und ohne lange Vorreden Blut abnahmen, einem erklärten, wie das mit den Selbstabstrichen funktionierte und die einem dann erklären konnten, wie es weiter geht.
Und die beiden Berater, die nicht nur an dem Abend Zeit hatten, sondern auch in der darauffolgenden Woche, die der junge Mann auf seine Ergebnisse warten musste, halfen die Wartezeit zu überbrücken, weil für einen Schnelltest mit schnellem Ergebnis die Zeit einfach zu kurz war. Der vorläufig letzte Schritt war dann der Kontakt zu meiner Kollegin, die ihm eine Woche später die Ergebnisse mitteilte. "Du hast Dir nichts schwerwiegendes eingefangen. Kein HIV, keine Hepatitis - und die Chlamydien bekommst Du mit Deinem Hausarzt auch in den Griff."
Das war dann auch der Moment, an dem man sich unten auf unserer Treppe zurücklehnt, in die Sonne schaut, sich eine Kippe ansteckt und erst einmal seufzt. "Wenne Mittwoch überlebst, dann kommt Donnerstag". Mehr als ein erleichterter Stoßseufzer, denn es folgte noch der Satz: "Weißt Du, Andreas, mit Euch hätte ich auch keine Angst, wenn es schlimmere Nachrichten gegeben hätte, Danke."

Solche Erinnerungen kennen Sie auch? Oder Sie wollen einfach mal so wissen, ob Sie sich irgendwas geholt haben? Es muss auch nicht immer so dramatisch sein, wie in diesem Fall.

Und keine Angst, sie müssen auch nicht mehr erzählen, als Sie wollen.

Wichtig ist nur, wir hören zu, wir bewerten Sie nicht, wir urteilen nicht. So, wie Sie sind, sind Sie hier richtig. Und, was sie erlebt haben oder erzählen wollen - und was wir wissen müssen - damit wir alles richtig einschätzen können, hat hier Platz.

zu folgenden Zeiten:
Montags bis Donnerstags von 09:00 bis 12:00 Uhr
Montags von 13:30 bis 15 Uhr
Donnerstags von 13:30 bis 15 Uhr
und als zusätzliches Angebot für Berufstätige
An jedem letzten Mittwoch eines Monats von 18:00 bis 20:00 Uhr (19:30 letzte Annahme)
Bimmeln Sie einfach durch: 02331/ 33 88 33

Autor:

Andreas Rau aus Hagen

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