Neuer Band zur Halterner Stadtgeschichte
156 Seiten zur Chemiefabrik Callenberg

Bürgermeister Bodo Klimpel, Personaldezernent Dirk Meussen, Fachbereichsleiter Jürgen Schröder und Stadtarchivar Gregor Husmann vor stellten jetzt das neue Werk vor.
  • Bürgermeister Bodo Klimpel, Personaldezernent Dirk Meussen, Fachbereichsleiter Jürgen Schröder und Stadtarchivar Gregor Husmann vor stellten jetzt das neue Werk vor.
  • hochgeladen von Michael Menzebach

Haltern. Den dritten Band der „Halterner Stadtgeschichte(n)“ stellten jetzt Bürgermeister Bodo Klimpel, Personaldezernent Dirk Meussen, Fachbereichsleiter Jürgen Schröder und Stadtarchivar Gregor Husmann vor.

Der Untertitel heißt „Das Projekt der Chemiefabrik Callenberg in Haltern um 1900“. Zu haben ist das 156 Seiten umfassende Werk ab sofort in der Stadtagentur und kostet 3,50 Euro. Bürgermeister Bodo Klimpel begrüßt diese Veröffentlichung: „Ich freue mich, dass sich unser Archiv nach Außen öffnet und Themen aus der Vergangenheit beleuchtet. So bekommen wir wichtige Hintergrundinformationen.“  In diesem neuen Band erläutert Autor Gregor Husmann seine Beweggründe, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen: „Geplant war eigentlich, dass ich mich mit der Firma Still an der Annabergstraße beschäftige. Bei der Materialsichtung stellte sich jedoch heraus, dass an der Stelle der Stillschen Industrieansiedlung in Haltern vorher bereits ein anderer Betrieb einen Ansiedlungsversuch gemacht hatte, nämlich eine Chemiefabrik.“  Deshalb beschäftigt sich der nun vorliegende dritte Band mit der Chemiefabrik. Gegründet wurde diese von dem Chemiker Emil Callenberg, der vorher erster Leiter des Sprengstoffproduktionsbetriebes der WASAG in Sythen war.

„Ich freue mich, dass sich unser Archiv nach Außen öffnet und Themen aus der Vergangenheit beleuchtet. So bekommen wir wichtige Hintergrundinformationen.“

Dort ereigneten sich jedoch bald nach der Produktionsaufnahme zwei Explosionsunglücke. Emil Callenberg wurde seitens der WASAG die alleinige Verantwortung zugewiesen. Die Folge war seine Entlassung. Nachdem er persönlich noch ein Patent im Sprengstoffbereich angemeldet hatte, machte er sich daran, die Gründung der eigenen Firma in der Nähe des Halterner Bahnhofes in die Wege zu leiten.Massiv gestört wurden die Bemühungen Callenbergs während des laufenden Genehmigungsverfahrens durch die WASAG, die gleichzeitig ein Prozessverfahren gegen ihn eröffnete. Die Klagen der WASAG wurden aus zwei Richtungen begründet. Erstens ging es um die angebliche Verantwortung Callenbergs für die Explosionsunglücke in Sythen. Zweitens wurde ihm vorgeworfen, er plane in seiner Chemiefabrik ebenfalls die Produktion von Sprengstoffen. Konkurrenz zur WASAG im selben Angebotssegment war nicht erwünscht. Das galt umso mehr, als Callenberg mit seiner direkten Anbindung an den Halterner Bahnhof einen logistischen Vorteil gehabt hätte.

Das letztliche Scheitern der Firma nach wenigen Jahren scheint tatsächlich auf die Anfangsschwierigkeiten zurückzuführen sein

Die Störungen des Genehmigungsverfahrens bewirkten aber schon bald, dass Callenberg mit seiner Unternehmensgründung nicht nur in Zeitverzögerung, sondern auch in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Dennoch konnten die Produktionsanlagen der Chemiefabrik fertiggestellt und die Produktion tatsächlich für wenige Jahre aufgenommen werden. In einem Aufsatz zur Stadtgeschichte wurde dies bisher nur in drei Sätzen erwähnt.
Das letztliche Scheitern der Firma nach wenigen Jahren scheint tatsächlich auf die Anfangsschwierigkeiten zurückzuführen sein. Die sich ergebenden Schwierigkeiten in der Gründungsphase hatte Callenberg noch mit der Gründung einer Gesellschaft auffangen wollen. Denn ab Frühjahr 1902 zeichnet er nicht mehr selbst im Namen der Westf. Nitratwerke Haltern (Name der Gesellschaft). Dies scheint offenbar direkt mit dem beim Landgericht gegen ihn anhängigen Prozess zu tun zu haben. Die Zeichnung im Namen des Unternehmens überlässt er nun anderen Personen, wohl um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen und um der eigenen Fa. durch seine Vorbelastung nicht zu schaden. Die Unterzeichnung eines Antrages im Sommer 1902 erfolgt aus diesen Gründen nicht mehr durch Callenberg. Als Mitglied der Gesellschaft und in deren Namen zeichnet hier erstmals Leopold Weinberg, ein Bürger aus den Reihen der Halterner jüdischen Familien. Dessen Beteiligung als zeichnendes Mitglied der gegründeten Gesellschaft ist interessant. Dies nicht nur aus gesellschaftlicher Sicht. Es hätte eventuell auch die zukünftige mögliche Produktpalette der Chemiefabrik betroffen.
Gerade die Herstellung von niedrig nitrierter Kollodiumwolle war nicht zielführend auf die Produktion von Sprengstoff ausgerichtet. Die Beteiligung von Leopold Weinberg war kein Zufall und deutet in diese Richtung. Verschiedene jüdische Familien aus Haltern waren lange im Textilbereich tätig. Später gingen Mitglieder dieser Familien von Haltern fort und gründeten in größeren Städten größere Textilunternehmen. Mit neuen Technologien, die um die Jahrhundertwende in der Chemie entwickelt wurden, wäre auch in Haltern einiges möglich gewesen. Man kann nicht ausschließen, dass Emil Callenberg und Leopold Weinberg auch hierüber gefachsimpelt haben und bei nachhaltigerem Erfolg der Firma die Produktion von Kunstfasern ausprobiert hätten.

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