Fertigstellung des Bahnhofsumbaus in Haltern
Ein moderner barrierefreier Zukunftsbahnhof – leider mit ständig verspäteten und ausfallenden Zügen und ohne Kundenservice

HALTERN AM SEE. Ein „großer Bahnhof“ mitsamt der neuen Verkehrsministerin beim Pressetermin und Rundgang am 5. November anlässlich der Fertigstellung des sehr zeitaufwändig umgebauten und modernisierten Halterner Bahnhofs: Endlich Barrierefreiheit, Aufzüge, modernisierte Bahnsteige, Park-and-ride-Parkplätze, E-Bike-Ladestation - alles vorhanden am erneuerten „Zukunftsbahnhof“ Haltern als positive Veränderung für die Bahnkunden.
„Es fehlen jetzt nur noch die pünktlichen und regelmäßigen Züge“, so seufzen die täglich leidgeprüften und genervten Berufspendler, deren Geduld in letzter Zeit besonders auf die Probe gestellt wurde. Und die Fernreisenden vermissen nicht nur einen wünschenswerten Intercity-Halt, sondern vor allem den vor zwei Jahren geschlossenen Service- und Ticketschalter und den ebenfalls geschlossenen Zeitungkiosk in der Bahnhofshalle. Das bekamen jedoch die anwesenden Konzernvertreter von DB und VRR beim Bahnhofsrundgang in Haltern nicht zu hören. Erfordern moderne Bahnhöfe nicht auch einen modernen Kundenservice, bezahlbare Fahrpreise und übersichtliche Tarifstrukturen, wenn eine Verkehrswende im Nah- und Schienenverkehr erreicht werden soll?

In den letzten Monaten und Wochen mussten die Berufspendler und Schüler entlang der Nahverkehrsstrecke Essen-Münster wie auch bei der S-Bahn 9 Richtung Marl/Bottrop mit dem Halt am Bahnhof Haltern allzu oft, beinahe täglich, auf ihren Zug warten: Entweder reichlich Verspätung mit unpräzisen Ansagen oder Zugausfälle und Stillstand auf der Strecke. Darüber können die modernisierten Anzeigetafeln nicht hinwegtrösten, die den Zugausfall verkünden.

Dazu kommen seit 5 Jahren alle paar Monate immer wieder umständliche und zeitraubende Ersatzbusse zum Einsatz wegen gesperrter Streckenabschnitte. Um pünktlich zur Arbeit oder zur Schule zu gelangen, nehmen viele Fahrgäste schon vorbeugend einen Zug früher - aber selbst das reicht oft nicht, um pünktlich anzukommen. In Gesprächen auf den Bahnsteigen ist der Frust unüberhörbar und überlagert die Freude über den modern umgerüsteten Bahnhof.

Fehlender Kunden- und Ticketschalter als Service-Point

Die bunte Bemalung von Wänden und alten Fußbodenkacheln in der kleinen Halterner Bahnhofshalle kann kein Trost sein, zumal sie für viele gewöhnungsbedürftig ist, denn über Kunst und Farbgeschmack lässt sich bekanntlich streiten. Dass die meiste Zeit der Warteraum mit seinen wenigen Sitzplätzen verschlossen und nicht nutzbar war oder ist, wird nun durch die gläsernen Wartehäuschen auf den Bahnsteigen oder die Bänke auf dem verschönerten Bahnhofsvorplatz kompensiert. Aber das unfreiwillige lange Warten nach Zugausfällen mit Zeitungslektüre zu überbrücken, wird durch den geschlossenen Zeitschriftenkiosk vereitelt.

Denjenigen Bahnkunden, die (spontan) Fahrkarten und Auskünfte über Zuganschlüsse und Platzreservierungen für den Fernverkehr benötigen, vermissen den Kunden- und Ticketschalter; ihnen wird zugemutet, ein außerhalb liegendes Reisebüro (am besten mit terminlicher Voranmeldung) aufzusuchen, denn nicht alles lässt sich zufriedenstellend online abwickeln. Da jedoch die Kundencenter selbst in Großstadt-Hauptbahnhöfen wie Mülheim an der Ruhr, Wanne-Eickel oder Mönchengladbach etc. geschlossen wurden, ist mit einer Wiedereröffnung in Klein-Haltern kaum zu rechnen – es sei denn, die neue Ampel-Regierung setzt ganz neue Prioritäten bei der Mobilitätswende, wie im Wahlkampf versprochen.

P+R-Anlage am falschen Standort

Die Freude über die neue P+R-Anlage hinter dem Halterner Bahnhof mit nunmehr 350 Stellplätzen wird dadurch getrübt, dass die Pendler und Nutzer zu deren Erreichung nun die halbe Innenstadt als Umweg umfahren müssen und so das PKW-Verkehrsaufkommen zur Hauptverkehrszeit erhöhen. Über die Fehlplanung des Parkplatz-Standortes (auf der Südseite anstatt auf der Nordseite des Bahnhofs) hatten sich schon viele Bürger in Leserbriefen sowie die Lokalzeitung in Kommentaren seinerzeit sehr kritisch geäußert.

Alle warten nun auf den Wender an der überlasteten Kreuzung Halterner Glashütte - irgendwann in den nächsten Jahren. Solange müssen die Bahnnutzer auch hier mehr Zeit einplanen zur Erreichung der ohnehin nicht pünktlichen Züge. Die P+R-Nutzer ersparen sich nun allenfalls den Durchgang durch die Bahnhofshalle, weil sie von hinten auf die Bahnsteige gelangen.

Stiefkind Bahnhof Sythen

Bei aller Freude über die Bahnhofssanierung in Haltern-Mitte bleibt das Unverständnis der Bahnnutzer über den Stillstand am ebenfalls stark frequentierten Bahnhof Sythen, der sich „in Privatbesitz befindet“. Der Zustand wurde laut Aussage der Bahn AG in 2020 drei Jahre lang hintereinander trotz Graffiti und Verschmutzung als positiv bewertet. Im Rahmen einer sogenannten „dritten Modernisierungsoffensive (MOF)“ soll der Bahnhof demnächst ebenfalls modernisiert werden. Das soll bis 2023 geschehen.

Bislang sind die unbefestigten und provisorischen P+R-Stellplätze unzureichend und die Vorplatzsituation des geteilten Bahnhofs ist nicht gerade attraktiv und einladend, ebenso nicht die ungeordnete Fahrrad-Abstellmöglichkeit. Die seit Jahrzehnten geplante Unterführung des Bahnüberganges lässt weiter auf sich warten, obwohl auch jetzt wieder versprochen, so dass lange Wartezeiten vor den Schranken vorerst weiterhin in Kauf genommen werden müssen und das Erreichen des Zuges manchmal vereiteln.

Haltepunkt für den RE 2 wieder einrichten

Das Hauptproblem am Bahnhof Sythen ist für die vielen Pendler jedoch, dass seit 2019 Sythen kein Haltepunkt mehr für den durchgehenden Nahverkehrszug RE 2 zwischen Münster/Osnabrück und Düsseldorf ist, diese Züge also nicht mehr in Sythen halten. Dies wird nicht wirklich durch eine halbstündige Taktung des RE 42 kompensiert, da die zahlreichen Pendler Richtung Düsseldorf einen Umstieg in Recklinghausen oder Gelsenkirchen vornehmen müssen, der wegen der Verspätungen nur selten funktioniert und somit erheblich längere Fahrzeiten verursacht.

Sythen sollte also unbedingt wieder Haltepunkt auch für den RE 2 werden, denn die Bedeutung des Bahnhofs Sythen wird verkannt: Ihn benutzen nicht nur die Pendler aus Sythen und Lavesum, sondern oft auch aus Hausdülmen, Merfeld, Reken, Lippramsdorf (und sogar manchmal aus Seppenrade, Olfen und Lüdinghausen), wie bei Gesprächen und auch an den KFZ-Kennzeichen auf dem Pendlerparkplatz zu sehen. Für eine echte Verkehrs- und Mobiltätswende ist also noch viel zu tun, dazu gehört u. a. auch eine Busverbindung zwischen Lavesum und Sythen/Bahnhof.

Hoffen auf die Initiative der neuen NRW-Verkehrsministerin?

Bei der aktuellen Bahnhofsbegehung in Haltern anlässlich der fertiggestellen Sanierungsarbeiten hatte neben den Bahnmanagern die gerade neu ernannte Verkehrsministerin von NRW, Ina Brandes aus Niedersachsen, ihren ersten offiziellen Auftritt in der Öffentlichkeit – nachdem sie zuvor mit ihrem Dienstwagen in einem halbstündigen Stau stecken geblieben war. (Vielleicht wäre sie besser mit dem Zug von Düsseldorf nach Haltern gekommen – obwohl auch dann Pünktlichkeit nicht garantiert gewesen wäre). Als frühere Geschäftsführerin eines großen schwedischen Beratungs- und Dienstleistungskonzerns und spätere Unternehmensberaterin und Aufsichtsrätin sowie private Bekannte des neuen NRW-Ministerpräsidenten NRW soll sie nach dessen Vorstellung tatkräftig die Verkehrswende voranbringen.

Mit ihrem früheren Studium in Geschichte, englischer Philologe und Politikwissenschaften sowie einem aktuellem Fernstudium der Schriftstellerei sei sie prädestiniert für diese Aufgabe. (In ihrer Heimatstadt hatte man ihr Interessenkollision vorgeworfen, da dort ihr Mann Bürgermeister ist und Planungsaufträge an die Beratungsfirma seiner Frau gegangen sind). In die Schlagzeilen geriet Frau Brandes auch beim umstrittenen Projekt Stuttgart 21, wo sie für ihre Firma als größter Auftragnehmer involviert war. (Die Stuttgarter Wochenzeitung Kontext warf ihrem Konzern Kostenexplosionen und Fehlplanungen vor sowie „politischen Filz“).

Bedenkliche Interessenkollisionen

Deshalb hatte bereits die SPD-Opposition im Landtag NRW die Ernennung der neuen NRW-Verkehrsministerin Ina Brandes (CDU) zum Anlass genommen, um die Regierung in einer kleinen Anfrage nach Brandes' Rolle beim schwedischen Planungskonzern Sweco zu fragen, da ihre Firma auch in NRW Aufträge z. B. im Zusammenhang mit der Düsseldorfer Rheinbrücke in der Vergangenheit abwickelte und eine Interessenkollision ausgeschlossen werden sollte.

Erst kürzlich hatte Frau Brandes noch im Verkehrsausschuss des Landtages als Kronzeugin der Landesregierung Argumente für die Kündigung des Generalunternehmers für den Bauauftrag der Leverkusener Brücke geliefert, so kritisierte der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, MdL Carsten Löcker aus Herten.

Einflussreiche Fürsprecherin für die Halterner Verkehrswende ?

Ihr jetziger Chef Hendrik Wüst als neuer Regierungschef NRW, der selber insgesamt 10 Jahre als Lobbyist beruflich tätig war, bevor er später Verkehrsminister wurde, wird seine Bekannte im Amt der Verkehrsministerin sicherlich auf eine unabhängige Amtsausübung einschwören. Zumindest  kennt sie jetzt die Örtlichkeit rings um den Halterner Zukunftsbahnhof aus eigener Anschauung nach ihrem Ortstermin. Eine Rolle als Lobbyistin und einflussreiche Fürsprecherin für die Stadt Haltern im Verkehrssektor wäre insofern ein hoffnungsvoller Gewinn für die Stadt, damit hier die Mobilitätswende gelingt.

Denn die "autogerechte" Stadt  Haltern ist mit einer PKW-Dichte von weit  über 600 PKW pro 1000 Einwohner mit Abstand kreisweit der Spitzenreiter und liegt über dem Bundesdurchschnitt. Anders als die meisten anderen Städte  hat Haltern laut der zurückliegenden Mobilitätsbefragung seit 10 Jahren einen gleichbleibenden statt steigenden Anteil an Fuß- und Radverkehr und bedarf einer deutlichen Steigerung bei der ÖPNV-Nutzung.

Deshalb sollte die Bahn AG durch ihr Mißmangement nicht noch mehr Bahnkunden als Berufspendler vergraulen mit ihrer Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit, so dass diese gezwungen sind, wieder auf den PKW im "Stauland NRW" zurückzugreifen. Die Bürgerinnen und Bürger werden in Bund, Land und Kommune das veränderte Regierungshandeln im Verkehrssektor beobachten und einfordern, weil davon ihr Alltag und ihre Zukunft abhängt.

Autor:

Wilhelm Neurohr aus Recklinghausen

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