Hauptprüfung an der K2 zwischen Lippewasser, Stahl und Beton
Der Hammer ist das Stethoskop des Brückenprüfers

Sieben Meter lang und etwa einen breit ist der metallene Steg, der Teil eines sogenannten Untersichtgeräts ist, auf dem sich die Brückenprüfer des Kreises unter der Lippebrücke zwischen Datteln und Vinnum bewegen. Foto: Kreis Recklinghausen
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  • Sieben Meter lang und etwa einen breit ist der metallene Steg, der Teil eines sogenannten Untersichtgeräts ist, auf dem sich die Brückenprüfer des Kreises unter der Lippebrücke zwischen Datteln und Vinnum bewegen. Foto: Kreis Recklinghausen
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Haltern/Datteln. "Achtung" ruft eine tiefe Männerstimme. Mit einem kräftigen Ruck setzt sich der mobile Steg der Arbeitsbühne in Bewegung. Meter für Meter bewegt er sich an der Unterseite der Brücke entlang. Taschenlampenlichter huschen über den Beton, das Klopfen von Hämmern durchbricht die Stille, die sich mit dem Brummen der Arbeitsbühne und dem Rauschen der Lippe einige Meter tiefer mischt.

Sieben Meter lang und etwa einen breit ist der metallene Steg, der Teil eines sogenannten Untersichtgeräts ist, auf dem sich die Brückenprüfer des Kreises unter der Lippebrücke zwischen Datteln und Vinnum bewegen. "Die Brückenprüfung besteht aus zwei Teilen. Am ersten Tag kontrollieren wir die Unterseite der Brücke auf Risse im Stahlbeton, auf Hohlstellen und Abplatzungen. Der Stahl der inzwischen fast 70 Jahre alten Bogenbrücke wird außerdem auf Korrosionsschäden und unplanmäßige Verformungen untersucht. Besonders im Fokus haben wir die Schweißnähte", erklärt Bauingenieurin Nicole Wagner. Bei jedem Schritt wackelt und schwankt die Schwenkarm-Konstruktion.Der Hammer ist das Stethoskop des Brückenprüfers. Mit ihm klopfen die beiden Kreisangestellten auf den Beton, um Hohlstellen auszumachen. Kritisch werden können auch Bereiche, in denen Feuchtigkeit in den Bau eingedrungen ist: Wenn das Wasser im Winter gefriert und sich ausdehnt, entwickelt es eine immense Kraft, die den Beton abplatzen lassen kann. "Oder es bildet sich Rost in Verbindung mit Sauerstoff", so Wagner.
Die entdeckten Schäden zeichnet die Bauingenieurin in einem Plan ein, den sie in einem Rahmen befestigt hat und mit einem Schultergurt befestigt immer griffbereit um die Hüfte trägt. Zusätzlich beschriftet sie die Stellen für die spätere Zuordnung mit Kreide und dokumentiert die Schäden mit ihrer Kamera. Risse werden mithilfe eines Risslineals in Scheckkartenformat in ihrer Breite ausgemessen und ihre Länge bestimmt. "Es gibt genaue Regelwerke, in denen festgelegt ist, welche Maßnahmen wir bei welchen Schäden einleiten müssen." Unterschiede gebe es da auch je nach Brückentyp. Wichtig sei es, auch die Unterlagen der letzten Untersuchungen zur Hand zu haben: "So können wir sehen, ob sich beispielsweise ein Riss vergrößert hat und in welchem Zeitraum."

"So können wir sehen, ob sich beispielsweise ein Riss vergrößert hat und in welchem Zeitraum."

Die Bogenbrücke über die Lippe zwischen Datteln und Vinnum besteht aus Stahl, gefahren wird jedoch auf einer Platte aus Stahlbeton. Welches Material oder welche Kombination aus Materialien beim Brückenbau zum Einsatz kommt, ist abhängig vom Standort, von der Spannweite, aber auch vom Landschaftsbild. "Es stecken zwei verschiedene Prinzipien hinter Beton und Stahl. Beton hält großen Druck aus, bei dem die relativ schmalen Stahlbauteile ausbeulen würden. Stahl hingegen funktioniert gut auf Zug, ist elastischer und kann nachgeben, ohne zu reißen", erklärt Wagner. "Mit Stahl kann man elegante Brücken bauen und große Spannweiten überwinden. Dafür muss man den Korrosionsschutz regelmäßig erneuern, was mit viel Aufwand verbunden ist."Mindestens einmal im Jahr ist Bauingenieurin Wagner an jeder ihrer Brücken im Kreisgebiet: "So habe ich immer einen Eindruck von den Brücken, erkenne schnell, wenn sich etwas verändert hat. Noch öfter sind unsere Straßenwärter vor Ort und melden uns, wenn ihnen bei ihrer Sichtprüfung etwas auffällt."
Fast einen Tag brauchen die Brückenprüfer, bis sie die Unterseite der Brücke auf der Kreisstraße 2, der Vinnumer Straße, komplett inspiziert und alles Wichtige vermerkt haben. "Der erste Prüftag nimmt in der Regel deutlich mehr Zeit in Anspruch als der zweite. Das liegt an der viel größeren Prüffläche und an dem Einsatz eines anderen Prüffahrzeugs", erklärt Wagner. Beim Brückenuntersichtgerät sei der Aufbau recht schwierig, "als müsste man einen Faden in ein kleines Nadelöhr einfädeln". Fingerspitzengefühl, Augenmaß und Geduld brauchen die Fachleute, bis sie das Spezialfahrzeug in seiner Einsatzposition haben und mit der Prüfung beginnen können.
Am Nachmittag geht es über eine Leiter umgeben von einem Stahlgerüst zurück nach oben. Auf der Oberseite der Brücke wartet der Straßenbelag auf Prüfung. Und auch die Geländer werden begutachtet. Das Ergebnis: Eine Schweißnaht am Handlauf ist gebrochen. "Das können wir aber ohne großen Aufwand mit einer Art Schraubzwinge beheben", weiß Wagner. An Tag zwei stehen die großen Stahlbögen der Brücke auf dem Plan. Mit einer Gelenkteleskop-Arbeitsbühne geht es dann bei Wind und Nieselregen in die Höhe.

Hintergrund: 
Die Lippebrücke zwischen Datteln und Vinnum soll in den nächsten Jahren neugebaut werden.Das dazu benötigte Planfeststellungsverfahren wird aktuell vom Kreis Unna durchgeführt, der gemeinsam mit dem Kreis Recklinghausen für das Projekt zuständig ist. Die neue Brücke soll zwei Fahrspuren bekommen.
Das Ingenieurbüro, das die Planung des Neubaus übernimmt, hat auch die Brückenprüfung begleitet.Sobald alle Prüfungsergebnisse vorliegen, erarbeitet der Kreis Recklinghausen einen Unterhaltungsplan. In diesem werden dann die nötigen Maßnahmen für den Erhalt in den nächsten Jahren festgelegt. Die Planer berücksichtigen dabei, dass sie Zeitfenster wie Ferien nutzen, in denen weniger Verkehr die Brücke passiert. Die K2-Brücke wurde 1951 aus Stahl und Beton gebaut. Die letzte Hauptprüfung liegt sechs Jahre zurück.

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