Weiberfestnacht hieß in Westfalen früher Lütke Fastnacht
Wie die Kinder früher Karneval feierten

Diese Kinder feierten die Lütke Fastnacht 1960 in Rüthen-Drewer (Kreis Soest) mit einem Heischegang. Foto: LWL-Archiv
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Westfalen (lwl). "Lütke Fastnacht" (kleine Fastnacht) - so hieß früher in großen Teilen Westfalens der Donnerstag vor Rosenmontag, der heute als Weiberfastnacht bekannt ist. Es war der "kleine" Fastnachtstag neben dem eigentlichen Fastnachtstag, der am Tag vor Aschermittwoch gefeiert wurde.

Ein markanter Brauchtermin war Lütke Fastnacht im Süden Westfalens. Vor allem im Sauerland war er bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durch Umzüge der Kinder geprägt. Und damit hatte die Lütke Fastnacht eine doppelte Bedeutung, denn sie war zugleich die Fastnacht der Kleinen.
Die Volkskundliche Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) verwahrt in ihrem Archiv über hundert Berichte zur Fastnacht aus allen Teilen Westfalens. Im Spiegel dieser Berichte zeigt sich ein völlig anderes Bild, als man es von heutigen Karnevalsfeiern kennt. Vor allem die jungen Leute feierten noch einmal richtig ausgelassen. Da mit dem anschließenden Aschermittwoch die sechswöchige Fastenzeit begann, war das Fastnachtfeiern vor allem in katholischen Orten verbreitet. Professor Heinrich Schauerte (1882-1975) beschreibt, wie er in seiner eigenen Kindheit die Lütke Fastnacht im Hochsauerland erlebt hatte. Dort zogen die Kinder in kleinen Gruppen verkleidet innerhalb der Nachbarschaft von Haus zu Haus und sammelten Würste, Speck, Backwerk, Obst und alles, was sie für ihre Feier brauchen konnten. Im Dorf Nordenau trugen die Schuljungen eine große Strohgabel, um die Würste daran zu hängen.  "Die Schulmädchen gingen ebenso von Haus zu Haus und sammelten etwas Geld, Kartoffeln und alles andere, was zum Festessen und Wurstessen nötig war, aber auch Zucker für das Zuckerwasser, denn das war unser Getränk an diesem Nachmittage und Abend", so Schauerte.Nach dem Kaffee gingen die Kinder zur Schule und stellten die Bänke aufeinander, um Platz zum Tanzen zu schaffen. "Ein kleiner Musikant unter den Schuljungen spielte dann auf einer Mundharmonika zum Tanze auf. Und nun nahm jeder Junge ein Mädchen bei der Hand und drehte sich mit ihm in Tänzen, wie sie als Volkstänze auch sonst auf der Deele oder auf Schützenfesten und bei Hochzeiten getanzt wurden, teils springend und hopsend, teils auch schon mit der Grazie der ,Großen‘", berichtet Schauerte. Sehr anschaulich sei hier zu sehen, wie die Kinder in das gesellige Leben der Erwachsenen hineinwüchsen. "Durch Nachahmung eignen sie sich die verschiedenen Elemente der Festkultur an", erklärt LWL-Volkskundler Thomas Schürmann.  Abends aßen die Kinder die Würste, die in einem der Häuser in der Nachbarschaft gekocht wurden. Dem Lehrer brachten die Kinder eine Wurst und einen Trunk Bier; sie selbst begnügten sich mit Zuckerwasser.

In ähnlicher Form verlief die Lütke Fastnacht auch in anderen sauerländischen Orten. Meist trugen die Kinder anstelle der Strohgabel einen kleinen Spieß bei sich, um Würste, Speckscheiben oder auch Waffeln daran festzustecken. Von den Erwachsenen wurden die Feiern der Kinder unterstützt, denn es war ein harmloses Vergnügen.  Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde diese Form des Fastnachtfeierns allmählich seltener, vor allem wohl, weil die Heischegänge von vielen als Bettelei und damit als peinlich empfunden wurden. In manchen Orten wurden die Gänge aber noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg geübt.
Heute veranstalten häufig Kindergärten und Grundschulen eine "Lütke Fastnacht" für die Kleinen. Diese Feiern sind indes keine Wiederbelebung alter Bräuche, denn sie haben einen ganz anderen Charakter als die früheren Feiern. Bei den älteren Umzügen organisierten die Kinder ihr Fest selbst und lernten dabei spielerisch die Regeln des sozialen Miteinanders. Heute werden sie vom Personal der Schulen und Kindergärten angeleitet.
2009 beschäftigte sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit der Lütke Fastnacht. Anlass war die Lütke-Fastnachtfeier einer Grundschule im Kreis Paderborn. Dort waren zwei Jungen aus religiösen Gründen zu Hause geblieben. Das Gericht nahm die Beschwerde der Eltern jedoch nicht an und entschied: Karneval bzw. Fastnacht ist kein katholisches Kirchenfest, denn es ist aller religiösen Bezüge, die es einst vielleicht hatte, weitgehend entkleidet.
Damit ist höchstrichterlich festgestellt, was die Kinder früher von Anfang an wussten: Lütke Fastnacht ist kein Kirchenfest, sondern ein ganz weltlicher Spaß. Und die meisten Menschen denken auch nicht mehr daran, nach den Karnevalstagen zu fasten.

Autor:

Michael Menzebach aus Haltern

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