Asylrecht macht eine Familienzusammenführung schwierig

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Rhaman aus Afghanistan erzählt über seine Flucht

Haltern. Viele Mitbürger kennen Geflüchtete nur als "die Flüchtlinge", fremd und anonym. Für den Asylkreis Haltern am See hat die Flucht inzwischen viele sehr unterschiedliche Gesichter bekommen. In dieser Serie stellen wir einige vor. Rhaman, 23 Jahre aus Afghanistan, hat bereits zweimal fliehen müssen. Die Wohnsitzauflage des Asylrechts verhindert, dass er zu seinen Familienangehörigen nach Lippstadt ziehen kann.

"Ich bin im Iran aufgewachsen, aber ich bin Afghane. Als ich fünf Jahre alt war, ist mein Vater in Afghanistan getötet worden. Er war ein Mullah, also ein islamischer Rechts- und Religionslehrer. Die Taliban haben gesagt, er ist ein Problem und sie brachten ihn um. Meine Mutter floh mit uns Kindern in den Iran. Ich habe zwei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Seit 18 Jahren ist meine Familie im Iran, aber dort sind wir auch nicht sicher.
Acht Jahre lang bin ich zur Schule gegangen und habe danach in der Plastikbranche gearbeitet. Meine beiden Brüder haben eine Firma, in der sie altes Plastik mit Maschinen bearbeiten, damit es wieder neu ist. Ich lebte bei meiner Mutter.
Unser Problem ist, dass Afghanen im Iran nicht willkommen sind. Wir bekommen keine Dokumente. Wir mussten schwarz arbeiten, unsere Firma war eine schwarze Werkstatt. Der Bürgermeister unserer Stadt hat uns große Probleme gemacht. Ich konnte nicht mehr arbeiten.  Nach Afghanistan können wir auch nicht zurück gehen, dort gibt es keine Sicherheit für uns. Es war meine Idee, nach Deutschland zu gehen. Wir planten, dass ich mit meiner Schwester, meiner Schwägerin und vier Kindern vorgehe und meine Mutter nachkommt, wenn ich einen sicheren Weg für sie gefunden habe. Wir konnten sie nicht direkt mitnehmen, denn meine Mutter ist sehr alt und eine Flucht sehr gefährlich.
Einen Monat haben wir in der Türkei gewartet. Aber Deutschland hat gesagt „fertig“, und ich musste meine Mutter anrufen und sagen, dass sie nicht kommen kann. Der Weg nach Griechenland war schwierig. Zweimal war ich schon auf dem Meer, aber die Polizei hat uns nach Istanbul gebracht. Erst beim vierten Mal hat es geklappt. Wir saßen mit 50 Leuten auf einem neun Meter langen Schlauchboot. Ich hatte große Angst. Die Wellen waren so hoch. Mit Zug, Bus und Auto kam ich über Österreich nach Deutschland. Das war im Oktober 2015.
In den ersten sieben, acht Monaten hatte ich keine Schule, dann war ich beim Bildungszentrum. Jetzt habe ich mit der Abendrealschule angefangen. Ich möchte unbedingt eine Ausbildung machen - ohne Ausbildung gibt es keine Arbeit. Aber ich weiß noch nicht genau was ich machen möchte, erst mal lernen.
Meine Schwester, meine Schwägerin und die Kinder wohnen in Lippstadt. Ich wäre so gerne bei ihnen, denn hier lebe ich allein in einer Flüchtlingsunterkunft. Seit einem Jahr schreibe ich Briefe, damit ich zu ihnen ziehen kann, auch ans BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Leider habe ich keine gute Antwort bekommen, weil ich älter als 18 Jahre bin. Aber ich bin jung und ich habe viel Stress, weil ich meine Familie so sehr vermisse. Seit ein paar Wochen habe ich einen Paten, der mir hilft und sich mit mir trifft, um besser Deutsch zu lernen. Darüber freue ich mich sehr. Deutschland ist gut, die Menschen sind gut. Ich habe keine schlechten Menschen gesehen."

Ihre Erlebnisse schreiben die Geflüchteten selbst auf, unterstützt von der freien Journalistin Gerburgis Sommer. Die Ausstellungen mit 19 Gesichtern einer Flucht werden bis zum 22.11. in Heilsbronn/Bayern, bis zum 26.11. in der St. Epiphanias-Gemeinde in Münster und am 02.12. bei der Recklinghäuser Tagung der IG BCE im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen gezeigt. Alle Portraits und Termine auf www.gesicht-einer-flucht.de.

Autor:

Michael Menzebach aus Haltern

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