Gemeinsames Lernen für alle - ohne Förderschule?

Schulleiter Bernd Leven (sitzend) und sein Stellvertreter Karsten Nöller stehen der Inklusion skeptisch gegenüber. Foto: Pielorz
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Am 26. März 2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Nun ist sie geltendes deutsches Recht und muss umgesetzt werden. Dabei muss Deutschland das Leitbild der Konvention achten: die Inklusion, also die vollumfängliche Einbeziehung behinderter Menschen in die Gesellschaft von Anfang an. Im Klartext bedeutet dies: Es ist der politische Wille, dass Behinderte die Regelschule besuchen. Das Aus für die heutige Förderschule?

Die Konvention verfolgt ein grundsätzlich neues Leitbild: die Inklusion. Sie ist klar zu unterscheiden von der in Deutschland bekannten Integration: Nicht (mehr) der behinderte Mensch muss sich anpassen, damit er in der Gesellschaft dabei sein kann. Stattdessen muss sich die Gesellschaft mit ihren Strukturen anpassen. Eine inklusive Gesellschaft bezieht behinderte Menschen mit ihren Bedürfnissen von Anfang an ein und grenzt gar nicht erst aus. Die Individualität und Vielfalt der Menschen wird anerkannt und wertgeschätzt.
Individualität und Vielfalt erkennt seit vielen Jahren auch die Förderschule St. Georg an. 105 Schüler werden hier in drei Gebäuden gefördert. 44 von ihnen sind sprachbehinderte und/oder verhaltensauffällige Kinder. Fast alle von ihnen schaffen es während der Grundschulzeit, sich soweit zu entwickeln, dass der Besuch einer weiterführenden Regelschule möglich wird.
Die anderen Schüler sind lernbehinderte Schüler. Sie bleiben in der Regel in der Förderschule, machen auch hier einen Abschluß. Manche von ihnen schaffen eine Ausbildung, manche nicht. Sie werden nicht nach dem „normalen Curriculum“ unterrichtet, erhalten keine „normalen Noten“.
Aber die Förderschule verhilft auch ihnen zu sinnvollen Ansätzen, was sie mit ihrem Leben machen können. Schuleiter Bernd Leven steht nun vor der Frage der Bewertung der Inklusion. „Unser Schulsystem ist auf Homogenität ausgerichtet. Inklusion will Heterogenität als Chance begreifen. Davon sind wir in der Realität aber weit entfernt. Im Gegenteil häufen sich Anrufe von Lehrern und Eltern weiterführender Schulen, die mich um die Aufnahme von Kindern bitten, die an der Regelschule zunehmende Probleme haben. Zur Zeit sind 20 Prozent der Förderschüler in NRW in einem gemeinsamen Unterricht mit den anderen Schülern. 80 Prozent besuchen eine Förderschule. Ziel der Politik der Landesregierung ist es, dieses Verhältnis umzukehren und auf absehbare Zeit die Förderschule abzuschaffen.“
Noch, so Leven, gibt es kein Elternrecht auf juristischer Grundlage, welches eine Beschulung behinderter Kinder in der Regelschule einfordere. Doch es gibt schon heute Gerichte, die den Elternwillen als maßgeblich ansehen und die Schulaufsicht nach diesem Willen entscheiden lassen.
Die Zeiten, in denen eine Förderschule wie St. Georg als „Hilfsschule“ daherkam, sind längst vorbei. Heute ist es das Ziel der Schule, möglichst viele ihrer Schüler so zu fördern, dass ein Besuch der Regelschule machbar wird. Doch das gilt und geht eben nicht für alle, denn Scheitern sollen die Kinder auf diesem Weg natürlich nicht.
„Die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat längst nicht nur etwas mit Schule zu tun. Dahinter steht eine gesellschaftliche Frage, die gelöst werden muss. Natürlich kann man eine Schule mit der nötigen Infrastruktur ausstatten. Man kann die Klassen verkleinern, Sozialpädagogen bereitstellen, überhaupt den Personalschlüssel an die Veränderungen anpassen, aber man muss auch sagen, wie es weitergehen soll. Eine Akzeptanz im Kopf kann man nicht verordnen. Und eine Möglichkeit der Ausbildung auch nicht, wenn die Wirtschaft nicht bereit ist, sich einzubringen. Inklusion bedeutet, dass wir uns über Noten unterhalten müssen, über Beurteilungen, über eine völlig andere Wertgrundlage als die, die wir heute haben. Ob dies gelingt, wage ich zu bezweifeln“, so Leven. Auch Karsten Nöller, stellvertretender Schulleiter, teilt diese Bedenken. „Wir hätten uns einen anderen Weg gewünscht. Wir hätten es begrüßt, wenn einige allgemeine Schulen als Projektschulen genutzt worden wären. Wir hätten es begrüßt, wenn man die Lehrerausbildung geändert hätte, denn vielen Kollegen ist es nicht vertraut, mit Behinderten umzugehen und sie wissen überhaupt nicht, was auf sie zukommen wird. Stattdessen bemüht sich die Politik, Nägel mit Köpfen zu machen und die Schulen per Gesetz vor vollendete Tatsachen zu stellen.“
Beide Experten, die Tag für Tag mit Schülern zu tun haben, sind sich einig: „Integration ist ein guter Weg und wir sind sehr erfolgreich.“ Ob diese Mitte zwischen Separation, Integration und Inklusion nicht auch die beste Lösung ist, bleibt eine Frage der Zukunft.
Für die Förderschule St. Georg bleibt in diesem Jahr noch eine Frage zu klären: wird die Schule in die Räumlichkeiten der Hauptschule in der Lessingstraße einziehen? Es könnte möglich werden, wenn die Hauptschule bereits in diesem Jahr geschlossen wird und die Kinder in Sprockhövel in der Gemeinschaftshauptschule Aufnahme finden.
Dann würde für die Förderschule der Platz frei und sie könnte endlich alle Förderschwerpunkte unter einem Dach und nicht an drei verschiedenen Schulstandorten durchführen.
Ein Blick in die Zukunft – wenn Förderschulen wie St. Georg auch eine politische Zukunft haben.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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