Elterntreff: Das kann doch alles nicht normal sein

Jörg Winterscheid. Foto: Pielorz

Das kann doch alles nicht normal sein!“ Unter diesem Motto stand der Elterntreff im Dezember 2017. Referent war der Heilpädagoge Jörg Winterscheid, der seit 25 Jahren mit Eltern, Kindern und verschiedenen Einrichtungen zusammen arbeitet. Sein Motto: Wir können den Wind nicht ändern, aber versuchen, die Segel richtig zu setzen. Voraussetzung dafür ist allerdings das Wissen um den richtigen Kurs.

„In meinem täglichen Kontakt mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Schulen und Kindergärten erfahre ich oft Rat- und Hilflosigkeit. Ich erlebe verunsicherte Erwachsene, die zwischen der pädagogischen Autorität der 1950er Jahre und den antiautoritären Ansätzen der 1970/80er Jahre pendeln. So wie früher wollen sie nicht erziehen, so wie sie es sich heute vorstellen, scheint es auch nicht wirklich zu klappen“, erzählt Jörg Winterscheid.
Der Ausgangspunkt in der Erziehung – und nicht nur dort – sei denkbar einfach. „Wir wollen alle Harmonie und Wärme. Was passiert aber, wenn wir die Hände aneinander reiben? Es entsteht Reibung, die wiederum Wärme erzeugt. Das Bild ist übertragbar. Aus Reibung und Konflikten kann Liebe und Wärme entstehen. Eltern und Kinder stehen in meinem Modell, vergleichbar einem Schiffskörper, auf unterschiedlichen Ebenen. Die Kinder „unter Deck“ wollen nach oben aufsteigen, weil sie mitbestimmen möchten. Die Eltern „auf Deck“ wiederum schicken die Kinder wieder auf die untere Ebene. Dabei kann sowohl das Durchsetzen als auch das partnerschaftliche Verhandeln einen Konflikt lösen.“ Doch wie soll ein Kind lernen, selbstständig zu werden, wenn es immer „unter Deck“ ist? Auch dafür hat Winterscheid eine Lösung: „Es gibt in dem Modell die Beiboote, das bedeutet, enge und sichere Räume, in denen das Elternteil dem Kind Eigenverantwortung zugesteht und seinen eigenverantwortlichen Radius erweitert. Das ist symbolisch zunächst ein Dreirad, dann ein Roller, ein Fahrrad, ein Moped und schließlich ein Auto – mit jedem Fortbewegungsmittel vergrößert sich der Radius. Ist ein Kind noch klein und sein Radius sehr eng, dann kann das Elternteil ihn sogar wieder völlig auflösen, wenn das Kind unangemessen damit umgeht.“ Eine völlige Selbstständigkeit im Sinne „des eigenen Kapitän sein“ vollzieht sich aber erst im vollzogenen Abnabelungsprozess aus dem Elternhaus.

Reibung erzeugt Wärme - Konflikte sind normal

Nochmal zurück zum Erziehungskonflikt: Winterscheid bringt ein Beispiel mit einem kleinen Kind. „Ein Kind will ein Eis essen, die Mutter will, dass es Kartoffeln isst. Was geschieht? Viele Eltern sagen, sie sprechen dann mit dem Kind, aber es soll am Ende trotzdem die Kartoffeln essen. Sie reagieren erstaunt, wenn ich ihnen sage, dass ich an Stelle des Kindes die Kartoffeln nicht essen würde. Die meisten Eltern versuchen, dem Kind zu erklären, dass es doch vernünftig ist, die Kartoffeln zu essen. Aber bei einem kleinen Kind ist der Appell an den Verstand viel zu früh. Hinzu kommt, dass ein erzielter Kompromiss immer auf einen Verzicht hinaus läuft, mit dem beide Seiten leben müssen. Denn jeder will ja seine Ziele durchsetzen. In diesem Fall vielleicht weniger Kartoffeln und ein kleines Eis. Doch weil ich auf etwas verzichte, sollten die Eltern auch bei einem Kompromiss nicht glauben, ihr Kind sei von dem Ergebnis begeistert. Das wird es in der Regel nicht sein.“
Erziehung, so Winterscheid, ist eine dynamische Beziehung, die aus Durchsetzen, Verhandeln und Eigenverantwortung besteht. Dabei kommt die Eigenverantwortung erst zu einem späteren Zeitpunkt als dritte Säule dazu. Die Grundlagen der Erziehung sind Liebe, gegenseitige Anerkennung und Respekt!
Dabei soll niemand annehmen, die Konflikte zwischen Eltern und Kinder entstehen deshalb, weil die Kinder irgendwie böse seien. „Nein, Kinder, ich sage sogar alle Menschen, sind Egomanen. Sie möchten ihre Interessen durchsetzen und nutzen dazu den Spielraum, den die anderen Menschen ihnen zugestehen. Wenn ich als Elternteil mit meinem Kind nicht einer Meinung bin, dann ist der entstehende Konflikt völlig normaler Alltag – wie es Bedürfniskonflikte grundsätzlich sind! Ich muss mir dann überlegen, ob ich mein Ziel mit Autorität durchsetzen möchte oder mit dem Kind eine Diskussion auf partnerschaftlicher Ebene beginne, die zu einem Kompromiss führt: Du ziehst eine Jacke an, aber welche, kannst Du dir aussuchen.“
Grundsätzlich, so Winterscheid, habe sich an den Klagen über die Jugend nie etwas geändert. „Unsere Zeit befindet sich in einer kritischen Phase. Die Kinder hören auf ihre Eltern nicht mehr. Das Ende der Welt ist nicht mehr fern“ (Ägyptischer Priester, etwa 2000 vor Christus). Zu jeder Zeit, so Winterscheid, habe es die Klagen aus dem Generationenkonflikt heraus gegeben.
Nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat nach Auffassung des Hattinger Heilpädagogen das 1844 von Dr. Heinrich Hoffmann fertiggestellte Buch „Struwwelpeter“ für seinen damals dreijährigen Sohn. „Inhalt des Buches sind ganz normale unerwünschte menschliche Verhaltensweisen, die auch auf Erwachsene zu beziehen sind. Der Schlabberlook, das Nicht-Rasieren, mal der Wut freien Lauf lassen, nicht alle Menschen gleich behandeln, eigene Grenzüberschreitungen – sehen Sie sich die Figuren einmal genau an und dann werden Sie feststellen: Das alte Kinderbuch ist hoch aktuell.“
Kontakt: Jörg Winterscheid, Heilpädagogische Ambulanz, Zum Ludwigstal 27, 45527 Hattingen; Telefon 02324/38806; E-Mail: info@winterscheid. com; www.winterscheid.com

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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