Von Hagen nach Weimar

Reinhard Hilker war taubstumm und hat deshalb seine menschlichen Figuren stets ohne Ohren dargestellt
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Die Kunst- und Architekturschule Bauhaus gilt als Wiege des modernen Designs. Eine Ausstellung in der FernUni spürte in diesem Jahr den Spuren Hagener Bauhaus-Schülern nach, denn keine andere Stadt setzte so gezielt einen Impuls für ein Studium am Bauhaus wie Hagen.
90 Jahre ist es her, dass Walter Gropius in Weimar die Kunst-, Design- und Architekturschule Bauhaus gründete. Die Ausstellung „Von Hagen aus zum Bauhaus“ erklärte die bis heute nachwirkende Faszination der Bauhaus-Kunst anhand von Werken und Biographien sechs Hagener Bauhaus-Schüler.

Das Bauhaus war eine künstlerische Reformbewegung. Ziel war der „Bau der Zukunft“, der alle Künste in idealer Einheit verbinden sollte. Das erforderte einen neuen Typ des Künstlers, den man am Bauhaus erziehen wollte. Geradezu revolutionär schien der Gedanke, dass Künstler und Handwerker gemeinsam in Lehre und Produktion zusammen arbeiteten.Walter Gropius formulierte sein Kunst-Ziel so: „Die Schule soll allmählich in der Werkstatt aufgehen.“ Die Namen einiger Bauhaus-Lehrer klingen auch heute noch nach: Paul Klee, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky oder Laszlo Moholy-Nagy. Es war nicht einfach, als Schüler am Bauhaus aufgenomen zu werden.
Warum also Hagen? Warum stellte ausgerechnet die Volmestadt mehr Bauhaus-Studierende als jede andere westfälische Stadt? „Den Impuls gaben die Lehrer“, erklärt Dr. Friedrich Wilhelm Geiersbach von der Fernuni. Die Lehrer, das waren Ernst Gehlen und Max Austermann, die an der Städtischen Gewerblichen Fortbildungsschule ein Klima schufen, das junge, talentierte Künstler anlockte. Gehlen und Austermann waren es auch, die ihren talentiertesten Schülern Referenzen und Gutachten für deren Bewerbung an der Bauhaus-Schule schrieben, denn „man musste schon was vorweisen können“, so Geiersbach, „die haben am Bauhaus schließlich nicht jeden genommen.“
Neben Gehlen spielte aber auch der „Osthaus-Faktor“ eine große Rolle: „Mit Karl Ernst Osthaus und dem Folkwang-Museum herrschte damals in Hagen ein ganz besonderes Klima für die Kunst“, so Geiersbach. Die Volmestadt war ein Zentrum der Moderne, das sah man auch in Weimar und später in Dessau, wohin die Bauhaus-Schule 1925 umzog. „Gut nachvollziehen kann man das an einem Schriftwechsel zwischen dem Bauhaus-Direktor Walter Gropius und dem damaligen Oberbürgermeister Finke, den ich im Stadtarchiv entdeckt habe“, erklärt ein sichtlich stolzer Geiersbach. So bedankt sich Gropius etwa „für die sehr willkommene Unterstützung unserer begabten Studierenden“. Denn das Studium am Bauhaus war nicht billig und die Stadt Hagen hatte, gemeinsam mit der Handwerkskammer Dortmund, 500 Reichsmark „springen lassen“, um den Hagener Studenten Max Gebhardt finanziell zu unterstützen.
Was ist nun vom Bauhaus zu sehen in der Ausstellung? Von Heinrich Brocksieper (1898-1968) sind Fotografien und kleine filmische Experimente zu sehen.
Reinhard Hilker (1899-1961) begann seine künstlerische Laufbahn zunächst als Postkartenmaler und Karikaturist. In der Fernuni sind eindrucksvolle Beispiele zu sehen, etwa der Kartengruß zum Osterfest 1919, dessen österliches Bildmotiv mit Stacheldraht umschlungen an das noch nahe Kriegsende erinnert.
Hilker zeigte als Schüler großes Talent, wie ein Brief des Hagener Malers Christian Rohlfs bezeugt, den er an den Schulvorstand der gewerblichen Fortbildungschule richtete und der in der Ausstellung zu sehen ist: „Der Schüler Hilker zeigt in seinen Arbeiten bemerkenswerte Anlagen und es wäre zu wünschen, dass ihm Förderung und Aufmunterung zu Teil werde.“
Farbenprächtig sind seine späteren, größeren Bilder, bei denen sich dem Besucher die Frage aufdrängt, warum Hilker seine Figuren stets ohne Ohren malt. „Hilker war taubstumm und hat deshalb seine menschlichen Figuren stets ohne Ohren dargestellt“, erläutert Kuratorin Petra Holtmann. An seinen späteren, modernen Bildern beeindruckt die Reduzierung auf das Wesentliche, Höhepunkt dieser Zeit sein Nietzsche-Porträt.
Erna Mayweg ist die einzige Frau in der „Hagener Sechserbande“. Die Tochter aus bürgerlichem Hause arbeitete 1918, nach einer künstlerischen Ausbildung in Köln, mit dem Hagener Bildhauer Will Lammert in einem Atelier am Stirnhof. „Lammert war es auch, der Erna Mayweg (1885-1974) nahelegte, zum Bauhaus nach Weimar zu gehen“, erklärt Holtmann. Mayweg studierte allerdings nur ein Semester am Bauhaus, weil sie sich während der Ausbildung schwer an der Hand verletzte und daher ihr Bildhauerei-Studium nicht fortsetzen konnte. So ging sie nach Worpswede, wo sie als Gestalterin arbeitete und beispielsweise Stühle und Türgriffe für das „Café Verrückt“ in Worpswede entwarf. Nach ihrer Worpsweder Zeit kehrte sie nach Hagen zurück und arbeitete dort vor allem mit Keramik.
Als „Gebrauchsgrafiker“ bezeichnet Geiersbach den Bauhaus-Schüler Max Gebhard (1906-1990). Zu sehen sind in der Fernuni-Bibliothek grafische Arbeiten seiner Bauhaus-Zeit sowie Polit-Plakate, die er im Auftrag der KPD („Kämpft mit gegen Hunger, Faschismus, Krieg. Werdet alle Junge Pioniere“ von 1932) oder später in der DDR gestaltete. Zu sehen sind neben wunderschönen Zeichnungen, die er für seine Tochter Susanne anfertigte, auch propagandistisch gestaltete Buchcover, die er als Chef-Grafiker des Dietz-Verlages in der DDR schuf.
Ferner informiert die Hagener Bauhaus-Schau auch noch über August Agatz (1904-1945), der von Kandinsky inspiriert wurde und sich auch einen Namen als Silberschmied machte, und Albert Buske (1903-1980)- „Mit Buske habe ich mich zunächst etwas schwer getan“, gesteht Geiersbach. „Er war Leiter der kommunistischen Studentenzelle am Bauhaus“, lächelt Geiersbach, „vielleicht fiel es mir deshalb etwas schwerer, mich mit ihm künstlerisch auseinanderzusetzen.“
Allerdings gibt es auch nur wenig Archivalien dieses Bauhaus-Schülers. Buske arbeitete zunächst in der Bauhaus-Tischlerei mit und stattete die von den Bauhaus-Architekten gebauten Häuser aus. In der DDR wurde Albert Buske schließlich als Produktentwickler bekannt. „In dieser Funktion hat er die Ideale der Moderne in die Gestaltung der DDR-Produkte mit eingebracht“, so Geiersbach. In Hagen ist u.a. ein von Buske gestaltetes Tonband zu sehen.

Das Buch zur Ausstellung ist im ardenku-Verlag erschienen.

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