Volkstrauertag in Herdecke

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Der Opfer von Krieg und Gewalt wurde am vergangenen Wochenende anlässlich des Volkstrauertages auch in Herdecke und Ende gedacht. Die Evangelische Kirchengemeinde Ende hatte zum Gottesdienst eingeladen. Direkt im Anschluss fand am Gedenkstein gegenüber der Dorfkirche ein Gedenken für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft statt. Der Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Ende begleitete diese Andacht musikalisch.
Die Gedenkfeier in Herdecke vor dem Ehrenmal an der Goethestraße wurde vom Sozialverband VdK Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten und Rentner Deutschland, Herdecke, durchgeführt. Die Ansprache von Pfarrer i.R. und Feuerwehrseelsorger Karl-Heinz Schanzmann zum Volkstrauertag am Ehrenmal Goethestraße gibt es hier in voller Länge:
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Gedenkstunde!
Die Nachrichten der vergangenen Tage erschrecken mich: Die Situation zwischen Israel und den Palästinensern scheint von Provokationen in einen Krieg überzugehen.
Dabei ist Krieg für uns heute in Deutschland etwas Abstraktes, er erscheint auf perfide Weise spielerisch. Unser multimediales Zeitalter liefert zwar die Brutalität direkt ins Wohnzimmer. Und sicher: Die Zeitungsbilder von verletzten Kindern und weinenden Müttern rühren uns an. Doch das am Bildschirm in Form von
Zielerfassung und Explosion sichtbar gemachte Töten wird verharmlost, indem es einen scheinbar sauberen, unblutigen Krieg suggeriert. Die bewegten Bilder wirken mehr wie ein Computerspiel, als dass sie uns über die blutigen, entsetzlichen Folgen von Raketeneinschlägen und Bombenexplosionen informieren. Und leider geht allzu oft in der öffentlichen Beachtung hinter den unvorstellbaren Zahlen der Kriegsopfer und hinter der Zerstörungsmacht von Terroranschlägen der Verlust einzelner Menschenleben verloren, der doch für die Angehörigen den Verlust einer ganzen Welt bedeutet. Was passiert denn, wenn jemand im Krieg getötet wird? Die Trauer um Partner oder Kinder, um Angehörige oder Freunde begleiten einen Menschen ein ganzes Leben lang. Der Verlust ist noch lange spürbar - auch für die Kinder und Kindeskinder, selbst wenn sie von dem Geschehen gar nichts mitbekamen. Aber sie haben es erlebt, wie um den Menschen getrauert wurde, den sie selbst vielleicht nicht kennenlernen konnten. Sie haben die Erinnerungen gehört, die in der Familie erzählt werden, und das bittere Schweigen gespürt.
Die Nachrichten der vergangenen Tage erschrecken mich: Ein Einsatz der Bundeswehr an der türkisch-syrischen Grenze ist wahrscheinlich.
Dabei ist Krieg für uns heute in Deutschland etwas Abstraktes, er scheint weit weg zu sein. Mitteleuropa war in den vergangenen Jahrzehnten ein Kontinent des Friedens. Wir dürfen dankbar dafür sein und es keinesfalls als selbstverständlich nehmen, dass in unserem Land Generationen ohne Krieg aufwachsen konnten. Krieg, so scheint es, ist etwas von gestern oder ein Problem tausende Kilometer entfernt. Doch Gewalt, Zerstörung und Terror sind leider weiterhin Realität, auch für uns in Deutschland. Zahlreiche Frauen und Männer befinden sich als Soldatinnen und Soldaten, als technisches oder diplomatisches Personal, als Ärzte und Sanitäter internationaler Hilfsorganisationen für Deutschland im Auslandseinsatz. Sie alle haben Familien, sie alle werden geliebt - und vermisst. Bei diesen Einsätzen riskieren Menschen ihr Leben, einige haben es verloren. Auch an sie und ihre Angehörigen wollen wir heute, am Volkstrauertag, denken.
Manchmal hört man Stimmen, die fragen: Warum muss unsere Bundeswehr überhaupt im Ausland tätig werden? Ich stelle mir persönlich diese Frage auch und tue mich schwer mit einer Antwort. Denn da ist in meinen Gedanken auch das andere, die Erinnerung an das unsägliche Leid, das Deutsche im Zweiten Weltkrieg verursacht haben, getrieben vom Rassen- und Größenwahn des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Und so stelle ich mir eben auch die andere Frage: Müssen wir Deutschen auf Grund unserer bitteren Erfahrungen nicht bereit sein, Unterstützung zu leisten in Gegenden der Welt, wo Gewalt Alltag ist, Gewalt aufgrund von Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Machtgier? Ist es nicht angemessen, wenn unsere Bundeswehr heute dazu beiträgt, Terror und Gewalt zu verhindern? Wir müssen sicher vom Frieden her denken, den wir wollen. Aber können wir uns dabei vor Terror und Gewalt verschließen, die Realität sind? Der ISAF-Einsatz in Afghanistan ist sicher keine den Frieden sichernde Blauhelm-Mission, sondern ein den Frieden erzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten. Doch was wird sein, wenn die ISAF-Truppen aus Afghanistan abgezogen sind?
Fragen über Fragen. Eines aber ist für mich keine Frage: Den Soldatinnen und Soldaten, den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, den engagierten Zivilistinnen und Zivilisten im Auslandseinsatz - ihnen muss unser Respekt gelten und unsere Hilfe, vor allem auch unsere besondere Unterstützung bei der Rückkehr, denn die Erfahrung des Krieges verändert jeden Menschen. Wir dürfen die Heimkehrenden mit dieser Erfahrung nicht allein lassen. Und wir dürfen auch ihre Angehörigen und Freunde mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein lassen.
So, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Gedenkstunde, besinnen wir uns heute darauf, welche Antworten wir auf Krieg und Terror geben müssen und was wir für Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit bei uns und in der Welt tun können. 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und beinahe 100 Jahre nach Ende des Ersten fordert auch heute noch der Volkstrauertag Demut von uns angesichts der Millionen Opfer, damals und heute, in Europa und in den Kriegs- und Krisengebieten unserer Welt. Denn Krieg ist nicht Geschichte, Krieg ist auch im 21. Jahrhundert noch immer schreckliche Realität. Mit dem Gedenken an die schrecklichen Verbrechen vergangener Kriege geht eine eindringliche Mahnung an uns Heutige einher: Wir dürfen nicht in Vergessenheit geraten lassen, was einst geschah. Wir dürfen nicht vergessen, wohin Arroganz und lntoleranz, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt gegenüber Andersdenkenden oder Menschen anderer Herkunft oder gegenüber Schwachen führen. Wir müssen uns selbst immer wieder mahnen, uns für den Frieden einzusetzen und entschieden gegen Unfreiheit, Krieg und Terror vorzugehen.
So ist es mehr denn je wichtig, dass wir die Tradition des Volkstrauertages fortsetzen. Es kommt darauf an, alle Generationen mit einzubeziehen, um gemeinsam zu gedenken, zu trauern und das Vergangene zu reflektieren. Das gemeinsame Gedenken kann uns helfen, nicht nur in Trauer zu verharren, sondern auch Trost und Mut, Kraft und immer neu Hoffnung zu schöpfen. Das gemeinsame Gedenken kann uns ermutigen, nicht in Resignation zu fallen, sondern im persönlichen Leben den Frieden zu gestalten in der Hoffnung, so die kleinen, aber dringend notwendigen Schritte zu tun auf eine Welt zu, in der nicht mehr Hass und Gewalt den Ton angeben, sondern alle Menschen unterschiedlicher Herkunft, Rasse und Anschauung friedlich miteinander leben können. Das gemeinsame Gedenken kann uns ermutigen, ein klares Nein zu sagen gegen alle Tendenzen, die Krieg und Terror, lntoleranz und Fremdenfeindlichkeit zum Lebensprinzip erheben. Das gemeinsame Gedenken kann uns ermutigen, uns gegen nationalsozialistisches Gedankengut und für die Würde jedes Menschen einzusetzen und - für den Frieden zu arbeiten.
So wünsche ich uns, dass die "Gemeinschaft im Gedenken am Volkstrauertag" auf unseren Alltag ausstrahlt.
Ich danke denen, die dieses Gedenken mitgestalten.
Ich danke Ihnen allen, dass Sie zum Erinnern, zum Gedenken und zum Mut-für-
den-Frieden-Schöpfen hier her gekommen sind.

Karl-Heinz Schanzmann, Pfarrer i.R.
Fachberater Seelsorge der Feuerwehr

Autor:

Lokalkompass Hagen aus Hagen

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