Ausstellung beleuchtet Verhältnis der Menschen zu Schweinen, Tauben, Pferden und Bienen
Tiere im Revier

Schwein gehabt: Pottpauli wird von Kindern geliebt. Seine realen Artgenossen werden praktisch unsichtbar gehalten, geschlachtet und verarbeitet. Foto: Julia Gehrmann/LWL
  • Schwein gehabt: Pottpauli wird von Kindern geliebt. Seine realen Artgenossen werden praktisch unsichtbar gehalten, geschlachtet und verarbeitet. Foto: Julia Gehrmann/LWL
  • hochgeladen von Elmar Koenig (Redaktion Wochenblatt)

Hausschlachtung, Galopprennsport, Brieftaubenzucht und Urban Beekeeping – das Verhältnis von Menschen und Tier im Revier ist vielfältig und hat sich seit der Industrialisierung grundlegend gewandelt.

Wo früher Wildpferde grasten, wurden später Grubenpferde zur Arbeit in die Zeche verfrachtet. Heute säumen zahlreiche Pferdehöfe das Revier. Welche Rolle spielen Tiere im Alltag der Menschen? Wie wandelten sich die Einstellungen zu ihnen? Das fragt die neue Ausstellung „Boten, Helfer und Gefährten“, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bis zum 25. Oktober in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum zeigt.
Die Ausstellung folgt den Spuren von Bienen, Schweinen, Tauben und Pferden in Westfalen und im Ruhrgebiet. Mehr als 300 Exponate und zahlreiche Medien-Stationen beleuchten das wechselvolle Verhältnis von Tieren und Menschen vom Industriezeitalter bis zur Gegenwart. Das Spektrum reicht von einem Bienenkorb aus den Dreißigerjahren über das Geschirr des letzten Grubenpferdes der Zeche Zollern in Dortmund und historische Postkarten bis zu einem Fallschirm für Tauben aus dem Zweiten Weltkrieg.
„Trotz der Dominanz der Maschinen haben bis in die Sechzigerjahre hinein Menschen und Tiere gemeinsam gearbeitet. Erst danach sind die Pferde aus den Bergwerken und aus dem Straßenbild verschwunden. Heute ist der Umgang der Menschen mit den Tieren in den Städten der Region vor allem eine Sache der Freizeit und des Wohlbefindens – vom Sport bis zum Haustierliebe“, sagt Museumsleiter Dietmar Osses. Das Verhältnis der Menschen zu den Tieren ist dabei vielfältig. „Aus dem Alltag der Menschen sind viele Tiere verschwunden. Eine sich ändernde Einstellung zu Tieren zeigt sich auch im Trend zu vegetarischer oder veganer Ernährung. Gleichzeitig investieren viele Menschen Geld, um ihre Sport- oder Haustiere mit speziellem Futter oder Accessoires zu verwöhnen“, erläutert Projektleiterin Lisa Egeri.
Zusammen mit der Ausstellung „Mensch und Tier im Revier“ im Ruhrmuseum Essen (bis 16. August) und der Ausstellung „Modische Raubzüge durch die Tierwelt“ in der Textilfabrik Cromford (ab 21. März 2021) bietet die Ausstellung „Boten, Helfer und Gefährten“ vielfältige Einblicke in die Beziehungen von Mensch und Tier in der Region.
Das Verhältnis des Menschen zu vier Tierarten wird in der Ausstellung hervorgehoben: Schweine, Pferde, Tauben und Bienen.
Ob schlau und niedlich oder verfressen und unrein – die Einstellungen der Menschen zu Schweinen ist voller Widersprüche. Während bis in die Sechzigerjahre die Haltung und Schlachtung eines Hausschweins in der Bergarbeitersiedlung noch üblich war, haben sich heute die Lebenswelten von Schweinen und Menschen im Ruhrgebiet weit voneinander entfernt. Haltung, Tötung und Verarbeitung sind im Alltag kaum sichtbar. Wildschweine sind in Gehegen gern gesehen. Im Stadtwald und in Gärten gelten sie dagegen als Eindringlinge, an Autobahnraststätten als Seuchenherde.
Wildpferdbestände im Emscherbruch begründeten einst die Pferdemärkte in Crange und Umgebung. Seit dem Mittelalter ist ein aufsteigendes Pferd das Wappentier von Westfalen. Bis 1966 arbeiteten Grubenpferde in den Bergwerken unter Tage. Das Industriezeitalter brachte aber auch den Pferdesport ins Ruhrgebiet. Der irische Unternehmer William Thomas Mulvany veranstalte in der eigens angelegten Pferderennbahn in Castrop 1875 das erste große Pferderennen im Ruhrgebiet.
Weiße Tauben gelten als Zeichen für Unschuld, Frieden und Gottes Segen. Die Populärkultur des 19. Jahrhunderts prägte vor allem das Motiv der Tauben als Liebesboten. Eine Serie von 60 Ansichtskarten zeigt die weite Verbreitung dieser Motive. Aus militärischen Gründen unterstütze die preußische Regierung ab 1876 die Gründung von Zuchtvereinen. Im Ruhrgebiet fiel die Idee der Taubenzucht und der Veranstaltung von Wettflügen auf besonders fruchtbaren Boden. Die Siedlungshäuser der Arbeiterkolonien boten mit den großen Gärten und Dachböden ideale Voraussetzungen für den Betrieb eines Taubenschlags. Neben der Taubenzucht waren Wetten auf den Ausgang der Preisflüge, aber auch der gesellige Austausch der meist männlichen Brieftaubenzüchter attraktiv.
Für viele Menschen gelten Biene als fleißige und nützliche Tiere. Produkte der Honigbienen sind als Genuss- und Heilmittel sehr begehrt. Der Bochumer Gelehrte Carl Arnold Kortum verfasste 1776 ein umfassendes Werk über die Grundsätze der Bienenzucht in Westfalen. In der Hochphase der Schwerindustrie beklagten Imker im Ruhrgebiet die negativen Auswirkungen der Rauchplage auf ihre Bienenvölker und den Rückgang der Honigerträge.
Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus werden gegenwärtig nur Führungen für angemeldete Gruppen bis maximal zehn Personen und Führungen für Familien angeboten.
Weitere Informationen:
lwl-industriemuseum.de

Autor:

Elmar Koenig (Redaktion Wochenblatt) aus Herne

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