Reinhold Messner berichtet im Kulturzentrum über den Nanga Parbat, seinen Schicksalsberg
Himmel und Hölle

Reinhold Messner unternahm insgesamt fünf Expeditionen zum Nanga Parbat, der in Pakistan liegt. 1970 und 1978 erreichte er den Gipfel. Foto: privat
  • Reinhold Messner unternahm insgesamt fünf Expeditionen zum Nanga Parbat, der in Pakistan liegt. 1970 und 1978 erreichte er den Gipfel. Foto: privat
  • hochgeladen von Elmar Koenig (Redaktion Wochenblatt)

Wie sich die Zeiten doch ändern: Reinhold Messner war 1978 der erste Mensch, der den Mount Everest ohne Sauerstoffflasche bestieg. Heute ist selbst das Dach der Welt zu einem Ort des Massentourismus' verkommen. Unter dem Dach des Kulturzentrums und damit rund 8800 Meter tiefer berichtet Messner am kommenden Dienstag aber über einen anderen Berg...

Den 8125 Meter hohen Nanga Parbat beschreibt Reinhold Messner als seinen Schicksalsberg. Hier erlebte er die Hölle, als er 1970 bei einer Expedition zum Gipfel seinen Bruder Günther verlor. Hier gelang ihm acht Jahre später mit der ersten Besteigung eines Achttausenders im Alleingang vielleicht der Höhepunkt in seinem Leben als Bergsteiger. Über seine Erfahrungen auf und unterhalb des neunthöchsten Gipfels der Erde berichtet der 75-Jährige am 21. Januar im Rahmen eines Vortrages.
Fraglos ist der Nanga Parbat im Norden Pakistans eine größere Herausforderung als der Mount Everest in Nepal. Diesen haben mittlerweile mehrere Tausend Menschen bestiegen. Im Internet kursieren Fotos, auf denen Frauen und Männer wie an einer Perlenschnur aufgereiht unterhalb des Gipfels auf ihren großen Moment auf dem Dach der Welt warten. Das Wartezimmer eines Hausarztes während einer Grippewelle könnte kaum voller sein.
Zu dieser Entwicklung findet Messner deutliche Worte: "Wenn ich die vielen Menschen am Mount Everest sehe, dann sehe ich Tourismus. Das ist für mich kein Bergsteigen. Der Alpinist geht dorthin, wo die anderen nicht sind, der Tourist ist dort, wo alle anderen sind. Ohne eine entsprechende touristische Infrastruktur würde es solche Bilder nicht geben."
Zumindest in Ansätzen scheint sich unter den Menschen allmählich ein kritisches Bewusstsein für unseren Umgang mit der Erde durchzusetzen. Ende Oktober wurde in Australien der Ulruru (früher: Ayers Rock) für Touristen gesperrt. Messner möchte keine Prognose darüber abgeben, ob Ähnliches in Zukunft auch für die Achttausender im Himalaya möglich sein könnte. Der 75-Jährige schließt nicht aus, dass der Massentourismus an Orten, die keinen Massentourismus vertragen, eher noch zunehmen könnte. "Es ist schwierig, nur zehn Jahre in die Zukunft zu blicken. Ich bin mir sehr sicher, dass die 4-Tage-Woche kommen wird. Was machen die Menschen dann mit ihrer Freizeit?"

Messner ist pessimistisch,ob die Menschheit in der Lage sein könnte, sich rechtzeitig auf den Klimawandel einzustellen. Dieser finde doch schon längst statt. "Ich habe viele Gletscher gesehen, die es nicht mehr gibt. Aber die Gletscher sind ein verschwindend kleines Problem im Vergleich zu den schmelzenden Polkappen." Trotzdem stände selbst in diesem Fall längst noch nicht jedem das Wasser bis zum Hals und das ist ein Problem. Aus Sicht des Südtirolers sei der Mensch nicht fähig, Empathie für die gesamte Menschheit zu empfinden. Schon deshalb würden nationale Egoismen großen Lösungen in Umweltfragen im Wege stehen, befürchtet er. "Wie sollen diese gelingen, wenn die Deutschen zum Beispiel schon nicht dazu bereit sind, den Strom aus Windrädern über Trassen durch das Land zu transportieren?"
Schon jetzt sei vieles schlimmer gekommen als befürchtet. Messner: "In den Dolomiten stürzen Brocken so groß wie Hochhäuser den Berg hinab. Die Permafrostböden verschwinden. Es leiden Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Zeit, um sich anzupassen, wird immer weniger." Positiv sei, dass mittlerweile über Plastik in den Meeren und die Erderwärmung verstärkt diskutiert werde. Ein nachhaltiges Umdenken könne jedoch erst einsetzen, wenn die Menschen statt des Wunsches nach Konsum den Verzicht als positives Gefühl verinnerlichen würden.
Wenn man sich vor Augen hält, dass die Zahl der Menschen jeden Tag in etwa um die Einwohnerzahl Freiburgs zunimmt, bleibt bei jedem noch so stark ausgeprägten Umweltbewusstsein die Überbevölkerung der Erde als größtes ungelöstes Problem. Die Vereinten Nationen erwarten bis zum Jahr 2050 etwa 9,7 Milliarden Menschen auf dem Globus. Messner: "Ich sehe die Welt dem Untergang geweiht. Das Leben wird sich wehren. Wir dürfen nicht denken, dass wir das überlebensfähigste Element der Erde wären." 75 Jahre ist der gebürtige Südtiroler mittlerweile alt.

Autor:

Elmar Koenig (Redaktion Wochenblatt) aus Herne

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