Wissengipfel Ruhr erörterte die anstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt
Aufbruch in die Zukunft

Zahlreiche Vertreter aus der Wirtschaft des Ruhrgebiets hatten den Weg in die Rotunde gefunden. Fotos: Volker Wiciok
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Schöne neue Arbeitswelt? Diese Frage stellte sich der fünfte Wissensgipfel Ruhr in der Rotunde in Bochum. Und diese Frage wurde durchaus kontrovers diskutiert, sie erzeugte aber auch Aufbruchsstimmung.
Es war mit Sicherheit der Wissensgipfel, der die intensivsten Diskussionen erzeugte, der Aufbruchstimmung vermittelte, viele Gespräche ermöglichte und nicht zuletzt Aspekte der Digitalisierung an zahlreichen Informationsständen und in Kursen hautnah erlebbar machte. Der Regionalverband Ruhr (RVR), der Initiativkreis Ruhr und die Industrie- und Handelskammern im Ruhrgebiet hatten eingeladen, und mehr als 250 Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung diskutierten mehrere Stunden lang über die anstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt. Und damit über die Konsequenzen und Herausforderungen, die durch die fortschreitende Digitalisierung auf Menschen, Unternehmen, Institutionen und die Region zukommen.
Dass der digitale Wandel keine Zukunftsmusik ist, sondern längst Realität war allen Teilnehmern klar. In der Arbeitswelt der Zukunft formulierte die Generationenforscherin Steffi Burkhart in ihrem Vortrag folgerichtig, „stecken wir schon mittendrin“. Und fügte gleich provokant hinzu: „Mit Erfahrung meistern wir diese Zukunft nicht.“ Es wachse eine neue Generation heran, die Treiber einer Entwicklung sei, die in allen Unternehmen und Institutionen für Umwälzungen sorgen werde. Eine Generation, die andere Erwartungen an ihr Arbeitsumfeld, ihren Arbeitsplatz und Unternehmensabläufe habe als frühere Generationen. Eine Generation, die anders arbeiten möchte, als es heute in den meisten Unternehmen und Institutionen der Fall sei. „Viele Organisationen sind im letzten Jahrhundert stehen geblieben, anstatt Platz für Neues zu machen“, so Burkhart. In diesem Zusammenhang werde es immer entscheidender, den Führungsstil in Unternehmen zu ändern. „Wenn sich die neue Generation in einem Unternehmen nicht wohlfühlt, dann kündigt sie – auch wenn man noch keinen neuen Job hat.“
Ein zentrales Problem: Der globale Kampf um die besten Mitarbeiter werde immer härter. Im Jahr 2030 würden in Deutschland bis zu acht Millionen Fachkräfte fehlen – in anderen Staaten sehe es nicht anders aus. Es sei also immer wichtiger für Unternehmen, Talente zu holen und zu entwickeln, so Burkhart. Gelinge dies nicht, habe ein Unternehmen keine Zukunft. Und ebenso müssten tradierte Erwartungshaltungen an neue Mitarbeiter überwunden werden, denn: „Wir können nicht ein einziges Talent liegen lassen.“
Dem Ruhrgebiet schrieb sie ins Stammbuch, derzeit nicht attraktiv genug zu sein und keine positive Willkommenskultur zu besitzen – nicht zuletzt deshalb, weil die Verwaltungen nicht agil genug seien. Es gehe entscheidend darum, „sich als Region bei den jungen Menschen zu bewerben“.
Was beim Wissen um die fortschreitende Digitalisierung in Unternehmen nicht vergessen werden dürfe, so die Referentin, sei die Tatsache, dass viele alte Arbeitsplätze wegfallen würden. 65 Prozent der Jobs, in denen die sogenannte Generation Z arbeiten werde, existierten heute noch nicht. „Was machen wir eigentlich mit all jenen Menschen, die dann niemand mehr braucht?“, fragte Burkhart. Und nahm die Politik in die Verantwortung, „Zukunftsmodelle zu entwickeln, um Menschen mitzunehmen“.
Ein Gedanke, der auch Michael Schlagheck, Direktor der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“, umtrieb. Man dürfe nicht übersehen, dass durch die Digitalisierung Arbeitsplätze wegfielen. Er habe bei einigen Menschen im Ruhrgebiet „Sorge, ob wir sie mitnehmen können“. Den Menschen dürfe man zu keinem Zeitpunkt des Wandels aus dem Auge verlieren. Und er plädierte deshalb dafür, dass die „Verantwortung der Schlüssel des Wandels“ sein müsse.
Den Wandel angemessen zu organisieren – das ist auch die Forderung von Mark Rosendahl, Geschäftsführer DGB-Region Emscher-Lippe. Die technologische Entwicklung müsse immer dem Menschen dienen. Es sei zwingend erforderlich, gerade geringer qualifizierten Arbeitnehmern durch Weiterbildung die Chance zu geben, auch in der schönen neuen Arbeitswelt einen Platz zu finden. „Bildung ist der Schlüssel fürs Ruhrgebiet“, formulierte der DGB-Funktionär eine klare Erwartungshaltung an die Akteure der Region.
Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel bekräftigte, dass eine Stärkung von Wissenschaft und Bildung die Metropole Ruhr weiter nach vorn bringen werde. Fachkräfte seien hierfür der Schlüssel. Um ihnen ein gutes Arbeitsumfeld zu bieten, müssten Arbeitgeber auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen. Das könnten Co-Working-Spaces oder Einzelbüros, ein 8-Stunden-Tag oder flexible Arbeit von zu Hause sein.
Um die Veränderung zu gestalten und zu meistern, so Schlagheck, bedürfe es einer Veränderung der Unternehmenskultur. Den kulturellen Wandel schaffe man nur mit guter Kommunikation – und meinte damit Offenheit, Ehrlichkeit, Transparenz. Und traf damit im positiven Sinne den Nerv von Kerstin Groß, Kompetenzfeldmanagerin bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet. „Die schöne neue Arbeitswelt verlangt von uns, anders miteinander zu arbeiten.“ Die IHK wolle diese Veränderung für ihre Mitgliedsunternehmen vorleben. Man habe einen Veränderungsprozess mit dem Ziel gestartet, eine neue Art des Miteinanders zu leben. Die innere Haltung jedes einzelnen entscheide, ob dies gelingen werde. Alles vor dem Hintergrund der zentralen Fragestellung der Wirtschaft: „Wie schaffen wir es, den Fachkräftemangel zu bekämpfen?“
Dirk Opalka, Geschäftsführer des Initiativkreis' Ruhr, zitierte eine chinesische Weisheit bei seinen Schlussworten: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Das Ruhrgebiet müsse Windmühlen bauen, sich der Veränderung stellen. Opalka reklamierte für den Initiativkreis aber auch für die Region, "an dem Notwendigen festzuhalten, was wir haben“, beispielsweise einen starken industriellen Kern. „Denn Zukunft“, so Opalka, „braucht Herkunft.“ Steffi Burkharts provokante Botschaft lautete: „Mit Erfahrung meistern wir diese Zukunft nicht.“

Zahlreiche Vertreter aus der Wirtschaft des Ruhrgebiets hatten den Weg in die Rotunde gefunden. Fotos: Volker Wiciok

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