Stühle, die vom Himmel fallen

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Dieser Stuhl fiel häufig vom Himmel: Er war Teil des Kampfflugzeuges Starfighter. (Foto: Thomas Schmidt/Stadt Herne)
 
Der Presse wurde die Ausstellung im Emschertal-Museum in der vergangenen Woche vorgestellt. (Foto: Thomas Schmidt/Stadt Herne)

100 verschiedene Stühle zeigt das Emschertal-Museum im Rittersaal des Schlosses Strünkede vom Schemel bis zum Herrscher-Stuhl, vom Freischwinger bis zum Starfighter-Schleudersitz. Und wenn man die Zeitumstände und die Funktionen betrachtet und durchleuchtet, entsteht dabei eine kleine Geschichte der Sitzkultur.

"Das Emschertal-Museum wendet sich gerne den kleinen Dingen des Alltags zu", sagt Museumsdirektor Oliver Doetzer-Berweger. Daraus entstehen spannende Geschichten, oft mit skurillen Details garniert, wie im vorigen Jahr die Ausstellung „Entfaltet! Kleine Kulturgeschichte des Platzsparens“.

Das Emschertal-Museum griff auch jetzt auf die bewährte Hilfe der Bonner Agentur Concultura zurück. Agentur-Mitarbeiterin Elke Hartkopf begann die Recherche mit einer Besichtigung des Museums-Depots, war überrascht über die zahlreichen Sitzmöbel und begann mit einer Bestandsaufnahme. Aber bei 100 Exponaten sind auch 60 Leihgaben dabei, wie zum Beispiel der stattliche Starfighter-Schleudersitz, den die Bundeswehr aus Koblenz zur Verfügung stellte. Da der Starfighter sehr häufig vom Himmel fiel, kam der Sitz häufig zum Einsatz.

"In Afrika und Asien saß man nicht auf Stühlen", sagt Elke Hartkopf. Und selbst in Europa setzte sich das klassische Sitzmöbel mit Rückenlehne erst in der Neuzeit durch. Das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci mit Jesus und den Jüngern, die um Tischen herum auf Stühlen sitzen, kann so nicht stattgefunden haben. "Der erste Stuhl, den wir kennen, ist der Herrscherstuhl", so Hartkopf. Erfunden von den Ägyptern schon 3000 vor Christi und nur von Fürsten, Königen und Kaiser für repräsentative Zwecke in Besitz genommen. "Er bildete Hierarchie ab durch die erhöhte Rückenlehne", sagt Christina Becker, ebenfalls Mitarbeiterin von Concultura. Neben einem Herrschaftsstuhl aus dem 17. Jahrhundert steht in der Ausstellung der Oberbürgermeister-Stuhl aus dem Sitzungszimmer des Herner Rathauses. Aus dem Alltag geplaudert: Auch bei Sitzungen ohne Oberbürgermeister traut sich keiner, darauf Platz zu nehmen. "Wir wissen auch heute noch, wo man zu sitzen hat", sagt Hartkopf.

Das Volk kam erst nach dem Mittelalter in den Genuss von Stühlen. Eine Ecke des Rittersaals ist in der Form eines deutschen Wohnzimmers gestaltet. Dort dominieren plüschige und schön dekorierte Biedermeier-Sofas und das Bild. Die Thonet-Stühle, benannt nach ihrem Hersteller, leiteten zum Ende des 19. Jahrhunderts die Massenproduktion ein. Im typischen Design der Fünfzigerjahre wurden Stühle besonders klein und schmal, also platzsparend, entworfen. Der Monobloc-Plastikstuhl ist der am häufigsten verkaufte Stuhl, Schätzungen zufolge wurde er eine Milliarde mal hergestellt. In Deutschland ist er vorwiegend in Gärten und auf Campingplätzen zu finden, in anderen Teilen der Welt wird er auch für alle Formen von Veranstaltungen eingesetzt. Überhaupt, der Siegeszug des Stuhls ist beeindruckend: Im Durchschnitt besitzt jeder Mensch 20 Exemplare.

"Wir konzentrieren uns in unserer Ausstellung auf Nutzung des Stuhls und nicht auf das Design", sagt Hartkopf. Einige exquisite Miniaturen aus dem Vitra-Museum in Weil am Rhein lassen dennoch erahnen, was Designer sich haben einfallen lassen, um das Sitzen zum ästhetischen Genuss zu machen.

Zu sehen gibt in der Ausstellung auch den weißen Stuhl, den der Künstler Helmut Bettenhausen bei seinen Fotoprojekten ins Bild gerückt hat. Weitere Exponate sind der Nachbau eines mittelalterlichen Folterstuhls, ein Schulstuhl mit kufenartigen Beinen, der Thonet 214 (bekannt als Wiener Kaffeehausstuhl, der immer noch in vielen Restaurants zu finden ist), der Freischwinger aus den Zwanzigerjahren, der Eames-Plastic-Chair als erster seriell hergestellter Plastikstuhl, ein Ohrensessel, ein Bergmannsstuhl als transportable Toilette und ein transportabler Kinderstuhl aus dem 18. Jahrhundert, in den ein wärmendes Stövchen integriert ist. Vergessen haben die Kuratoren auch die Gesund nicht: Der Wälzer "Sitzen ist das neue Rauchen" ist an exponierter Stelle ausgestellt, sozusagen die Bibel der Sitzgegner. Auch die praktischen Vorschläge für gesundes Sitzen in der Ausstellung überzeugen Christina Becker nicht: "Es gibt keine gesunde Sitzhaltung."

Die Ausstellung "Zwischen allen Stühlen - Kleine Geschichte der Sitzkultur" läuft bis zum 21. Januar. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr sowie samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Quelle: Presseamt Stadt Herne
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 26.06.2017 | 12:26  
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