Ruhrfestspiele: Kafka, Amateure und Ambitionen

Seit einem halben Jahr wird hart gearbeitet - mit das mit viel Spaß. Bild von der Probe für "Die Verwandlung".
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  • Seit einem halben Jahr wird hart gearbeitet - mit das mit viel Spaß. Bild von der Probe für "Die Verwandlung".
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Gleich ist die Pause vorbei. Mit dem letzten Bissen wird die Banane verputzt, und auch die einsame Raucherin eilt vom Schlosshof wieder zurück in den Theater-Therapieraum.

Denn Disziplin und Spielfreude gehören zum Theater wie Bühne und Licht. Das haben ihre Akteure - 15 Amateure und ein Profi - wohl begriffen. Regisseurin Sandra Anklam sieht sich um und stellt befriedigt fest: „Alle an Bord.“ Die Proben können weitergehen

„Nach vorne sehen, nicht auf die Füße! Die bewegen sich von alleine.“ Sandra Anklam unterbricht. Immer wieder werden Szenen wiederholt. Ein ganz schönes Pensum - das betrifft den Schwierigkeitsgrad des Textes ebenso wie die Raumnutzung und Körperhaltung - haben die Darsteller für Kafkas "Die Verwandlung" zu bewältigen. Doch sie stürzen sich in die Aufgabe mit sichtlich großer Freude, schon seit einem halben Jahr.

Projekt im Schloss Herten

Zum Beispiel Claudia Knappik aus Marl: „Wenn wir proben und spielen, bin ich in keiner meiner üblichen Rollen als Ehefrau, Mutter oder Berufstätige. Ich kann hier völlig abschalten. Ich bin ganz bei mir selbst.“
Dass das Spielen, der Auftritt vor Publikum, dem Selbstbewusstsein guttut, können alle bestätigen. Anja Senk aus Dorsten berichtet: „Es ist ein Findungsprozess. Wir haben auch eine Schimpfrunde. Sehr befreiend.“ Gelächter. Susanne Globke aus Herten weiß: „Ich kann lauter werden, wenn es sein muss. Man lernt, auch im Alltag seine Körpersprache einzusetzen, sich besser durchzusetzen.“

Neu im Team ist Irmgard Lehmacher aus Recklinghausen. Ebenso wie ihr gefällt auch Monika Noffke aus Bochum „die gute Atmosphäre“. Susanne Globke erinnert sich: „Anfangs hatte ich Angst. Aber es ist toll, wie Frau Anklam einen mireißen kann, und richtig spannend, mal jemand anders zu sein. Ich vergesse alles um mich herum.“

Die Beschäftigung mit dem Kafka-Texten ist in künstlerischer Hinsicht eine Herausforderung und führt unweigerlich dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Anja Senk meint: „Wenn es um Trauer und Verlust geht, dann berührt es einen, weckt Erinnerungen.“

Der Stoff, den sie sich vorgenommen haben, ist gewichtig: Franz Kafkas-Geschichten „Die Verwandlung“ und „Ein Bericht für eine Akademie“ hat Theaterpädagogin Sandra Anklam zu einem Stück verarbeitet. In „Die Verwandlung“ geht es um den jungen Mann, der vom Menschen zu einem Käfer geworden ist. Gregors Umwelt reagiert mit Abscheu, Angst und Ekel.

Wie stellt man einen Käfer dar?

Wie stellt man einen Käfer dar, der sich an seine menschliche Existenz erinnert? Der selbst Angst hat, verdrängt , hofft und kämpft, auch mit sich selbst? Die Einblicke in die Probenarbeiten machen neugierig. Sandra Anklam findet bei Kafka das, was manche Verehrer nicht sehen können oder wollen: Neben allen Tiefgang auch Humor.

Das anspruchsvolle Stück ist im Rahmen der Ruhrfestspiele in Kooperation mit der LWL Klinik im Schloss Herten zu sehen. Nicht nur wegen der Spielstätte außergewöhnlich, sondern auch wegen der Besetzung: Zusammen mit Berufsschauspieler Georg Luibl werden 15 Männer und Frauen den Kafka geben, Mitarbeiter und Patienten der LWL Klinik.

Für Spannung sorgt nicht nur das Premierenfieber, denn nach den Ruhrfestspielen folgt im Juni ein besonderes Gastspiel: Das Kafka-Stück wird in Remscheid bei einer internationalen Fachtagung vor Theatertherapeuten aufgeführt.

Die Regisseurin:
Sandra Anklam arbeitet seit vielen Jahren fürs Schauspielhaus Bochum mit Amateuren und hat sich mit ihren Inszenierungen in der JVA Bochum mit Strafgefangenen und in der Psychiatrie auch überregional einen Namen gemacht. Sie leitet die Theatertherapie der Hertener Klinik.
Für das Vorjahresstück „Traum eines lächerlichen Menschen“ von Dostojewski wurde Sandra Anklam mit ihrem Team mit dem „Anti-Stigma-Preis 2012“ von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) ausgezeichnet.

Produktion:
Regieassistenz: Marion Gerlach-Goldfuß
Mitarbeit; Melina Menke, Victoria Utri
Kostüme: Petra Janßen
Licht und Ton: Michel Hopp

MItwirkende:
Georg Luibl, Silke Echterhoff, Maria Fernandes-Hassel, Julia Gievert, Susanne Globke, Aribert Günther, Christine Hohnen, Claudia Knappik, Arite Latos, Irmgard Lehmacher. Monika Noffke, Sandra Pohl, Franz-Josef Salm, Petra Schwarz, Charlotte Nicole York.

Vorstellungen im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen:
2.-4. Juni, 20 Uhr, Festsaal im Schloss Herten

Autor:

Kerstin Halstenbach aus Herten

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