Töte deinen Nächsten oder Hass auf Deutsche

Der neue Roman des Schweizers Michael Herzig ist im März im Grafit Verlag erschienen. Foto: Grafit Verlag | Foto: Foto: Grafit Verlag
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"Hunnen" schimpfen manche Engländer Deutsche, und die französische Schmähung "Boche" (Schweine) ist auch alles andere als freundlich. Da klingt die Bezeichnung "Schwaben" der Züricher für Deutsche in Michael Herzigs neuem Krimi "Töte deinen Nächsten" fast nett, ist aber ebenfalls fremdenfeindlich.

In Zürich leben und arbeiten in Michael Herzigs Roman viele Deutsche, und manche werden telefonisch terrorisiert, ihre Autos beschmiert, beim Gerangel an der Kasse im Baumarkt verprügelt. Grund: Die eingewanderten Deutschen oder deutschen Gastarbeiter sind entweder reicher oder sie arbeiten für weniger Geld als die Schweizer. Deutsche freuen sich hemmungslos, wenn sie im Fußball gewinnen, was Schweizer unfein finden. Außerdem sprechen Deutsche so komisch.
Das alles motiviert (der Roman ist reine Fiktion, keine Gesellschaftskritik) die Deutschenhasser, "Schwaben" die Hölle heiß zu machen.

Als der CDU-Fraktionsvorsitzende bei der Einweihung eines schweizerisch-deutschen Nuklearforschungsinstituts in Zürich erschossen wird, drehen die Schlapphüte von den Geheimdiensten und die Cops durch, weil ihnen Politiker hüben wie drüben Dampf machen.

Sehr spannend liest sich "Töte deinen Nächsten". Hauptfigur ist eine hübsche und trinkfreudige Polizistin, die von den eigenen Kollegen angefeindet wird, von einem One-Night-Stand zum Nächsten taumelt und auch beim Whisky schlechten Geschmack beweist, denn sie süppelt amerikanische Bourbon-Plörre und keine guten Erzeugnisse irischer oder schottischer Destillierkunst.

Johanna di Napoli, Jo genannt, ist ungepasst, ungestüm und hat ein Disziplinarverfahren wegen Amtsmissbrauchs am Hals. Jo wird aufs Abstellgleis geschoben und muss der undankbaren Aufgabe nachgehen, Fälle zu klären, bei denen Deutsche in Zürich massiv bedroht worden sind. Der Auftrag entpuppt sich - wie eingangs bemerkt - wider Erwarten als hochbrisant.

Erstklassiger Krimi-Stoff. Dass ein männlicher Autor eine weibliche Figur so überzeugend beschreiben kann, ist eher die Ausnahme als die Regel, also schon mal deshalb bemerkenswert. Mit Jo möchte man (oder frau) am Liebsten um die Häuser ziehen, um sie vor schlechten Getränken und schlechten Geliebten zu warnen.
Es tauchen noch andere schillernde Figuren auf, darunter ein Auftragskiller im Rentenalter, bei dem man Gänsehaut bekommt, geklonte Mafia-Knallschergen, eine kriminell attraktive Geschäftsfrau, die im Trüben fischt, ein nerviger Sensationsreporter, Schicki-Micki-Typen, die die Welt auch nicht braucht, eine frauenfeindliche Karrierefrau und ein cooler Hausmeister.
Zürich können Leser wie einen exotischen Stadt-Dschungel durchstreifen. London, New York? Pah. Es lohnt sich, Jo di Napoli im Alpenländle zu begleiten.

Michael Herzig: Töte deinen Nächsten, Kriminalroman, Grafit Verlag, 288 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, 19.99 Euro, ISBN 978-3-89425-668-5

Autor:

Kerstin Halstenbach aus Herten

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