Früher war alles besser
Damals

Damals!
Caroline tat das, was man von einer alten Frau erwartet, sie hing ihren Gedanken nach. Heute war Neujahr. Neujahr 2032. Viele Jahresanfänge hatte sie schon erlebt und sie war dankbar, im Gegensatz zu den meisten ihres Jahrgangs noch daheim bei ihren Kindern und ihrem Enkel leben zu dürfen. Eigentlich riet die Regierung Menschen nach ihrem 75. Lebensjahr in einen Seniorenstift zu geben, um ihnen den „richtigen Rahmen“ zu geben. Ältere Leute können ja so lästig sein. Zu viel Zeit, zu viel Wissen, zu große Wohnungen, die Jüngere viel besser gebrauchen können und zu viel Geld, was ebenfalls den Jüngeren zu Gute kommen sollte.

Sie saß unter der schwachen Beleuchtung des Nachtlichtes, als sie ihren Enkel Dominik bemerkte, der leise hereinschlich und mit der Fernbedienung die große Leinwand einschaltete um sich einen Film anzusehen. Als er sich gerade in dem großen Schalen Sessel niederlassen wollte, bemerkte er seine Großmutter in ihrem alten Schaukelstuhl am Fenster. „Guten Morgen Oma, ein frohes neues Jahr wünsche ich dir“, meinte der Fünfjährige und lief zu ihr um sich an sie zu schmiegen. „Kannst du auch nicht mehr schlafen“, wollte er wissen? Caroline strich dem Jungen über die blonden Locken. „Nein, in meinem Alter braucht man nicht mehr so viel Schlaf“, gestand sie ihm und lächelte. „Ich denke oft an früher.“ „Erzähl mir davon“, bat der Kleine. Sinnend lächelte Caroline.

„Ja weißt du, früher war vieles anders“, begann sie. „Damals gab es noch Bäume.“ „Aber Bäume gibt es doch noch immer“, wunderte sich Dominik und zeigte auf die großen grauen Stämme im Garten. Caroline seufzte. „Ja schon, aber damals war die Rinde braun und es wuchsen grüne Blätter an den Ästen. Dominiks Augen wurden groß. „So wie in den Blumentöpfen“, wollte er wissen? „Na ja, viel mehr, hunderte an einem Baum“ entgegnete Caroline. „Es gab Eichen, Buchen, Ahorn, Kastanien und Erlenblätter und viele mehr. Wenn du mir meine Lupen Linsen holst und einen Block und Farbstifte male ich sie dir auf“, bot sie an. Während Dominik begeistert losrannte um das Gewünschte zu holen überlegte Caroline ob es richtig war, was sie tat. Auf Aufwiegeln stand bestimmt der Umzug ins Seniorenheim. Aber dennoch, ihr Enkel sollte einiges über die Vergangenheit wissen, beschloss sie.

Dominik brachte ihr die Mal Sachen und während sie grüne Blätter malte, berichtete sie weiter. Wir konnte damals ohne Atemmaske hinaus, zum Spielen, in hellen Sonnenschein. „Sonne haben wir auch“, warf Dominik ein. Caroline schaute in die trübe gelbe Scheibe hinter den grauen Wolken. „Die Sonne“, sinnierte sie. „Damals war sie so hell, dass man nicht hineinschauen konnte, die blitzte und strahlte und die ganze Welt glänzte. Wenn man aufstand und der Sonnenschein in das Zimmer fiel, hatte man gleich gute Laune, die Welt sah wie frisch gewaschen aus.“ Dominik staunte, „so schön war es früher?“ Caroline nickte. Erzähle mir mehr bat der Junge und Caroline nickte. „Gerne.“

„Weißt du, wenn die Sonne so schön schien, dann zogen wir die Schuhe aus und rannte durch die grünen Grashalme, das kitzelte so schön an den Füßen.“ „Stroh war auch früher grün“, staunte Dominik? „Stroh? Nein Gras“, meinte ich und Caroline malte einen zarten grünen Halm. Davon musst du dir die ganze Erde bedeckt vorstellen und dazwischen wuchsen Gänse- und Butterblümchen.“ Caroline malte eins ums andere und ihr Enkel staunte.

„Warum gibt es das alles nun nicht mehr“, wollte er wissen. Oh je, wie sollte sie ihm das nun erklären? Das man Greta, die mahnende Stimme von damals weggesperrt hatte als ihre Forderungen zu unbequem wurden. Sie steht der Zukunft im Wege, hieß es. Die Zukunft. Caroline lächelte bitter. Hätte man anders gehandelt, wenn man gewusst hätte wie die Zukunft aussah?

„Oh, guten Morgen, ihr seit schon auf?“ Saskia, Carolines Tochter und Dominiks Mutter kam in den Wohnraum. Caroline setzte ihren abwesenden Blick auf, nachdem sie ihrem Enkel schnell zugeblinzelt hatte. Er verstand, denn er war ein cleveres Kerlchen. Der Mal Bogen verschwand Blitzschnell in seiner Hosentasche. „Ich wollte Oma nur schnell die Decke umlegen“, erklärte er. Alte Leute frieren ja so leicht. „Bist ein Lieber.“ Saskia streichelte Dominik über den Kopf und war beruhigt. Ihre Mutter würde dem Jungen keine Flausen in den Kopf setzen, von wegen Früher war alles besser und deshalb durfte sie auch noch bei ihnen bleiben.
©By Gitte

Autor:

Gitte Hedderich aus Herten

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