Alles panne, oder was?

Jupp (links) und Tanja lieben die Touren des Fanclubs
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Morgens um fünf ist die Welt der blau-weißen Kutscher noch in Ordnung: Das Gepäck ist ordentlich verpackt, die Biervorräte sind gekühlt, und die Mitglieder des größten Schalker Fanclubs im Vest machen sich in voller Montur von Recklinghausen mit dem Reisebus auf den Weg nach Nürnberg. Sie fiebern dem Anpfiff um 15.30 Uhr entgegen. Doch es soll eine Fahrt voller Überraschungen werden.
„Diese Tour geht bestimmt in die Annalen unseres Fan-Clubs ein“, sagt Michael (Micha) Kwasniewski 36 Stunden später, seufzt und lacht dabei zugleich, denn „Pleiten, Pech und Pannen“ könnte man diesen Bericht auch übertiteln. Micha ist ein echter Schalke-Fan, denn die müssen etwas aushalten, er- und vertragen können.
Im Fall der Tour nach Nürnberg ging‘s los mit einer Panne, kurz nachdem wir eine Luxus-Raststätte mit Toiletten und allem, was man braucht, gerade verlassen hatten, um kurz danach irgendwo im Nirgendwo zu stranden. So bequem der Reisebus war und vertrauenserweckend schien, nur 120 Kilometer vor unserem Ziel meutert die Elektronik.
Per Handy wird eine Werkstatt in der Nähe kontaktiert, doch bis der Mechaniker mit Laptop eintrifft - und nichts ausrichten kann -, vergehen Stunden. Ein Ersatzbus muss her, und der braucht auch mal eben eine weitere Stunde.
Während die Zeit verrinnt. vertreiben sich die gestrandeten blau-weißen Kutscher aus dem Vest die Zeit mit Scherzen, nutzen die Büsche, dezimieren die Biervorräte und spekulieren voller Hoffnung darauf, wenigstens die zweite Halbzeit (und einen Sieg ihrer Mannschaft) sehen zu dürfen.
Der Ersatzbus kommt, wird mit Applaus begrüßt. Es geht schnurstracks zum Stadion. Und während wir die Kartenschranken passieren, erschallt just in dieser Sekunde der Torjubel für Nürnberg, denn in der 62. Minute schießt Mike Franz die Clubberer in Führung. Die Kutscher ficht das nicht weiter an, denn in der 73. Minute gleicht Huntelaar aus zum 1:1. Unter den 48.548 Zuschauern im Stadion sind die blau-weißen Fans mit ihren Fahnen eine sichtbare Macht. Doch Andreas Wolf bringt die Schalker in der 84. Minute beim 2:1 für die Gastgeber zum Verstummen.
Vor Abpfiff verlassen wir das Gelände. Die vielbeschriebene Fan-Freundschaft zwischen beiden Klubs ist wirklich kein Mythos, Schalker und Nürnberger kommen locker miteinander ins Gespräch. Man sieht Väter in Nürnberg-Kluft, die mit kleinen, blau-weiß gekleideten Söhnen an der Hand aus dem Stadion strömen. So schön und friedlich kann Bundesligafußball sein. Für Fan-Freundschaften - auch zu anderen Vereinen - legen sich die Kutscher überhaupt richtig ins Zeug. Günter Wunschick, Mitarbeiter der Vestischen und bekannt als Mannschaftsbetreuer des von Olaf Thon trainierten VfB-Hüls, gehört zu den Kutschern. Er erzählt: „Es hat Tradition, dass wir bei den Spielen in Gladbach mit Gladbach-Fans hinterher feiern. Die Kutscher organisieren eine Grillfete. Das finde ich immer eine sehr feine Sache. Wo gibt es das denn sonst?“
Leider reißt die Pleitenserie für die Kutscher noch nicht ab: Als wir ins Hotel wollen, springt der (Ersatz!-) Bus nicht an. Also heißt es: Bus anschieben.
Glücklich eingescheckt. Wir machen uns auf den Weg in die Altstadt, um ein empfohlenes Restaurant aufzusuchen. Murphys Gesetz hat noch seine Gültigkeit, als zwei freundliche Türsteher uns abweisen: „Heute geschlossene Gesellschaft!“
Die Gruppe zerstreut sich. Doch alle erleben noch einen schönen, versöhnlichen Ausklang. Beispiele: In der Andechser Hausbrauerei trifft eine Handvoll Kutscher auf Daniel, Max, Tom und Michele. Die jungen Mitglieder des Löschzug 12 von der Freiwilligen Feuerwehr aus Gelsenkirchen haben ebenfalls die weite Reise gemacht und mitgelitten.
Noch besser wird‘s später in der kleinen Kneipe um die Ecke des Hotels: Ansgar Pawlak, Präsident der SG Langenbochum und stolzer Kutscher, tut aktiv etwas für die Fan-Freundschaft S04 und FCN: Er schenkt Gerd, einem strammen Clubberer mit Karojacket und Tiroler Hütchen, seinen Schalke-Schal, und Gerd revanchiert sich mit seinem rot-weißen Ehren-Accessoire. Ansgar bringt sämtlichen Kneipengästen Schalker Liedgut bei. Eine rührende Szene, bei der das Herz jedes Fußballfans höher schlägt.
In der Rückrunde geht‘s mit den Kutschern nach Hannover - hoffentlich mit Punktgewinn und pannenlos. Abschrieben haben die Kutscher ihre Schalker nämlich noch lange nicht!

Hintergrund:
Der Schalke-Fanclub "Die Die blau-weißen Kutscher Recklinghausen, „Kutscher“ genannt, sind ein eingetragener Verein. Er wurde vor 13 Jahren von Fahrern der Vestischen gegründet. Anlass war die Freude über den Gewinn des UEFA-Pokals.
Präsident ist Gründungsmitglied Michael („Micha“) Kwasniewski. Aktuell hat der Fanclub 55 eingetragene Mitglieder, und darunter sind nicht nur Fahrer der Vestischen, sondern auch Männer und Frauen aus vielen anderen Bereichen, vom Studenten bis zum Banker ist alles dabei. Hinzu kommen rund 100 Freunde, die als Gäste bei den vielen Feten und den Fahrten zu den Auswärtsbegegnungen willkommen sind.

Autor:

Kerstin Halstenbach aus Herten

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