Japan: Julia hofft auf ein Happy-End

Vor dem großen Schritt nach Japan traf sich Julia mit dem LOkalkompass. Es sollte eine interessante Auswanderer-Reportage werden. Dass die Zukunft ungewiss sein würde, war Julia klar. Dass es in einer Katastrophe enden könnte, nicht. Foto: Thorsten Seiffe
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  • Vor dem großen Schritt nach Japan traf sich Julia mit dem LOkalkompass. Es sollte eine interessante Auswanderer-Reportage werden. Dass die Zukunft ungewiss sein würde, war Julia klar. Dass es in einer Katastrophe enden könnte, nicht. Foto: Thorsten Seiffe
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Es sollte der Traum ihres Lebens werden, es wurde ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Wettstreit mit der Angst. Julia Ludes (24) startete das Unternehmen „Auswandern“ Mitte Februar. Ihre neue Heimat: Tokio in Japan. Die Erdbebenkatastrophe mit dem damit verbundenen Atom-Alptraum zwangen sie zur Flucht aus der Wahlheimat. Vorerst.
„Wenn sich die Lage beruhigt, will ich auf jeden Fall zurück“, sagt Julia dem STADTSPIEGEL. Ihr Visum gilt für ein Jahr, eine Ausreisebewilligung bekam sie in der Nacht vor ihrer abrupten Abreise - und damit die Chance, erneut einreisen zu dürfen.
Seit ihrer Kindheit ist Julia von der japanische Kultur fasziniert, vom Land, der Sprache, den Menschen. Erste Urlaube in Japan festigen schnell die Idee, eines Tages nach Japan auszuwandern.
Nach jahrelanger akribischer Vorbereitung ist es Mitte Februar 2011 endlich soweit.
Den STADTSPIEGEL traf sie eine Woche vor der Abreise für eine interessante Auswanderer-Reportage. „Das einzige, was mir Angst macht, ist die Erdbebenlage in Japan“, sagt sie damals, unwissend, ob der grausamen Vorhersage, die in ihrer Angst steckt. Dennoch wagt sie den ersehnten riesigen Schritt. Die deutsche Wohnung wird entrümpelt, zwei Koffer gepackt, die Katzen bei der Familie einquartiert.
Dann geht es von Düsseldorf über London nach Narita/Tokio. Alles ist im vergangenen Jahr perfekt in die richtigen Bahnen gelenkt worden. Julia kommt in einer Gastfamilie unter. Ihr Plan: Innerhalb eines Jahres eine eigene Wohnung und einen Job zu finden, um ein sogenanntes Arbeitssvisum zu bekommen. Die ersten Wochen laufen prima. Sie meldet sich in einer Schule an, vertieft ihre Japanisch-Kenntnisse. Ein Jobangebot als Fotografin lockt die ausgebildete Fachinformatikerin, die in Deutschland bei einer großen Telekommunikationsgesellschaft gearbeitet hat. Kontakt hält sie via Facebook und Skype zu ihrer Familie, ihren Freunden.
Sie schreibt über ihre Gastfamilie, das Land, die tolle Stadt, das Wetter: „Gestern strahlend blauer Himmel, Sonnenschein und warm. Heute Schnee.“
Bei Facebook postet die junge Frau dann nur einige Tage vor der Katastrophe, dass sie ein Erdbeben der Stärke 7,3 in der Schule erlebt hat. „Ich dachte erst, jemand würde mit den Füßen wippen, doch dann bestätigte die Lehrerin ganz cool, dass es wirklich ein Beben gegeben hat.“
Wenige Tage später geht das Paradies unter. „Krasses Erdbeben gerade! Extrem! Ich zittere noch. Erstmal aufs Nachbarsfeld gejumped“, teilt sie am 11. März auf Facebook mit.
Etwas später beruhigt sie ihre Freunde und ihre Familie: „Mir geht‘s gut. Abgesehen vom Schlafmangel, da es immer noch fast minütlich nachbebt.“
Die schlimme Tragweite erkennt sie etwas später. „Ich hatte natürlich Angst, aber ich wollte das Land auch nicht einfach verlassen, meinen Lebenstraum aufgeben“, erläutert die 24-Jährige. Sie packt schleunigst einige der wichtigsten Sachen und vergrößert die Distanz zum AKW in Fukushima.
„Ich bin mit dem Shinkansen nach Osaka gefahren. Das war zwar schweineteuer, aber ich wollte schon immer mal mit dem Hightechzug fahren“, ringt die Technikverrückte im Gespräch mit dieser Zeitung sogar der Flucht noch etwas Positives ab. Der Shinkansen zeichnet sich weniger durch die absolute Höchstgeschwindigkeit der Triebwagen aus als vielmehr durch seine durchgängig hohe Reisegeschwindigkeit auf einem vom Nah- und Güterverkehr baulich komplett getrennten Hochgeschwindigkeitsnetz aus 206 Stundenkilometer im Durchschnitt.
In Osaka angekommen wird die Lage in Fukushima immer schlimmer. Die Heimreise wird ins Auge gefasst. „Es hat mir fast das Herz gebrochen, ich habe immer spaßig gesagt, wenn ich einmal hier bin, gehe ich mit Japan unter - oder Japan mit mir.“ Soweit kommt es nicht. Ein Flug zu horrendem Preis bringt sie über Seoul nach Frankfurt - gerade rechtzeitig, bevor die Atomkraftwerke nach und nach maroder werden, giftige Wolken nach Tokio wehen.
Ihren Traum möchte Julia dennoch nicht aufgeben. „Ich will zurück, unbedingt. Aber ich will auch nicht sterben.“ Die letzten Tage in Japan waren bestimmt von Angst, Hoffen und Bangen. Sie waren aber auch von durchweg richtigen Entscheidungen bestimmt, die Julia gefällt hat. Erst die Distanz zu Tokio, dann die Heimreise.
Die Lage in Japan bleibt ungewiss. Auch Julia weiß nicht, was ihre Zukunft bringt, hofft aber auf ein hollywoodreifes Happy-End - für ihren Lebenstraum und vor allem die Menschen in Japan.

Autor:

Thorsten Seiffert aus Herten

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