Das Stahlmännchen

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Das Stahlmännchen!
Als ich sechs Jahre alt war ließen meine Eltern sich scheiden, ich war sehr verstört, enttäuscht und wütend. Eine alte Tante nahm mich auf, die von einer sensiblen Kinderseele keine Ahnung hatte, so gut sie es meinte, ich verschloss mich immer mehr. Als dann eines Tages einige Schulstunden ausfielen und sie noch einkaufen war, nutzt ich die Gelegenheit, legte meinen Ranzen vor die Türe und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter, ich wusste nur, das die Straßenbahn in die nächste Stadt fuhr, in der sie arbeitete. Über die Entfernung machte ich mir keine Gedanken.

Wütend, traurig und verlassen fühlte ich mich. Das Wetter entsprach meiner Stimmung, es war grau, kalt und diesig. Entschlossen machte ich mich auf den Weg, stur dem blitzenden Gleisstrang nach. Weil ich fröstelte schlug ich den Kragen meiner Jacke hoch und trat fest auf. Ob Mutter sich freute, wenn ich bei ihr auftauchte? Sie musste arbeiten und sicher würde sie böse sein. Erste Zweifel krochen in mir hoch. Plötzlich war ich nicht mehr so sicher, dass meine Idee gut gewesen war. Tränen der Verbitterung flossen über meine Wangen. Keiner wollte mich, keiner liebte mich, warum war ich nur auf dieser Welt? Plötzlich erhielt ich einen heftigen Stoß und schlug zu Boden. Der spitze Schotter ritzte meine Knie blutig, im gleichen Moment erfasste mich ein heftiger Windzug. Die Bahn rauschte dröhnend an mir vorbei, ich zuckte zusammen, ich hatte sie nicht einmal bemerkt. Glück gehabt, dachte ich.

Gut dass ich ein Taschentuch dabei hatte, ich presste es auf meine aufgeschlagenen Knie, als ich aufblickte, schaute ich geradewegs in die stahlgrauen Augen eines kleinen Männchens. Es stand vor mir und schüttelte mit leisem Quietschen seinen Kopf. Er war aus grauem Metall und fiel in dieser Umgebung und bei diesem Wetter kaum auf. Arme und Beine sahen aus wie kleine flexible Röhren. Kopf und Rumpf bestanden aus Vierecken. Da ich auf dem Boden hockte, waren wir auf Augenhöhe. „Hast du mich geschubst“, wollte ich wissen? Langsam hob und senkte sich sein Kopf. „Danke“, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. „Dank will ich nicht“, entgegnete er und blickte mich spöttisch an, „du gehörst nun mir“, sagte er. „Du machst Witze, ich gehöre mir, mir ganz alleine, verstehst du“, antwortete ich ihm. „Oh nein, ich habe dich erworben, ohne mich hätte die Bahn dich überfahren, du wärst mausetot, dich gäbe es nicht mehr und deshalb gehörst du mir, verstehst du?“ Mechanisch schüttelte ich den Kopf. „Du spinnst“, erwiderte ich nur und wollte mich umdrehen, was hatte ich mit dieser albernen Blechbüchse zu tun? Gut, er hatte mich gerettet, aber das gab ihm noch lange nicht das Recht……..“Du kommst nicht freiwillig mit, dann eben mit Gewalt.“ Er steckte seine kleinen Arme aus und aus den Metallfingern an ihrem Ende spritzen dünne Metalldrähte, ähnlich wie Spaghetti. Wie eine Spinne aus ihrem Hinterleib einen Faden kommen lassen kann, so kamen aus seinen Fingern diese Metallschnüre, sie verwoben sich miteinander und es entstand eine kleine Metallkappe. Fasziniert hatte ich das Ganze mit meinen Augen verfolgt und so konnte er, ehe ich auch nur einen Gedanken an Gegenwehr verschwenden konnte mir diese Kappe aufsetzen. Empört versuchte ich dieses Ding herunterzureißen, aber sie saß wie festgewachsen. Mein Kopf fühlte sich an wie in einer Schraubzwinge und das Ding strahlte eine Eiseskälte aus, die mein Gehirn umklammerte. Dabei lachte dieser Metallzwerg hässlich. „Bemühe dich nicht, du bist nun in meiner Gewalt und musst mir folgen, ob du willst, oder nicht.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und tappte los. Zuerst wollte ich lachen, es sah zu drollig aus, ähnlich stellt man sich wohl einen Zinnsoldaten vor, aber das Lachen verging mir schnell, denn ich musste hinterher. Es zog mich einfach dahin.

Weit mussten wir nicht gehen, nur über ein Abbruch Gelände, an dessen Ende schob das Männchen einen Busch zur Seite, der eine Höhle verdeckte. Sanft, aber stetig ging es bergab, die natürlichen Höhlenwände bekamen nach einer Weile eine Metallverkleidung, wir liefen in eine Welt aus Stahl. Wir gelangten in einen großen Raum, von dem viele Türen abzweigten. Das Männchen führte mich zu einer Metalltüre und als er seine Hand darauf legte öffnete sie sich, ich blickte in einen kleinen kärglich möblierten Raum. „Was soll das? Was mache ich hier“, wollte ich wissen? „Du bist nun mein Sklave und wirst ab Morgen für mich Arbeiten“, bekam ich zur Antwort. „Ph, wie käme ich denn dazu“, verschanzte ich mich hinter Frechheit, obwohl mir ganz schön mulmig zu Mute war. „Mach das du ins Bett kommst, der Morgige Tag wird hart“, befahl mir das Kerlchen. Vielleicht erreichte ich ja auf die nette Art mehr, ich verlegte mich aufs Bitten. „Was willst du denn mit mir, ich habe kaum Kraft, lass mich gehen“, bat ich. „Nichts da, ich habe viele von euch in meiner Gewalt, auch du wirst im Berg nach Metall graben, ich brauch mehr, immer mehr“ und seine Augen funkelten gierig. Hämisch lachend schloss er die Türe, ich war allein.

Eine armselige Kerze erhellte mein Verlies nur notdürftig. Verzweifelt ließ ich mich auf das Bett mit dem Eisengestell sinken. Tausend Gedanken rasten durch meinen Kopf. Auf meine Mutter war ich so wütend gewesen, weil sie mich verlassen hatte und heute, hatte nicht auch ich Tante Anni verlassen, welche Sorgen würde sie sich um mich machen, ich hatte geurteilt und war nicht besser als sie. Wie hatten mich manche Gewohnheiten genervt, das Gebet am Abend, nie hatte Gott mich erhört, aber hatte ich auch richtig gebetet? So richtig mit Inbrunst und aus der tiefe meines Herzens? Hört ein Vater richtig hin, wenn sein Kind etwas daher brabbelt? Wie hatte ich es gehasst, wenn Tante Anni mich am Abend nach dem Waschen und Gebet zu Bett brachte, wie sehr sehnte ich mich nun nach dieser Sicherheit, nach den alt gewohnten Ritualen. Schnell stand ich wieder auf und kniete mich vor das Bett, ich faltete die Hände und nun betete ich seit langer Zeit richtig aus tiefem Herzen. Hinter mir ertönte hässliches, meckerndes Lachen. „Ja bete nur, deinen Gott, den gibt es nicht, hier bin ich der Gott und keiner holt dich hier wieder raus.“ Lautlos war das Männchen wieder herein gekommen. Vor Wut heulend schleuderte ich das erste Beste was mir in die Finger kam nach ihm, es war der Stuhl, der beim Tisch gestanden hatte und der zerbrach nun an der Wand, weil das Männchen sich gebückt hatte. Du hässlicher kleiner Stahl Zwerg“, schrie ich außer mir vor Wut, „verschwinde. Immer noch lachend verließ er das Zimmer und ich war wieder allein, ich ließ mich auf das Bett sinken und in meiner Verzweiflung schlief ich ein.

Die Nacht schien rasend schnell vergangen zu sein, ich hörte immer: „Hörst du mich?“ Dabei schlug mir jemand auf die Wangen. Also das ging nun zu weit, was bildete dieser Zwerg sich ein. „Finger weg, anfassen ist nicht“, schrie ich erbost, schon bevor ich die Augen öffnete. „Sachte sachte junge Dame“, sagte jemand und lachte. Da riss ich die Augen auf und schloss sie gleich stöhnend wieder. Ein scharfer Schmerz war durch meinen Kopf gefahren, das war sicher diese verflixte Metallkappe, ich griff hin, fühlte aber nichts als meine Haare. „Na das gibt eine saftige Beule“, grinste der Arzt, der an meinem Bett stand. Hinter ihm stand kreidebleich Tante Anni. Was war ich erleichtert als ich sie sah und streckte meine Hände nach ihr aus. „Was machst du nur immer für Sachen Brigittchen“, schalt sie mich, aber es war herrlich ihre Stimme zu hören. „Was ist passiert“, wollte ich wissen? „Du wärst fast von einer Straßenbahn überfahren worden, im letzten Moment bist du zur Seite gesprungen und gestolpert, dabei ist dein Kopf hart auf dem Boden aufgeprallt, du hast eine Gehirnerschütterung.“ „Ach das ist nicht so schlimm“, freute ich mich, woraufhin Tante Anni den Kopf schüttelte. „Das arme Kindchen ist immer noch nicht richtig bei sich. Wenn ihr wüsstet dachte ich, wie gut es tut warm und geborgen unter einem weichen Bett zu liegen und behütet zu werden, ich beschloss das nie wieder zu vergessen.
©By Gitte
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6 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 24.03.2017 | 08:16  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 24.03.2017 | 09:36  
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Gitte Hedderich aus Herten | 24.03.2017 | 14:20  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 25.03.2017 | 08:42  
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Gitte Hedderich aus Herten | 25.03.2017 | 11:32  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 31.05.2017 | 14:31  
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