Der Psychopath

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Der Psychopath!
Ausgerechnet heute bot meine Freundin Susanne mir eine Heißersehnte Puppe zum Kauf an und das, nachdem Jürgen, mein Mann sich seine ebenfalls begehrte aber auch teure Kamera geleistet hatte. Was tun? Mein Blick fiel auf die Wochenendausgabe unsres Dorfblättchens, war das die Lösung? Ein Job für mich? Halbherzig schlug ich die Zeitung auf. Einmal gucken konnte ja nicht schaden. Als ich die Anzeigen überflog, blieb mein Blick an einer Annonce hängen.

Suche Betreuung für meinen behinderten Bruder stand da. Das hörte sich gut an, ich griff zum Telefonhörer und rief die angegebene Nummer an. Eine Männerstimme meldete sich nach dem zweiten Freizeichen und ich erkundigte mich nach dem Job. Es handelte sich um die Betreuung eines siebzehnjährigen Jungen, der geistig auf dem Stand eines sechsjährigen war. Wir vereinbarten ein Vorstellungs-Gespräch, das zeigen sollte, ob der Junge mich mochte und ich mit ihm zurechtkam.

Ein wenig aufgeregt fuhr ich zu der angegebenen Adresse. Waldweg, eine gehobene Villen Gegend, aber das war ja zu vermuten, wer konnte sich sonst eine Betreuerin leisten? Ein schönes mittelgroßes gepflegtes Haus in einer ebenso gepflegten Grünanlage erwartete mich und auf mein Schellen hin öffnete ein ca. dreißig jähriger Mann. Hoch gewachsen, mit mittel blondem Haar und blauen Augen, die durch eine goldgeränderte Brille blickten, angezogen mit einer Jeans und einem karierten Hemd machte er einen sportlichen, sympathischen Eindruck, wie ich mit einem schnellen Blick feststellte, der hoffentlich nicht zu aufdringlich war. Er lächelte und hatte mich ebenfalls einer flüchtigen Musterung unterzogen. Er stellte sich als Jörg vor und bat mich mit einer Handbewegung näher zu treten. Er führte mich in einen Salon und dort saß in einer Sitzgruppe ein Junge, sichtlich seine etwas jüngere Ausgabe, ich reichte ihm die Hand und stellte mich mit Gitte vor. Er schien mit seinen Gedanken weit weg gewesen zu sein, denn er zuckte leicht zusammen, dann schnellte er hoch, verbeugte sich Formvollendet, wobei er mir seine Rechte reichte und „Freut mich, Sascha“ sagte. Er wirkte völlig normal, wenn man von seinem verschleierten Blick absah. Der Ältere schmunzelte dazu. „Manieren hat er unser Kleiner“, lächelte er dazu. Sascha errötete und setzte sich wieder hin. „Versuchen wir es miteinander“, wollte Jörg wissen und ich willigte ein. Er schaltete seinem Bruder den Fernsehapparat ein und bat mich nach nebenan in eine geräumige Küche. „Sie sind nur für Sascha Zuständig“, klärte er mich auf. „Mittags kommt das Essen auf Rädern, sie können sich ebenfalls ein Gericht wählen. Ganz wichtig ist nur das sie darauf achten, das Sascha seine Tabletten nimmt. Sie stellen ihn ruhig, ohne seine Medikamente wird er aggressiv.“ „War er schon immer so“, wollte ich wissen? „Oh nein, er war ein völlig normales Kind. Als er fünf Jahre alt war, begann ich in einer anderen Stadt zu studieren. Meine Eltern hatten noch ein Kind, Melanie das Nesthäkchen. Sie kam auf die Welt, als Sascha elf Jahre alt war, ein bezauberndes Kind, ein richtiger Sonnenschein. Vor zwei Jahren dann geschah das entsetzliche, ich lebte nach dem Studium im Ausland und eines Tages erreichte mich die Nachricht, dass Sascha die ganze Familie umgebracht habe. Melanie war schrecklich zugerichtet, ihr kleiner Körper war über und über mit Hämatomen übersät, Vater und Mutter waren mit dem Eisen des Kaminbesteckes erschlagen worden. Sascha saß über die Leichen gebeugt und weinte. Er leistete keine Gegenwehr, als man ihn in die
Psychiatrie brachte. Dort wurde er mit Medikamenten behandelt und er ist nie wieder auffällig geworden. Nun hat man ihn entlassen, ich erzähle ihnen die Geschichte lieber gleich, bevor sie sie von den Nachbarn erfahren.“

„Er ist wirklich harmlos, wenn er seine Medikamente nimmt, trauen sie sich diesen Job zu?“ Für einen Moment war ich fassungslos, dieser nette Junge ein mehrfacher Mörder? „Er ist wirklich harmlos“, setzte Jörg hinzu, der meinen entsetzten Blick wohl richtig gedeutet hatte. „Bitte geben sie uns eine Chance, ich muss meiner Arbeit nachgehen, wenn ich keine Betreuung finde, muss Sascha wieder ins Heim.“ Bittend blickte er mich an, ich konnte ihn verstehen und auch wenn mir nicht ganz wohl bei der Sache war, beschloss ich es zu versuchen. Mit mulmigem Gefühl begann ich am nächsten Morgen meinen Dienst. Jörg war an diesem ersten Tage zu Hause geblieben und wies mich in alles ein. Sascha erwies sich als sehr umgänglich, wenn das so blieb, konnte ich zufrieden sein, mal sehen, ob er auch auf mich hörte, wenn ich mit ihm alleine war. Meine Bedenken erwiesen sich als bedeutungslos und Sascha wuchs mir immer mehr ans Herz. Bei schönem Wetter saßen wir auf der Veranda und spielten Mau Mau, oder Mensch ärgere dich nicht, dabei versuchte ich immer ein wenig sein Gedächtnis zu trainieren, ich ließ ihn überlegen, welches Püppchen er am vorteilhaftesten setzte und er freute sich immer sehr, wenn er eines meiner Püppchen raus werfen konnte. Bei schlechtem Wetter kochte ich Tee, wir saßen am Kamin und ich las ihm vor. Es waren lauschige Stunden, wenn der Regen an die Großen Scheiben klatschte und Sascha unter einer Decke saß und mit halb geschlossenen Augen meinen Geschichten lauschte.

Diese ganze Harmonie hatte mich wohl eingelullt, anders kann ich es mir nicht erklären, wie es Sascha gelang seine dringend benötigte Tablette wieder auszuspucken. Einige Male musterte ich ihn besorgt, irgendetwas war anders als sonst, aber ich wusste nicht was. Erst als Jörg heimkam bemerkte er es sofort. Es waren seine Augen. Sie hatten den träumerischen Ausdruck verloren und flackerten tückisch. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schock. „Sascha was hast du gemacht“, stieß ich noch hervor, da entrann seiner Kehle ein Grollen, das Jörg und mich zusammen zucken ließ. Vorsichtig näherte er sich ihm, doch gerade als er ihn packen wollte, schlug er zu. Jörg schaffte es nicht mehr auszuweichen und ging ohnmächtig zu Boden. Einen Moment lang lähmte mich der Schreck, doch als er mit funkelndem Blick auf mich zukam, warf ich mich herum und hetzte über die Veranda in den Garten. Panisch suchte ich nach einem Versteck. Es war Herbst und der Gärtner hatte das Laub zu einem großen Haufen zusammen gekehrt, ich hechtete hinein. Durch ein kleines Loch blickte ich zur Veranda. Da stand Sascha und blickte sich verwirrt um. Bloß nicht rühren, der Gedanke an das Blutbad das er schon einmal angerichtet hatte ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Verzweifelt versuchte ich nicht an das Ungeziefer zu denken, das hier im Laub saß, Spinnen, Läuse Käfer und Ameisen, mich kribbelte es überall, aber ich durfte mich nicht bewegen. Da drang Kinderlachen an meine Ohren. Auch das noch, ich sah, wie Sascha interessiert in die Richtung des Spielplatzes blickte. Den Ort hatte er unter Medikamenten Einfluss immer gemieden, warum darüber hatte ich nicht nachgedacht und ihn gewähren lassen. Ach du liebe Zeit, wie magisch angezogen bewegte er sich in Richtung des Spielplatzes. Er schien mich völlig vergessen zu haben. Was sollte ich nur machen? Hektisch befreite ich mich aus dem Laub und wollte ihm nachlaufen. „Sascha“, rief ich, doch er hörte nicht, wie in Trance schritt er weiter.

Meine Gedanken überschlugen sich, sollte ich ihm nachgehen und versuchen ihn aufzuhalten? Aber das hatte Jörg schon gewollt und der war stärker als ich, also hetzte ich ins Haus zurück. Jörg lag immer noch an der gleichen Stelle, ich würde mich später um ihn kümmern. Zuerst rief ich die Polizei an. „Bitte kommen sie schnell“, rief ich in den Hörer und erzählte in groben Zügen, was geschehen war. Danach rannte ich zum Spielplatz. Schon von weitem konnte ich Sascha auf dem Rand des Sandkastens sitzen sehen. Er schien sich angeregt mit einem kleinen Mädchen zu unterhalten, ich atmete auf, noch war scheinbar nichts geschehen, ich konnte nur hoffen, das er nicht in Panik geriet, wenn er die Polizei bemerkte. Langsam näherte ich mich und setzte mich mit hämmerndem Herzen dazu. Schließlich hatte ich versagt und nicht Acht gegeben das er seine Medikamente genommen hatte. Nun würde ich auch versuchen zu verhindern, dass er dem Mädchen etwas antat. Die beiden hatten mich überhaupt nicht bemerkt. „Bist du Melanie“, fragte er das Mädchen? „Ja, woher kennst du meinen Namen“, wollte sie wissen. Sascha schaute verblüfft. „Aber du bist doch tot“, sagte er erstaunt, ich habe doch gesehen, wie Papa dich totgeschlagen hat und dann habe ich ihn erschlagen.“ Das Mädchen schaute erstaunt, dann lachte sie, sie hielt das Ganze wohl für ein Spiel. „Ach nein, ich bin nicht tot und Papa auch nicht“, antwortete sie. „Das siehst du doch.“
Das konnte doch nicht wahr sein, nun erfuhr ich hier durch einen dummen Zufall, das Sascha scheinbar sein kleines Schwesterchen hatte retten wollen und nicht einfach so die ganze Familie ermordet hatte, da schien sich eine Tragödie abgespielt zu haben. Sascha nahm die kleine Melanie glücklich in seine Arme und wiegte sie hin und her.

Besorgt sah ich, wie sich ein Polizeiwagen näherte und lief zu ihnen. „Bitte gehen sie behutsam vor“, bat ich die Beamten und berichtete schnell, was ich soeben gehört hatte. Langsam näherten wir uns dem Sandkasten und als die Beamten Sascha aufforderten mitzukommen stand er gleich auf und folgte ihnen. Sie brachten ihn in eine Klinik, wo man ihn behandelte. Als ich ins Haus zurückkam, erhob Jörg sich gerade stöhnend. Als er von mir erfahren hatte, wie sich die Tragödie damals ereignet hatte befragte er seine Nachbarn und erfuhr, das seine Eltern scheinbar mit der Erziehung des Nesthäkchens Melanie total überfordert gewesen waren, man hatte sie oft weinen hören, aber niemand hatte etwas gesagt, man wollte ja schließlich seine Nachbarn nicht anschwärzen.

Bleibt nur zu sagen, das Sascha nach einer langen Behandlungszeit wieder gesund wurde, meine Job war ich los, aber das war die Wahrheit wert, denn man weiß, Sascha ist kein Mörder, er wollte nur sein Schwesterchen beschützen. Die kleine Melanie hat ihn immer wieder einmal besucht, sie hat instinktiv gemerkt, dass er nie böse war und ihr keine Gefahr von ihm drohte, schade nur, dass unser Instinkt so verkümmert ist.
©By Gitte
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11 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 09.03.2018 | 08:35  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 09.03.2018 | 09:32  
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Regine Hövel aus Dinslaken | 09.03.2018 | 19:39  
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Gitte Hedderich aus Herten | 10.03.2018 | 08:17  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 11.03.2018 | 10:25  
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Gitte Hedderich aus Herten | 11.03.2018 | 11:12  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 11.03.2018 | 13:54  
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Gitte Hedderich aus Herten | 11.03.2018 | 14:37  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 18.03.2018 | 11:41  
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Gitte Hedderich aus Herten | 18.03.2018 | 13:48  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 18.03.2018 | 13:56  
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