Die Tasche

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Die Tasche!
Alles begann damit, dass ich von meiner Cousine in der vergangenen Woche diese wunderbare, seltsame Tasche bekam. Sie war zu Besuch gekommen, um bei dieser Gelegenheit einige Sachen in der Umwelt Werkstatt abzugeben. Als sie den Wagen auslud, bemerkte ich diese wunderbare Tasche in Petit Point Arbeit. „Die willst du doch wohl nicht hier abgeben“, vergewisserte ich mich? Schnell hatte ich zugegriffen. „Doch“, erwiderte Susi, „dieses Ding bringt Unglück.“ Ich lachte. „Nun sag nur nicht du bist abergläubisch, das glaub ich ja nicht“, antwortete ich und sah mir die Tasche an. Susi seufzte. „Wenn du willst, dann behalte das verflixte Ding.“ Damit war die Sache erst einmal erledigt. Glücklich stopfte ich sie in meinen Rucksack und gab Susi einen Kuss auf die Wange. „Danke Cousinchen, ich liebe Petit Point.“ Susi seufzte erneut und danach stöberten wir im Geschäft.

Zu Hause packte ich den Rucksack aus und besah mir die Tasche erneut. „Das ist ein wunderbares Stück“, bemerkte ich. Sie war hervorragend gearbeitet, eine herrliche Landschaft in feiner Petit Point Arbeit. „Pack das verflixte Ding weg“, bat Susi mich. „Was hast du denn nur damit“, wollte ich wissen. „Sie gehörte Edith“, sagte Susi und blickte mich traurig an. Aha, nun verstand ich. Edith war Susis Schwiegermutter und meine Tante, sie war vor fast einem Jahr unter mysteriösen Umständen verschwunden. Keiner konnte sich das erklären. Edith war fast siebzig. Wohin war sie gegangen und warum? Alle hatte wir uns den Kopf zerbrochen, aber eine Erklärung hatten wir nicht gefunden. „Edith hatte die Tasche von Tante Ida“, meinte Susi und sah mich bedeutungsvoll an. „Tante Ida, aber ist ja auch………….“, begann ich verwundert und Susi nickte mit dem Kopf. „Ja, Tante Ida ist auch verschwunden, eine Weile nachdem sie diese Tasche erstanden hat. Bitte sei vorsichtig“, meinte sie. Ich lachte wieder, dieses Mal ein wenig gezwungen und legte die Tasche zu meinen anderen, von denen ich zugegebener Maßen eine stattliche Menge besitze.

Einige Monate vergingen. Der Frühjahrsputz stand an und ich räumte den Schrank aus. Ach da war ja die Tasche, die ich von Susi hatte. Eine herrliche Arbeit. Umrahmt von Ranken bot sich dem Blick des Betrachters eine Japanische Landschaft dar. Kirschzweige blühten und wunderschöne Pagoden bauten im Hintergrund eine Parklandschaft mit Brunnen und Vögeln. Einige unschöne Punkte verunzierten das herrliche Teil, aber bei dem Alter können schon einmal Verschmutzungen geschehen. Mit dem Fingernagel begann ich ein wenig zu kratzen.

Ein seltsames Gefühl beschlich mich. Mein Finger tauchte ein und zog den Rest von mir nach. Als ich wieder klar denken konnte stand ich genau in der von mir eben so bewunderten Landschaft. Allerdings hatte diese nun völlig andere Dimensionen und die Punkte entpuppten sich als Menschen. Staunend blickte ich mich um. „Oh nein, du bist auch hier“, hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme und noch ehe ich mich nach der Sprecherin umdrehte, wusste ich das es meine verschollene Tante war, die mich traurig angesprochen hatte. „Edith, was ist geschehen, wo sind wir hier und wie sind wir hierher gekommen“, wollte ich von ihr wissen, nachdem ich sie umarmt hatte. „Langsam, langsam, du bist immer noch die ungestüme Gitte“, schmunzelte sie. „Du wirst alles erfahren, ich stelle dir gleich jemanden vor.“ Sie führte mich zu dem Haus und wir betraten es. Innen sah es allerdings nicht so prunkvoll aus wie von außen. Fragend sah ich Edith an. Sie zuckte die Schultern. „Wir sind sozusagen in einem Bild“, erklärte sie und ein Bild beinhaltet ja nichts. Verzweifelt bemühte ich mich um Logik. „In einem Bild“, wiederholte ich nicht gerade intelligent. „Wie kommt man in ein Bild?“ „Marie“, rief Edith und aus einem der notdürftig hergerichteten Räume kam eine Dame. „Bitte nehmen sie doch Platz“, bat sie mich und deutete auf einen mit Heu gefüllten Pulli, der scheinbar als Sitzkissen diente. „Wir behelfen uns, so gut es geht, wenn ich das geahnt hätte, hätte ich diesen Zauber nie ausgesprochen“, sagte sie traurig. Was geahnt? Ich dachte es nur, ich merkte ich musste ihr Zeit lassen sich zu sammeln, wenn ich die Geschichte erfahren wollte.

„Mein Name ist Marie Bovarie“, begann sie schließlich zu erzählen, „ich lebte in Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts. Meine Familie beschäftigte sich viel mit Astrologie. Eines Tages hörte ich von der Prophezeiung des Nostradamus, die Welt werde das Jahr 2000 nicht überstehen. Was konnte man machen, um einige der Spezies Mensch zu retten in eine fernere Zeit? Wenn die Menschen vernichtet werden, bleiben Dinge bestehen war die natürliche Folgerung. Man findet ja bei Ausgrabungen ständig Spuren aus der Vergangenheit. Man musste also zu einem „Ding“ werden. Aber wie? Nun begann ich systematisch mit Magiern und Zauberern Kontakt zu suchen und eines Tages hatte ich Erfolg. Allerdings sagte man mir, keine Magie, ohne Gegenleistung, ich würde also wenn ich diese Tasche gestickt hatte, darin verschwinden. Damals war ich wie besessen von meinem Wunsch. Ewiges Leben, wenn auch in einem Bild. Ferne Zeiten kennen lernen, auch wenn ich nicht in ihnen Leben durfte, ich konnte sie sehen. Visuell am Fortschritt teilhaben, das war doch immerhin mehr als allen anderen Menschen zuteil wurde, ich war ja so naiv, über alle dem hatte ich vergessen nachzufragen wie dieses Leben sein würde und es ist furchtbar. Ohne allen Luxus, jede Beere die wächst wird erwartet, wir leben nicht, wir vegetieren. Als ich hier ankam war ich überwältigt von der Ruhe und der Schönheit des Ortes, aber bald begann die Einsamkeit mich zu bedrücken. Dann kam der Hunger, als Erstes legte ich meine schöne, aber völlig unpraktische Garderobe ab und begab mich auf die Suche nach Nahrung. Fast alle Kräuter habe ich probiert und dazu kommt immer die Angst sich zu vergiften.“ Tatsächlich, Madame Bovarie trug wunderschöne altmodische Wäsche. „Eines Tages bekam ich Besuch. Deine Großtante hatte den Fleck meiner Anwesenheit als erster Mensch auf dieser Tasche bemerkt. Schau, da kommt sie ja schon“, fuhr sie fort.

Unbemerkt hatte sich Tante Ida von hinten genähert. „Im Park blühen einige Löwenzahn, aus den Blättern machen wir heute Mittag einen Salat. Ich konnte nur staunen, meine reiche verwöhnte Tante Ida aß Löwenzahnsalat? Sie deutete meinen Blick richtig und lächelte. Sie hatte sich verändert. Während sie früher immer mokant und von oben herab auf mich nieder gelächelt hatte, kam ihr Lächeln heute von Herzen. Sie nahm mich in ihre Arme und begrüßte mich. „Ja mein Kind, nun bist du also auch hier bei uns angekommen, es stimmt ich sah den Fleck auf der Tasche und ahnte nicht das ich als ihn entfernen wollte hineingezogen würde, um Maries Los zu teilen. Nachdem ich damals verschwunden war bekam Edith als meine Erbin die Tasche und sie war begeistert, allerdings bemerkte sie zwei winzige Flecken und so teilte sie nach kurzer Zeit unser Los. Wir leben hier mehr schlecht als Recht. Ab und zu einen Fisch aus dem Brunnen, aber richtig satt werden wir nie. Wir werden mehr im Haus bleiben müssen, denn je mehr Punkte die Leute bemerken, um so mehr werden sich zu uns gesellen und es reicht nun schon hinten und vorne nicht. Wir können von Glück sagen, das es hier nicht kalt wird, dann hätten wir überhaupt nichts zu essen.“

„Jürgen wird uns befreien, da bin ich ganz zuversichtlich“, versuchte ich mich und meine Leidensgefährtinnen zu trösten. Jürgen, mein Mann würde Nachforschen wo ich geblieben war, an diese Hoffnung klammerte ich mich und ich hatte Recht. Nachdem ich nun auch verschwunden war, kombinierte Jürgen ganz folgerichtig, das es nur mit der Tasche zusammen hängen konnte. Äußerst vorsichtig begann er damit sie zu untersuchen. Dazu benutzte er sein neues Mikroskop. Auch er sah die vier Punkte und als er sie vergrößert betrachtete, erkannte er zu seinem nicht geringen Erstaunen mich, seine Frau, Tante Edith, Großtante Ida und eine völlig unbekannte Dame. Er grübelte und überlegte und kam zu dem Ergebnis, das es sich um Magie handeln musste. Magie konnte man nur mit Magie besiegen dachte er und suchte etliche Magier auf. Die meisten waren allerdings Scharlatane und so dauerte es eine Zeit, bis er einen wirklichen Zauberer gefunden hatte. Der berichtete ihm, dass der Zauber nur zu brechen sei, wenn man ein erneutes Opfer brachte. Das sollte folgendermaßen aussehen. Der Zauber wurde umgeschrieben und fortan durfte die Tasche sich ihre Opfer selbst aussuchen. Im Gegenzug für unsere Freiheit konnte sie demnächst Leute anziehen, die Böses im Sinn hatten. Als dieser Pakt geschlossen war ließ sie uns aus ihrem Bann.

Wie freuten wir uns, als wir unsere Freiheit wieder hatten. Ein Wehmuts tropfen war allerdings das Marie, die sobald sie in Freiheit war zusehends verfiel, ihre Zeit in dieser Welt war längst abgelaufen. Wir konnten ihr gerade noch Kleidung geben und sie in den Wald begleiten. Dort unter freiem Himmel starb sie dann umgeben von uns. Am nächsten Tag fand man eine sehr alte, unbekannte Tote. Meine beiden Tanten verbrachten die Nacht bei mir und wir redeten noch sehr lange, denn nach dieser Aufregung kam keiner von uns zur Ruhe.

Am nächsten Tage wollten wir die Tasche gemeinsam entsorgen. Auf dem Weg zur Abfalltonne begegneten wir einer Nachbarin. „Was für ein herrliches Stück“, sprach sie. „Die Tasche ist schon alt, wir werfen sie weg“, klärte ich sie auf. Als ich später zufällig aus dem Fenster sah, bemerkte ich, dass sie sie aus meiner Tonne gefischt hatte. „Was willst du denn damit“, hörte ich ihren Mann im Flur schimpfen. Am nächsten Tage war er verschwunden und kehrte auch nie mehr zurück. Wir hätten ihr sagen können, wo er sich befand, aber wer sollte das glauben?
© By Gitte
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18 Kommentare
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Christiane Bienemann aus Kleve | 26.05.2017 | 06:58  
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Gitte Hedderich aus Herten | 26.05.2017 | 07:10  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 26.05.2017 | 07:45  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 26.05.2017 | 10:12  
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Franziskus Firla aus Mülheim an der Ruhr | 26.05.2017 | 11:03  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 26.05.2017 | 11:50  
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Gitte Hedderich aus Herten | 26.05.2017 | 12:29  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 26.05.2017 | 12:56  
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Gitte Hedderich aus Herten | 26.05.2017 | 13:39  
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Christa Haber aus Lünen | 26.05.2017 | 16:18  
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Gitte Hedderich aus Herten | 26.05.2017 | 16:43  
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Christa Haber aus Lünen | 26.05.2017 | 16:54  
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Christa Haber aus Lünen | 26.05.2017 | 17:04  
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Gitte Hedderich aus Herten | 26.05.2017 | 20:05  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 27.05.2017 | 00:52  
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Gitte Hedderich aus Herten | 27.05.2017 | 06:24  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 27.05.2017 | 19:13  
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Gitte Hedderich aus Herten | 27.05.2017 | 20:05  
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