Schulleiter statt Profi-Torhüter: Schorlemmer verabschiedet sich vom Pestalozzi-Gymnasium Unna

Mit einem Lächeln am Schreibtisch: "Spaß muss man bei der Sache haben"
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Von Stefan Reimet

Von seinem Schulleiter Helmut Schorlemmer verabschiedet sich das Pestalozzi-Gymnasium Unna zum Ende des Monats. Ein Jahr früher als geplant wechselt er in den Ruhestand, greift dem Bildungssystem in Ghana mit seinen Erfahrungen als Berater unter die Arme. Reformen hin zur „Offenen Schule“, Sponsoring, neue Lern- und Selbstlernformen sowie der Ausbau zur Ganztagsschule waren markante Aufgaben für Helmut Schorlemmer, der fast eine Karriere als Torhüter beim TuS Wattenscheid gemacht hätte.

Heute eine Rarität ist der Schulabschluss des 64-jährigen Helmut Schorlemmer: Latein und Altgriechisch waren seine Abiturfächer am Marien-Gymnasium seiner Geburtsstadt Werl. Lehrermangel bescherte ihm bereits einen Vorgeschmack auf Reformen, die Kurzschuljahre. Sein Herz schlug schon damals für den Sport. An der Uni Bochum immatrikulierte er sich für Sozialwissenschaften und eben Sport, schloss sein Studium 1974 ab und ging als Referendar nach Hagen. Von dort wechselte er an das Albert Martmöller-Gymnasium in Witten. „Da ging ich den Weg bis zur Leitungsfunktion, arbeitete in der Lehrerfortbildung.“ Und sammelte Erfahrungen vom Unterricht bis zur Schulleitung. Als er 1999 als Schulleiter an das Pestalozzi-Gymnasium kam, befand sich die Bildungslandschaft im Umbruch im Sinne von Öffnung der Schulen. Unter dem Stichwort „Sponsoring“ mussten Bildungsträger lernen, mit den Interessen der Wirtschaft umzugehen, die Kinder und Jugendliche jetzt als Zielgruppe ins Visier nahm. „Die Schulen sollten unterstützt, aber Schüler nicht für Produktwerbung missbraucht werden.“ Das NRW-Landesministerium suchte Rat bei ihm : “Herr Schorlemmer, keiner weiß wie es geht.“ Fragen, wie Schulrecht und Sponsoring zu vereinbaren seien, Plakate, wie weit darf Produktwerbung gehen beschäftigten Pädagogen und Politik. Als Berater wurde Schorlemmer 1999 für ein Jahr vom Unterricht entbunden. „Bin aber immer noch NRW-Beauftragter für Schulsponsoring, angedockt an die Stiftung Schulpartner.“

Globalisierung und Unesco-Schule

In seine Amtszeit fallen die Anfänge der Globalisierung, auch im Bildungswesen. Das Thema interessierte ihn nicht nur als Sozialwissenschaftler. „Im Unterricht hielten Ergebnisse weltweiter Vergleichsstudien Einzug. Schwellenländer setzen auf Bildung, überall spielt es eine Rolle.“

Die Ernennung zu einer von 130 Unesco-Projektschulen in Deutschland im Jahr 2005 bildete einen entscheidenden Höhepunkt in der Arbeit Helmut Schorlemmers. Leitbild ist eine Lernatmosphäre, die Schüler zur Vertretung und Durchsetzung demokratischer, international anerkannter Werte befähigt. „Die Unesco-Projektschule ist ein roter Leitfaden für uns.“ Internationalität wird etwa im Rahmen des Comenius-Projekts gelebt.

Rückblickend habe er sich bemüht, Schwerpunkte zu setzen. „Wichtig ist aber, das Team mitzunehmen.“ Und er meint damit eigentlich drei Schulbänke, nämlich Schüler, Eltern und Lehrer. Da habe die Initiative „Selbständige Schule“ zwischen 2002 und 2008 kräftig Schub gegeben. In Gremien, mit der Schulgemeinschaft transparent zu arbeiten war ein Meilenstein seiner Laufbahn.
Seitdem sind alle Arbeitsgruppen mit den drei Bänken besetzt.

Das PGU hat heute mehrere Schwerpunkte. Zu den Naturwissenschaften kamen der sprachliche und musische Zweig verstärkt hinzu, eine Bundessiegerin in Englisch fällt in seine Amtszeit. Aber auch gesellschaftlich habe das Profil des Gymnasiums gewonnen, etwa durch Wettbewerbe und Schülerunternehmen.

Vollbesetzte Ganztagsschule

Auch die Digitalisierung stellte eine berufliche Herausforderung für den Schuleiter dar, nicht nur im Bereich des Selbstlernens. Hinzu kam die Überführung der Schulen in die Selbständigkeit mit Eigenbudget und Verantwortung der Personalentwicklung. Im gleichen Zuge entstand vor einigen Jahren die Ganztagsschule, die heute am PGU ein Nachmittagsprogramm mit Kreativangeboten bietet. Steigende Schülerzahlen unterstreichen das Image des PGU. Seit der Jahrtausendwende stieg die Schülerzahl auf derzeit 904 Schüler, im Doppeljahrgang drückten 993 Pennäler die Bänke. „Bis auf die letzte Besenkammer sind wir ausgebucht.“ Das Kollegium umfasst 62 Lehrkräfte plus 8 Referendare.

Angeschoben hat Helmut Schorlemmer eine bauliche Veränderung, die er aktiv nicht miterleben wird. Das Weiterbildungskolleg wird die Räume des PGU verlassen und in das Gebäude zwischen Gesamtschule und PGU umziehen. „Wir konnten das Forum kaum nutzen, es fehlen uns zudem Verwaltungsräume.“

Vorgezogen in Pension geht Helmut Schorlemmer vor allem, um seine Lebensgefährtin bei der Übernahme einer Aufgabe in der Entwicklungshilfe zu begleiten. „Eine Fernbeziehung nach Ghana funktioniert nicht. Für mich ein Aufbruch in eine spannende Zeit.“ Als NGO habe er Kontakte geknüpft. Leidenschaftlicher Kaffeetrinker ist er ohnehin, da komme Ghana genau richtig.
Zwei Kinder hat Helmut Schorlemmer. In die pädagogischen Fußstapfen tritt die Tochter, der Sohn promoviert als Teilchenphysiker am CERN in Genf.
Wenn er seinen Ruhestand dann erreicht hat, möchte Helmut Schorlemmer seinen Hobbys frönen: Lesen und er ist leidenschaftlicher Sportler, wenn auch mehr im Fitness-Studio und im Wald. Als Jugendlicher kickte er in Werl, später im Team der Uni Bochum. Um Haaresbreite hätte er eine Profikarriere beim ehemaligen Bundesligisten SG Wattenscheid gestartet. Bei einem Spiel gegen die 2. Mannschaft brachte er im Tor die Wattenscheider zur Verzweiflung. Klaus Steilmann, Vereins-Eigner und Textilfabrikant, bot ihm einen Profivertrag an, einzige Bedingung, Vollbart und lange Haare müssten ab. Als überzeugter 68er blieb Schorlemmer hart und verzichtete auf die Chance. „Aber wenn sie sich heute Ronaldo und andere Spieler anschauen...“

Für Fassbinder gedreht

Einen Abstecher zum Film machte Helmut Schorlemmer 1981. Als Aufnahmeleiter war er bei den Dreharbeiten zu Rainer Werner Fassbinders Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ unter Vertrag. „Aber ich musste mich entscheiden Schule oder Film. Wegen der Familie blieb ich bei der Schule.“
Als Hobby betreibt er Film und Foto bis heute, betreute Film-AGs.

Pünktlich zu seinem Abschied fertig geworden ist eine Neufassung der Schulordnung. Haarkleine Regeln und Seiten lange Unterpunkte gibt es nicht mehr. Das neue Regelwerk passt auf eine DIN-A4-Seite. „Und das ist gut so.“

Autor:

Stefan Reimet aus Holzwickede

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