"Altenpflege kann nicht jeder!"
Altenpflegerin Petra Biermann: "Es geht um Empathie, Würde und Respekt"

Die 56-jährige Altenpflegerin Petra Biermann arbeitet seit sieben Jahren als Betreuungsfachkraft im Meta-Bimberg-Haus in Hennen. Foto: Goor
  • Die 56-jährige Altenpflegerin Petra Biermann arbeitet seit sieben Jahren als Betreuungsfachkraft im Meta-Bimberg-Haus in Hennen. Foto: Goor
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Petra Biermann hat mit 23 Jahren ihre Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen und 27 Jahre in dem Beruf gearbeitet. Sie hat sich in der Palliativ-Pflege und zur gerontopsychatrischen Fachkraft weitergebildet. Seit sieben Jahren ist sie Betreuungsfachkraft im Meta-Bimberg-Haus in Hennen, einem Seniorenheim der Diakonie Mark-Ruhr. Wenn die 56-Jährige eines ärgert, dann ist es die Aussage: Altenpflege kann jeder.

Von Hilde Goor-Schotten

Was macht den Beruf so anspruchsvoll und besonders?

Die Altenpflege ist ein Komplettpaket. Das reicht vom Frisieren bis zur Seelsorge, von den Gesprächen mit Angehörigen und Ärzten bis zur Sterbebegleitung. Ich arbeite im Demenzbereich. Dort leben 28 Bewohner in verschiedenen Stadien der Krankheit. Jeder ist anders, jeder lebt in seiner eigenen Welt. Oft können sie nicht mehr mitteilen, wie es ihnen geht. Was sie möchten oder brauchen, erkennt man nur an ihrem Verhalten und ihrer Mimik. Man muss viel Wissen haben, um ihnen allen gerecht werden zu können. Es geht um Empathie, Würde, Respekt.

Hat sich die Struktur in den Heimen verändert?

Auf jeden Fall. Im Meta-Bimberg-Haus sind rund 85 Prozent der Bewohner dement. Das ist sicher mehr als woanders, weil wir da einen Schwerpunkt haben. Aber auch in anderen Einrichtungen steigt ihre Zahl. Die Menschen kommen immer später ins Heim, erst wenn es gar nicht mehr anders geht. Auf der anderen Seite erkranken immer mehr jüngere Menschen an Demenz, die oft mit anderen Krankheiten gekoppelt ist. Es leben auch traumatisierte Menschen bei uns. Und es gibt immer mehr männliche Bewohner.

Was bedeutet das für die Pflege?

Der Umgang mit dementen Menschen erfordert mehr Zeit. So haben wir zum Beispiel die Gruppenaktivitäten durch Einzelbetreuung ersetzt, weil man in einer Gruppe die verschiedenen Stadien der Demenz nicht berücksichtigen kann. Das muss dann natürlich auch einzeln dokumentiert werden. Dann wäre es schön, wenn mehr Männer in der Pflege arbeiten würden. Sie haben einen anderen Zugang zu den männlichen Bewohnern. Auch ist der Gesprächsbedarf der Angehörigen gestiegen. Früher waren es meist die Eltern, die im Heim waren; heute sind es oft die Ehepartner. Die haben sich ihr Leben nach der Arbeit ganz anders vorgestellt. Auch sie müssen betreut werden. Das wird in keiner Weise vergütet, ist aber sehr wichtig. Oft ist dafür keine Zeit.

Sehen Sie in der fehlenden Zeit eines der Hauptprobleme in der Pflege?

Ja, man hat das Gefühl, den Menschen nie gerecht zu werden. Den Bewohnern, gerade den dementen, und auch ihren Angehörigen das Gefühl zu geben, für sie da zu sein, beschützt zu sein, ist sehr schwer.

Fehlt es an Personal?

Eigentlich sind wir im Meta-Bimberg-Haus ganz gut aufgestellt. Für die 58 Bewohner sind 60 Mitarbeiter da, wenn man alle Bereiche wie Küche und Wäscherei mitrechnet. Die meisten arbeiten in Teilzeit, die Fachkraftquote liegt bei über 50 Prozent.

Aber…?

Betreuerisch würde ich mir mehr wünschen. Dass es jetzt die Betreuungsfachkräfte, die Alltagsbegleiter, gibt, ist schon sehr hilfreich, aber es könnten mehr sein. Kleinigkeiten wie Spaziergänge, in den Supermarkt und die Kirche gehen sind sehr wichtig, um die Menschen am sozialen Leben teilnehmen zu lassen. Für ein Projekt in einer Fortbildung bin ich mit drei Bewohnern schwimmen gegangen. Das war eine wunderbare Sache. Aber das geht nur mit einer Eins-zu-Eins-Betreuung.

Würde es helfen, wenn jeder eine Stunde mehr arbeiten würde, wie Bundesgesundheitsminister Spahn anmerkte?

Wohl kaum. Der Beruf ist sehr anstrengend. Wer in Vollzeit arbeitet, kommt schon an seine Grenzen. Und die vielen Teilzeitkräfte brauchen wir, um flexibel zu sein und in drei Schichten arbeiten zu können. Bei uns im Haus wird sehr auf die einzelnen Bedürfnisse bei der Dienstplangestaltung eingegangen. Einfach mal mehr arbeiten, wäre für viele sicher nicht möglich.

Wird in der Ausbildung ausreichend auf den Beruf und speziell auf Demenz vorbereitet?

Die Schülerinnen und Schüler selbst sagen nein, es müsste viel mehr sein. Ab 2020 wird es eine gemeinsame Ausbildung in der Kranken- und Altenpflege geben. Da muss man abwarten, ob es besser wird. Fortbildung wird auf jeden Fall ganz wichtig bleiben. Schön ist, dass die Pflegeschüler, die zu uns kommen, alle sehr wissbegierig sind. Sie sind sehr positiv eingestellt, wollen viel über den Umgang mit dementen Menschen wissen.

Was wünschen Sie sich für eine optimale Pflege?

Dass man sich die Ausbildung genauer anschaut. Dass es betreuerisch mehr Mitarbeiter gibt - und eine andere Angehörigenbetreuung. Und mehr Akzeptanz und Toleranz in der Gesellschaft. Oft wird man komisch angeguckt, wenn man mit Demenzkranken unterwegs ist. Aber sie gehören dazu.

Und Ihr Wunsch an die Politik?

Die Wertschätzung des Berufs muss gesteigert werden. Es muss auf jeden Fall auch die Qualität in der Pflege erhalten bleiben. Wir brauchen gute, professionelle Mitarbeiter. Den Beruf macht man nicht ,mal eben'. Wünschenswert wären auch mehr Möglichkeiten, Menschen im Beruf zu halten durch Gesprächsangebote und Supervisionen. Bei uns läuft das schon sehr gut, aber das ist nicht überall so. Um den Beruf aufzuwerten, müsste die Altenpflege auf jeden Fall auch finanziell mit der Krankenpflege gleichgestellt werden. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Krankenpfleger mehr verdienen.

Abschließende Frage: Warum ist der Beruf für junge Menschen interessant?

Er erfordert eine Menge, aber man bekommt auch viel zurück und es wird nie langweilig. So viele interessante Menschen, so viele Biographien kennenzulernen, ist bereichernd. Man muss aushalten, mit Abschieden leben können, aber viele kleine Dinge machen auch Freude. Man begleitet Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Das ist schön. 

Die anderen Teile der verlagsweiten Serie finden Sie online unter https://www.lokalkompass.de/tag/pflege-2019. Patient Pflege?

Autor:

Christoph Schulte aus Hemer

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