Silvester - das Verharren in der Angst

Oder: Alle Jahre wieder

Manch ein Hundehalter ist alle Jahre wieder von der Silvesterangst bei seinem Hund betroffen. Da ist guter Rat teuer, denn die Meinungen und wohlwollenden Ratschläge sind vielfältig.

Sehr oft werden von tierärztlicher Seite Medikamente verordnet, die die körperliche Reaktion des Hundes auf die Raketen- und Böllergeräusche lähmen. Die Wahrnehmung der angstauslösenden Reize wird durch solche Medikation jedoch sensibilisiert, also verstärkt wahrgenommen. Ähnlich wie Medusa (eine Gorgone aus der griechischen Mythologie) ihre Widersacher durch Blickkontakt versteinert hat, muss man sich die Wirkung jener Medikamente wohl vorstellen. Die Angst ist da, der Hund bekommt alles in vollem Umfang mit, aber es gibt kein Entrinnen. Bei erhaltenem Bewusstsein kann sich der ängstliche Hund wegen der fehlenden Spontanmotorik und der herabgesetzten bedingten Reflexe (Fluchtreflex) nicht aus der Gefahrenzone bringen. Das von Natur aus überlebenswichtigen Fluchtverhalten kommt zum Erliegen. Er ist also wie versteinert. Dabei bewältigt der Hund Stress u.a. durch Bewegung. Fehlt die Fähigkeit hierzu, kann die angestaute Energie nicht entweichen, kehrt sich nach innen und potenziert sich, was das Problem verschlimmert.

Eingesetzt werden in diesem Zusammenhang Präparate wie z.B.,
- Acepromazin (Phenothiazin-Tranquilizer/Neuroleptikum)
- Alprazolam (Benzodiazepin-Tranquilizer/Ataraktikum)
- Selegilin/Clomipramin (Antidepressiva)

die wir als schläfrig machend (Sedativa) und/oder aufheiternd (Antidepressiva) kennen. Ersteres wird auch zur Einleitung einer Narkose oder der Euthanasie verabreicht. Die Gabe darf nur nach strenger Indikation erfolgen, sind doch die Nebenwirkungen beträchtlich bei Verabreichung. Zudem kann man diese Art der Wirkstoffe nicht einfach „absetzen“, sie müssen ausgeschlichen werden, da es ansonten zu „Entzugserscheinungen“ kommt. Diese Symptome sind möglicherweise schlimmer, als die Ausgangsprobleme.

Ein hoher Erregungszustand sowie Aggressivität des Hundes stellen unter anderem Kontraindikationen dar, weshalb die Gabe schon einige Tage vor der zu erwartenden Geräuschkulisse erfolgen soll. Die Wirksamkeit lässt zu wünschen übrig, die Geräuschangst des Hundes verstärkt sich progressiv und bereitet den entnervten Haltern täglich mehr Probleme.

Bei den entschärften Formen wie:
Bachblüten: Rescue Tropfen,
Canised® (pflanzliche Basis aus Melisse, Johanniskraut, Passionsblume, Lavendel, Hopfen, Baldrian, Vitamine B1, B2, B6),
D.A.P.®/Adaptil® (Pheromone),
Homöopathika: Avena/Phosphor etc.
Relaxan® (L-Tryptophan, Mineralien, Aminosäuren)
Royal Canin: Calm® Trockenfutter (Casein, L-Tryptophan)
Zylkene® (Casein)
konnte die Wirksamkeit nicht zu 100% nachgewiesen werden.

Ist es denn überhaupt notwendig, auf diese Präparate zu bauen? Tierärzte sind sich einig: Eine Verhaltenstherapie ist angeraten, damit es nicht mehr heißt: alle Jahre wieder.
Nur was soll der Tierarzt machen, wenn ihn der Hundehalter gezielt nach Tabletten fragt? In diesem Zusammenhang gibt es unterschiedliche Typen der Problementstehung:

Typ1: Hundehalter gehen gerne feiern und wollen den Hund einfach schlafend zu Hause wissen. Diese Situation lässt außer Acht, ob es dem Hund wirklich gut geht. Zufriedengestellt wird im nächsten Jahr auf Altbewährtes zurückgegriffen. Folgeerscheinungen, die sich künftig beim Vierbeiner einstellen, werden nicht in diesen Zusammenhang gebracht.
Zeigen wird sich die Verschlimmerung beim Hund durch vermehrte Schreckhaftigkeit, nicht mehr gerne raus gehen, viel hecheln oder sogar durch Aggressionsverhalten, sich nicht mehr anfassen lassen, beim Tierarzt bellen oder nach diesem schnappen. Losgelöst von der eigentlichen Ausgangssituation können diese Auffälligkeiten ganzjährig auftreten.

Typ2: Das sind Hundehalter, die wissen, daß es ohne Therapie nicht geht und ihren Veterinär hierzu befragen. Manch überforderter Tierarzt greift nun schnell in den Medikamentenschrank, weil er nicht weiß, was er zudem empfehlen kann. Seinen Kunden mag er ohne Hife aber nicht wegschicken. Fatal, denn der Hundehalter wird mit dem Endergebnis alles andere als glücklich sein und nie wieder diesen Tierarzt aufsuchen, geschweige denn ihn empfehlen.

Typ3: Sind also Tierärzte, die sich noch keinen Verhaltensexperten zu Rate ziehen konnten. Dabei ist bekannt, das die Zusammenarbeit zwischen Tierärzten und Problemhundetherapeuten elementar wichtig ist, weil Verhalten und körperliche Verfassung in Abhängigkeit zueinander stehen. In der gängigen Tierarztpraxis bleibt für die Suche nach einem guten Verhaltenstherapeuten meist keine Zeit. Denn Problemverhalten tritt beim Hund, von Silvester einmal abgesehen, ganzjährig immer häufiger auf. Der Zeitaufwand nimmt dafür im Praxisalltag bei jedem einzelnen Hund unverhältnismäßig stark zu. Daher sollte schon heute für morgen gedacht werden und eine Zusammenarbeit zw. Veterinär und einem Problemhundetherapeuten von beiden Seiten ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Ein persönliches Gespräch in der Praxis ist sinnvoll, damit eine spätere Empfehlung aus vollster Überzeugung kommt und dem Patienten nachhaltig geholfen werden kann.

Typ4: Sind Hundehalter, die schon einiges an negativen Erfahrungen durchgemacht haben und den Verhaltensexperten wenig bis gar kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Dem Hund wurde nicht geholfen, ganz im Gegenteil! Korrektur, Hilfsmittel und u.U. sogar körperliche Gewalt und Maßregelung kamen zur Anwendung.
Kooperieren Tierarzt und Problemhundetherapeut miteinander, kann der Patient das Angebot einer verhaltensmedizinischen Begutachtung in der tierärztlichen Praxis unverbindlich wahrnehmen und den Verhaltensexperten auf diesem Wege kennenlernen. Jede weitere Entscheidung liegt dann beim Halter.

Auch zu Silvester ist das Angebot einer verhaltensmedizinischen Begutachtung empfehlenswert, damit eine notwendige Therapie im Anschluß beim Halter vor Ort anlaufen kann und damit dem Hund die Medikamente an Silvester zukünftig erspart bleiben.

Leider ist aus der Vergangenheit die Lehre zu ziehen, dass selbst etablierte Verhaltensexperten neue Erkenntnisse nicht akzeptieren und überholte Sichtweisen zu lange aufrechterhalten, weitergeben und sogar praktizieren. Einige der folgenden Tipps werden immer noch gerne publiziert, bringen aber nachweislich nichts:

-Falsch ist: Der Hund braucht eine Rückzugsmöglichkeit.
-Fakt ist: Dadurch fühlt sich der Hund in seiner Angst bestätigt, die sich daraufhin verstärkt. Es ist niemand da, der ihm Sicherheit vermittelt, er ist nach wie vor allein
-Falsch ist: Die Geräuschkulisse ist gering zu halten durch schließen der Fenster
-Fakt ist: Dabei geht es gar nicht um die Lautstärke. Nur durch gezielte Konfrontation mit den angstauslösenden Geräuschen (egal ob laut oder leise) kann der Halter dem Hund die Angst nehmen. Die Anleitung eines erfahrenen Experten ist hierbei unbedingt notwendig.
-Falsch ist: Strahlen Sie Freude aus, lassen Sie den Hund nicht Ihre Besorgnis spüren
Fakt ist: Da der Hund den Menschen körpersprachlich liest, ist die Erregung nicht zu überspielen oder zu verstecken. Zudem hat sich die Angst häufig schon verselbstständigt und hängt lange nicht mehr vom Verhalten des Halters ab.
-Falsch ist: Da es zu einer Stimmungsübertragung kommen kann, wird angeraten, dem Angsthund einen souveränen Hund an die Seite zu stellen, damit dieser ihm zeigen kann, dass Angst unbegründet ist
-Fakt ist: Da nur Sie im Alltag Führungsperson und Futtergeber sind, sind Sie für Ihren Hund wichtig und können ihm die Angst nehmen. Die Hunde stehen untereinander in keinerlei Abhängigkeit, somit kann der Angsthund keinen eigenen Vorteil daraus ziehen.
-Falsch ist: Lenken Sie den Hund ab durch Spiele, Futter etc.
-Fakt ist: Der Hund wird aus dem Ablenkungsmanöver für die Zukunft nichts lernen, die Angst bleibt. Durchs Ablenken gewinnt der Hund keine neuen Erkenntnisse. Ergebnis soll es sein, dauerhaft die Angst zu eliminieren und nicht nur kurzfristige Abschweifung zu erzielen. Futter kann er bei hohem Stress nicht mehr nehmen, der Futtertrieb ist in diesem Augenblick untergeordnet.
-Falsch ist: D.A.P./Adaptil® besser bekannt als Beruhigungsspray oder als Halsband soll dem Hund ein wohliges Gefühl vermittteln und Stress nehmen.
Fakt ist: Diese auf Pheromonbasis wirkenden Stoffe, können nicht helfen, da sie zu spät zum Einsatz gekommen sind. Um dem Hund ein wohliges Gefühl suggerieren zu können, müßte er dies genau zu Silvester verknüpft, also gelernt haben. Die von der Mutterhündin ausgesendeten Pheromone dienen dem Welpen lediglich dazu, schneller die Wärme- und Futterquelle finden zu können, aber vermitteln nicht das Gefühl von Geborgenheit.
-Falsch ist: Verzichten Sie bei Angsthunden auf Schreckreize (Wurfkette, Wurfdisc, Klapperbüchsen, Sprayhalsband) im alltäglichen Training. Sie sind dafür nicht geeignet.
Fakt ist: KEIN Hund eignet sich für das Training über Schreckreizen. KEIN Hund braucht Korrektur. Jede Korrektur deutet auf Unzulänglichkeit des Menschen dem Hund gegenüber hin.

Eine langfristige Verhaltensumlenkung schließt jegliche Form von Korrektur und Hilfsmitteln aus. Ein guter Problemhundetherapeut, der das beherrscht hat eine praxisbezogene Ausbildung genossen und diese auch mit Zertifizierung abgeschlossen. Daran ist zu erkennen, daß er die Abschlußprüfung bestanden hat. Er fängt beim Halter vor Ort an und bezieht diesen aktiv in die Arbeit am Hund mit ein.

Es bleibt demzufolge zu entscheiden: Lassen Sie sich für Ihren Hund Psychopharmaka/Ergänzungsmittel mitgeben oder halten Sie an bisher gebräuchlichen Methoden und Hilfsmitteln in der Verhaltenstherapie fest, weil diese in Veröffentlichungen eine feste Stellung eingenommen haben oder sind Sie bereit umzudenken und geben neuen Wegen eine Chance zu Gunsten des Hundes?

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und Ihrem Hund einen guten und sicheren Jahreswechsel.
Ihre Autorengemeinschaft
Cornelia Benford,
Problemhundetherapeuten nach S.D.T.S.®, Dozentin

Franziska Gruhser
Tierärztin (Bietigheim-Bissingen)

Brigitte Kann (Österreich)
Problemhundetherapeutin nach S.D.T.S.®

Autor:

Cornelia Benford aus Kalkar

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