Borniert, besserwisserisch, blond

Großes Theater vor großer Kulisse.
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„Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng an Dir“, sang schon damals Herbert Grönemeyer und kultivierte damit die rudimentären Werte des Ruhrgebietes.

„Einen Pulsschlag aus Stahl“ bot nun das Theaterensemble aus dem Freudenhaus Essen, die mit ihrer Darbietung am Kloster Kamp ihr Publikum mehr als nur amüsierte. Man stelle sich vor: Eine kleine Bühne, ausstaffiert mit einem Minimum an Requisiten: Drei Stühle, ein Garten und eine ganze Menge Müll – dazu vier bezaubernde wie talentierte Schauspielerinnen, die neben dem komödianten Mimikspiel die große Kunst der Situationskomik beherrschten.

Der Plot: Sabine (Stefanie Otten), Karin (Kerstin Kramer) und Nurhan (Sermin Kayik), Lehrerinnen mit akademischem Hintergrund, wohnen als Gemeinschaft in einem Ruhrpott-Haus. Die Vermieterin: Sabine allerdings, und hier liegt der Konfliktausgang, ist nur teilhabende Vermieterin. 50 Prozent des Hauses gehören Ines (Iris Kraft): ihrerseits ungeliebte Schwester, arroganter Ruhrpott-Flüchtling, Neu-Bayerin mit Größenwahn: kurz: Arroganz zum Quadrat. Oder wie es so schön formuliert wurde: die Verkörperung der drei Bs: borniert, besserwisserisch, blond.
Die Vermutung, Ines könne sich wieder daheim im „Drecksruhrpott-Haus“ einnisten, liegt nahe, was Sabine auf die Idee bringt, die „Vorzüge“ der „Weißwurstwüste“ zum Besten zu geben, denn ein weiterer Hausbewohner würde erheblich Badnutzungsrechte und andere Abläufe stören – sprich: vier sind einer zuviel. Umsetzung folgt: Nurhan wird zur Quoten-Türkin mit drei Brüdern, die „beim Islam“ sind, und einer Schwester, die mit vier Jahren in der Türkei zwangsverheiratet wurde, Karin wird zur Nageldesignerin, mit unmissverständlichem Hang zur Dämlichkeit, währen sich Sabine zur Freizeit-Pottlerin gemausert hat, deren Motto außerhalb der Schule lautet: Grammatik ist wie blaues Schlumpfeis, „sowat nimmt man nich in den Mund“.

Doch mit der Parodie der typische Ruhrpottklischees ist es nicht getan. Begriffe wie „Elendstourismus“ oder „Entwicklungshilfe im grauen Pott“ sind nicht das, was uns das Theaterstück alleinig transportiert. Vielmehr ist es nur eine Weise, die mit den rhetorischen Mitteln den Stigmata des Kohlepott huldigt. Doch dann tritt Wirklichkeit ins Spiel, obgleich sich die Tatsache, dass sich die wohlkonstituierte Aufschneider-Bayerin mit ihrem geldschweren Schorschi, dem sie vor sechseinhalb Jahren ins blau-weiße Glück folgte, als „gehörnte Kuh“ erweist, als ein eher schwacher Griff in das Kabinett der Möglichkeiten erweist, eine sinnvolle wie amüsante Peripetie zu gestalten.

Nichtsdestotrotz schaffen es die „Heimatschwindler“, ihre Moral zu transportieren. Das private Scheitern der Schwester konterkariert die Lügen der Verbündeten. Wahrheit enttarnt Wahrheit. Scheitern zwingt zum Scheitern. Die Entblößung der eigenen Wirklichkeit kehrt Moral und Liebenswürdigkeit, Empathie und Mitmenschlichkeit aus dem kohlestaubbedeckten Kellerloch heraus und gibt dem Ganzen einen Sinn. Dass das Gönnen von Glück allerdings so schwer ist, und dass das Scheitern den Menschen erst liebenswert macht fällt schwer zu verstehen, auch wenn die Arroganz der vormalig Glücklichen mitunter zwischenmenschliche Anstrengung verlangte.

Dennoch: Ein absolut sehenswertes, zum Lachen bringendes, kurzweiliges Theaterstück, das in einem sehr beschaulichen, privaten und absolut idyllischen Rahmen dargeboten wurde. Fazit: Absolut nachahmenswert.
Übrigens: An den kommenden Wochenenden (1., 2, 8. und 9. August) finden weitere spannende Inszenierungen im Rahmen des Theaterfestivals

statt.

Autor:

Regina Katharina Schmitz aus Dinslaken

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