Stolpersteine für Bernhard und Rosalie Samson Verlegung am Donnerstag um 16:30 Uhr

Ab Donnerstag erinnern die beiden Stolpersteine in Lünen an die Leiden der Eheleute Samson durch die NS-Herrschaft. Die quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenen Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 mm und einer Höhe von 100 mm getragen.
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  • Ab Donnerstag erinnern die beiden Stolpersteine in Lünen an die Leiden der Eheleute Samson durch die NS-Herrschaft. Die quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenen Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 mm und einer Höhe von 100 mm getragen.
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Lünen. 79 Jahre nach der Pogromnacht in Deutschland und somit auch in Lünen, werden am Donnerstag, den 9. November, um 16:30 Uhr im Bürgersteig vor der Cappenberger Straße 7 zwei Stolpersteine für die Eheleute Bernhard und Rosalie Samson verlegt. Zu dieser Aktion sind alle Bürgerinnen und Bürger durch den „Arbeitskreis Lüner Stolpersteine“ herzlich eingeladen. Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns und NRW-Minister a.D. Wolfram Kuschke halten kurze Ansprachen, bevor es dann gemeinsam zur städtischen Gedenkfeier zum Mahnmal an der Lippe ab 17 Uhr und zur anschließenden Kranzniederlegung am Standort der ehemaligen Synagoge geht.
Bereits seit 2009 erinnerte an der Cappenberger Straße 7 ein Stolperstein an den Tod von Bernhard Samson nach außerordentlichen Misshandlungen der Nationalsozialisten in der Pogromnacht 1938. Da dieser Stein durch Straßenbauarbeiten verloren ging, kamen der Arbeitskreis Lüner Stolpersteine und der Künstler Gunter Demnig überein, dass für seine Ehefrau Rosalie Samson ebenfalls ein Stolperstein gelegt wird. Den Stein für Bernhard Samson finanziert die Stadt und den für Rosalie Samson Wolfram Kuschke. Helga Baak, die bereits 2009 einen Stolperstein finanzierte, übernimmt die Patenschaft für beide Steine.
Hinter den wenigen Daten, die auf den Stolpersteinen stehen, verbirgt sich immer ein besonders trauriges Schicksal.
Bernhard Samson, am 27. August 1887 in Herbern geboren, war lange Zeit ein Kaufmann, bei dem die Lüner gerne einkaufen gingen. In der Lippestadt betrieb er zusammen mit seiner als Rosalie Marx am 26. Januar 1885 in Herne geborenen Ehefrau, ein Haushalts- und Eisenwarengeschäft sowie einen Handel mit Ölen, Fetten und technischen Artikeln. Alles war gut. Bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen und die Bevölkerung bereits 1933 zum Kaufboykott von jüdisch geführten Geschäften aufrief. Und die meisten – auch in Lünen- machten mit, wodurch die Geschäfte von Bernhard Samson immer schlechter gingen. Deshalb und weil der Judenhass in Deutschland schon viel zu stark war, entschied er sich mit seiner Frau Rosalie, genauso wie zwei Jahre vorher seine Verwandten, in die Dominikanische Republik auszuwandern. Sie planten die Auswanderung für Dezember 1938. Doch es kam anders. Einen Monat vorher stürmte die SA der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sein Wohn- und Geschäftshaus in der Cappenberger Straße 7. Nur mit einem Hemd bekleidet zerrten sie Bernhard Samson aus dem Bett, misshandelten ihn schwer und führten ihn durch die Lüner Straßen. Insbesondere wurde er durch Kolbenschläge mit dem Gewehr am Kopf und Rücken so schwer verletzt, dass er bewusstlos liegen blieb. Das Haushaltwarengeschäft wurde demoliert und geplündert, aus der Privatwohnung wurden Wertgegenstände gestohlen. Noch in der Nacht nahm die Polizei Samson in Schutzhaft. Rosalie Samson wurde in dieser Nacht beschimpft, angepöbelt und aus der Wohnung verwiesen. Im Nachthemd, ohne Schuhe und Strümpfe und nur mit einer Decke bekleidet, suchte sie ihren Mann. In ihre Wohnung kehrte sie nicht zurück, da sie befürchtete, von der SA erschlagen zu werden. Viele Jahre später berichtete eine Zeugin über ein gemeinsames Erlebnis mit Rosalie Samson im Lüner Gefängnis, „wie der Kaufmann Samson […] nur mit Hemd und Hose bekleidet, von Blut besudelt, stieren Blickes, vorbeigeführt wurde.“
Obwohl Bernhard Samson Ende November von einer Lüner Ärztin „wegen Folgen von Mißhandlungen und schweren allgemeinen Störungen behandelt“ worden war, erwies sich sein Gesundheitszustand als äußerst schlecht.
Im Januar 1939 wanderte er, von den schweren Misshandlungen stark gezeichnet, in die Dominikanische Republik aus. Einen Monat später als geplant. Aber in einer Situation, die er sich kurz vorher noch ganz anders vorgestellt hatte. Jetzt war er todkrank. Sein Besitz wurde nach und nach von den Nationalsozialisten übernommen, so dass seine Frau Rosalie völlig mittellos war.
Bei seiner Ankunft im heutigen Santo Domingo mit dem Dampfer „Claus Horn“ berichteten Mitarbeiter der Hansalinie Hamburg über Bernhard Samson: „Es war nur mit erheblichen Schwierigkeiten möglich, ihn von Bord zu bringen, da die hiesige Immigrationsbehörde sich vorerst weigerte, einen Mann landen zu lassen, welcher augenscheinlich sowohl seelisch wie auch körperlich in außerordentlich schlechter Verfassung war.“ Nach Aussage von Passagieren an Bord, die Ärzte waren, war Samson bereits in Hamburg beim Betreten des Schiffes in „nicht normalen Zustande gewesen“ und hätten sich auch starke Symptome von schweren Misshandlungen gezeigt, unter anderem ein Bruch der hinteren Schädeldecke.
Keine drei Wochen später wurde er in die Nervenheilanstalt Padre Billini eingewiesen. Er litt an geistigen Störungen, einem drückenden Wahnsinn in schwermütiger Form. Am 10. April 1939 starb Bernhard Samson im Alter von 56 Jahren in der Dominikanischen Republik an den Folgen der fünf Monate vorher stattgefundenen, brutalen Misshandlungen der Nationalsozialisten in der Pogromnacht am 9. November 1938.
Rosalie Samson musste den gesamten Besitz billig „verkaufen“. Sie folgte ihrem Mann am 25. Juni 1939 über Hamburg mittellos in die Dominikanische Republik nach. Umzugsgut wurde nie aus Deutschland ausgeführt. Die Überfahrt wurde ihr von Freunden aus Holland finanziert. Erst bei ihrer Ankunft erfuhr sie, dass ihr Ehemann bereits mehr als zwei Monate zuvor verstorben war.
Mitte Oktober 1951 kehrte Rosalie Samson mittellos aus Mittelamerika nach Deutschland zurück. Um die Reise finanzieren zu können, arbeitete sie als Küchenhilfe seit August auf einem Schiff, dass dann über die USA kommend in Rotterdam ankam. Sie zog zuerst in Hamm in den Haushalt ihres Schwagers Leopold Samson ein, der selbst vom 9. November 1938 bis zum 16. Dezember 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war. Ein Jahr später verzog sie wieder nach Lünen in die Wilhelmstraße 26. Es begann eine lange Leidenszeit mit Rechtsanwaltsschreiben und behördlichen Entscheidungen. Rosalie Samson führte eine Reihe von Prozessen zur Wiedererlangung ihres Besitzes bzw. Schadensersatzleistung für unrechtmäßig verloren gegangenes Eigentum. Dabei erweist sich ihr Fall der Wiedergutmachung des Unrechts an den Juden als ein trauriges Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Die letzten Protokolle und Bescheide der staatlichen Stellen sind durch eine trockene formaljuristische Sprache gekennzeichnet: „Die Antragstellerin gibt an, ihr Mann sei wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse verfolgt worden.“ Viele Jahre kämpfte Rosalie Samson um die Entschädigung ihres verloren gegangenen Eigentums, nur einen geringen Teil des Wertes erhielt sie zurück.
Im Februar 1966 wurde ihr rückwirkend ab 1960 eine monatliche Rente zugesprochen. Zu dieser Zeit lebte sie in Hannover-Kirchrode im Altenheim Haus Kapernaum an der Schwemannstraße 13. Vier Monate später, im Juni 1966, wurde die Rente rückwirkend ab 1965 erhöht, und ab Oktober 1966 lag ihre monatliche Rente bei 68 DM. Rosalie Samson starb in Hannover am 8. Dezember 1966 im Alter von 71 Jahren. Hinter ihr lagen mehr als 30 Jahre erlebte Demütigung, Entrechtung und persönlicher Opfer.

Zusatzinformationen:
Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Im Juli 2017 gab es rund 61.000 Steine; nicht nur in Deutschland, sondern auch in 21 weiteren europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Quelle: Wikipedia

Der Arbeitskreis Lüner Stolpersteine setzt sich aktuell aus ehrenamtlich arbeitenden Lüner Bürgerinnen und Bürgern zusammen, die sich bereits in der Vergangenheit für das Verlegen der Gedenksteine in ihrer Heimatstadt eingesetzt haben.

Autor:

Udo Kath aus Lünen

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