Tränen laufen im Lehrerzimmer

„Eltern fragen uns Lehrer nicht zuletzt, ob sie ihr Kind mit gutem Gewissen zur Schule schicken können, was sollen wir diesen Eltern antworten?“, fragt die Lehrerin.
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Kritik am Dienstherrn in der Öffentlichkeit ist für sie eine heikle Sache – doch diese Lehrerinnen und Lehrer sind mit ihrer Geduld am Ende. Die Politik lasse sie in der Corona-Krise in vielen Fällen allein und verstehe das, was die Schulen leisten, vielleicht oft als Selbstverständlichkeit. Im Lehrerzimmer aber laufen dem Bericht nach mittlerweile auch Tränen.

Was Lehrerinnen und Lehrer einer Schule im nördlichen Kreis Unna stört, wollen sie anonym berichten im Gespräch mit unserer Redaktion. „Im März hatten wir noch viel Verständnis, wenn etwas nicht so rund lief, denn mit einer Pandemie leben zu müssen, war für alle eine neue Situation“ berichtet eine Lehrerin. Die Frau sagt, sie spreche dabei auch für viele ihrer Kollegen. Im November ist noch immer Pandemie, viel positives habe das nordrhein-westfälische Schulministerium in den vergangenen Monaten aber nicht für die Schulen auf den Weg gebracht - und deshalb kippe die Stimmung unter den Lehrkräften. „Die Politik stellt es für die Öffentlichkeit immer so dar, als würden die Schulen mit der Pandemie toll zurechtkommen, aber das ist so nicht der Fall“, berichtet die Lehrerin. „Was Jahre von der Politik an den Schulen versäumt wurde, fällt uns nun auf die Füße, das ist ein Riesen-Problem. In Sachen Digitalisierung sind wir noch im Mittelalter, sollen nun alles in einem Ruck schaffen und müssen dafür doch wieder Anträge ausfüllen, das wirkt auf uns wie ein schlechter Scherz.“ Dienst-Laptops für alle Lehrer versprach die Bundespolitik, geliefert werden sollten die bis zum Jahresende, doch noch sind keine Computer in Sicht. „Kein Problem für uns, denn wir nutzen ja sowieso schon teilweise seit Jahren unsere privaten Laptops und Smartphones, um Musik und Filme abzuspielen oder als Erreichbarkeit für die Eltern“, kommentiert die Lehrerin das mit einem ironischen Unterton.

Geld für Briefmarken und Flatterband

Unterstützung vermisse man auch in anderen Bereichen. „Absperrmaterial haben wir zwar bekommen, aber in so geringer Menge, dass es einfach nicht ausgereicht hat, um alle Vorgaben damit umzusetzen und am Ende haben wir das fehlende Flatterband und Markierungsspray wieder aus unserer Tasche bezahlt“, berichtet die Lehrerin. „Das Geld könnten wir uns zwar zurückholen, aber dafür müssten wir umständlich den Kassenzettel einreichen, auch das ist wieder so ein bürokratischer Aufwand.“ Ein Not-Paket für jede Schule könne eine Lösung sein, mit Geld für solche besonderen Anschaffungen in der Corona-Zeit. Briefmarken zum Beispiel, um Kindern in Quarantäne das Lehrmaterial zu schicken, denn bisher liefern die Lehrer das oft selbst bis zur Haustür. Neben Geld fehle es zudem vor allem am Personal, auch das sei nicht erst seit Corona ein Problem, sondern zum Teil seit Jahrzehnten. „Die Leute, die uns zur Unterstützung geschickt werden, sind keine ausgebildeten Lehrer, sondern haben oft einfach nur mal in irgendeiner Form etwas zum Fach gemacht, sie dann anzuleiten ist manchmal mehr Aufwand als Hilfe.“

"Kinder leiden sehr unter der Situation"

Die Schere bei der Arbeit mit Kindern aus sozial schwachen Familien, solchen mit Migrationshintergrund und aus Familien, bei denen zu Hause keine Unterstützung möglich ist, werde auch deshalb weiter auseinander gehen, „uns Lehrer belastet dieses Thema und auch die Kinder leiden sehr unter der Situation.“ Hausaufgaben werden nicht erledigt, andere Kinder kommen gar nicht mehr regelmäßig zur Schule und natürlich mache man sich dann Sorgen. „Schulen müssen Situationen sammeln, drei Mal erst Eltern anschreiben, dann vor dem nächsten Schritt wieder drei Vorfälle abwarten…was ist, wenn einem Kind etwas passiert, während ich noch Situationen sammeln muss und Briefe schreibe?“ Die Lehrer wünschen sich auch hier kürzere und unbürokratischere Wege zum Wohle der Kinder.

Bastel-Masken für den Müll

„Eltern fragen uns Lehrer nicht zuletzt, ob sie ihr Kind mit gutem Gewissen zur Schule schicken können, was sollen wir diesen Eltern antworten?“, fragt die Lehrerin. Die Klassenräume seien zu klein, zu mit der vollen Klassenstärke den Abstand einzuhalten – aber man habe keine Wahl, sei dieser Situation ausgeliefert, wie auch die Eltern. „Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht gut genug geschützt fühle und auch die Kinder kann ich nicht ausreichend schützen, ebenso empfinden viele Kolleginnen und Kollegen. Im Lehrerzimmer laufen dann auch schonmal die Tränen, wenn es in einer Klasse wieder einen positiven Corona-Fall gibt, so groß ist die Sorge um Angehörige mit Vorerkrankungen zu Hause.“ Unterstützung vermisse man auch hier, seit März habe man pro Lehrkraft nur zwei Masken gestellt bekommen, für die Kinder gab es mal „einen Müllsack voller viel zu großer Masken zum Selberbasteln.“ Keine Hilfe sei das gewesen, sondern eben das, wonach es ausgesehen habe: „Müll.“

Thema "Corona" im Lokalkompass:

> Kommentar: Idee ohne Sicherheit

Autor:

Daniel Magalski aus Lünen

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