Stift Tilbeck ist die Hogwarts-Filiale

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Im Wasserturm, der Landmarke des Stifts, stehen in Regalen tausende Bücher. (Foto: Magalski)
 
Julia Kunz und Reinhard Nieweler am Startpunkt des Barfuß-Ganges. (Foto: Magalski)
Hogwarts, die Zauberschule von Harry Potter, hat eine Filiale im Münsterland. Ein Ort mit alten Gemäuern, umgeben von Feldern, Bäumen und viel Weite am Rande der Baumberge. Ein Ausflugstipp, nicht nur für ein besonderes Erlebnis ohne Schuhe.

Barfußläufer sind Leisetreter und doch hört man von meinem Schritt, in einem Selbstversuch eine Woche ohne Schuhe meinen Alltag zu bestreiten, bis ins Münsterland. "Herr Magalski, besuchen Sie doch mal unseren Barfuß-Gang", ist Julia Kunze, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Stift Tilbeck, vor einigen Wochen Anfang September am Telefon. Im Internet hat sie meine Barfuß-Serie verfolgt und in der erwähne ich im ersten Artikel auch den Barfuß-Gang am Stift Tilbeck. Der Einladung folgen Taten und an einem Mittwochmorgen mache ich mich auf den knapp fünfzig Kilometer weiten Weg nach Havixbeck. In Lünen scheint die Sonne, hier im Münsterland hängen regenschwere Wolken am Himmel. Zeit für einen Kaffee in der kleinen Rösterei, bevor wir uns ohne Schuhe auf den Weg machen und Zeit für ein paar Erläuterungen. Fachkrankenhaus war Stift Tilbeck in früheren Zeiten. Die Bewohner nannte man damals noch Patienten. Heute ist Stift Tilbeck zu Hause für rund zweihundert Menschen mit Behinderungen verschiedener Schweregerade, sie arbeiten hier, sie leben hier, lange schon nicht mehr abgeschottet von den "anderen" Menschen. "Der Barfuß-Gang war Teil des Konzepts, die Einrichtung mehr für die Öffentlichkeit zu öffnen, sozusagen umgekehrte Inklusion", erzählt Reinhard Nieweler.

Summstein und der Bauwagen von Löwenzahn

Nieweler ist Ehrenamtskoordinator im Stift Tilbeck. Ehrenamtliche waren es auch, die den Gedanken vom Barfuß-Gang vor siebzehn Jahren in die Tat umsetzten und das Ergebnis lockt jedes Jahr tausende Besucher. Zwischen Feldern, über einen Bach und durch einen kleinen Wald schlängelt sich die über zwei Kilometer lange Strecke um das Gelände und bringt dem Spaziergänger nicht nur ständig neue Perspektiven von Stift Tilbeck, sondern vor allem spannende Erfahrungen unter den Fußsohlen. Vieles kenne ich aus meiner eigenen Barfuß-Woche, etwa das Gefühl von Baumrinde oder matschigem Waldboden. Autoreifen, Glas und ein Bachlauf sind aber auch für mich neue Erfahrungen. Der Weg und die Umgebung bieten noch mehr: Weidentunnel lassen sich da entdecken, der geheimnisvolle Summstein, ein Bienenvolk, uralte Bäume, ein Marterpfahl wie bei den Indianern, Zerr-Spiegel, Wasserbecken und sogar der blaue Bauwagen von Löwenzahn. Im Sommer zur Erntezeit schenkt die Kirschbaum-Allee den Besuchern einen kostenlosen Snack und im trutzigen Wasserturm drängen sich dicht an dicht in den Regalen die Bücherspenden. Zum Preis von einem Euro wechseln sie den Besitzer.

Kinder flitzen auf Socken durch die Flure

Für Einsteiger und Familien mit Kindern ist der Barfuß-Gang ein ideales Ziel. Barfuß ist hier erwünscht, ganz ohne seltsame Blicke. Kinder tollen vorbei, sie sind Schüler der Münsterlandschule, einer inklusiven Gesamtschule auf dem Gelände. Hausschuhe, so erfahre ich, tragen sie im Gebäude nicht - sie flitzen auf Socken durch die Flure. Wie passend zu meiner Versuchswoche! Julia Kunze bringt irgendwann im Gespräch mit Blick auf Turm, Kapelle im neugotischen Stil, diesem Hauch von "very british" im flachen Münsterland und all den wundersamen Ecken selbst den Hogwarts-Vergleich und auch ich bemerke nach zwei Stunden auf dem riesigen Gelände einen besonderen Zauber. Stift Tilbeck ist eine bunte Welt voller Leben, das liegt sicher nicht nur an vielen Ideen, sondern wohl vor allem an ihren besonderen Bewohnern.

Thema "Barfuß" im Lokalkompass:
Mittwoch starte ich die Barfuß-Woche
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