Junge Patienten der Marler Haardklinik genießen Vielfalt der Therapie mit Tieren

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Die Marler Haardklinik bietet gemeinsam mit dem Marler Wohnverbund seit 2007 eine Tiergestützte Therapie an. Das therapeutische Setting mit einem zwei Hektar großen Gehege direkt im weitläufigen Waldgebiet der Haard in Marl Sinsen, sowie die Anzahl und Vielfalt der Tiere sind in Deutschland einzigartig.

30 Vierbeiner, darunter Esel, Ziegen, Schafe, Meerschweinchen und Damwild, unterstützen hier als "tierische Kollegen" die Fachtherapeutinnen Dorothea Dapper, Petra Wiethoff und Elke Bein aus dem Wohnverbund. 40 bis 50 Kinder und Jugendliche nehmen pro Woche an dieser Form der Therapie teil. Regelmäßige Elternhospitationen gehören dazu.

Erfolge sprechen für sich. Der gute Ruf der Tiergestützten Therapie in Marl reicht bereits über die Landesgrenzen hinaus. "Wir haben sogar schon Hospitanten aus Österreich. Und im nächsten Jahr werden wir hier in Kooperation mit dem niedersächsischen Institut für soziales Lernen eine entsprechende Weiterbildung anbieten", freuen sich die Marler Mitarbeiterinnen. "Aber unsere größte Freude sind die Therapieerfolge bei den Kids und Jugendlichen. Wenn wir nach einigen Besuchen gefragt werden 'Kann ich nicht jeden Tag kommen?‘, dann wissen wir, dass wir hier einen guten Job machen."

"Tiergestützte Therapie, Tiergestützte Pädagogik, Tiergestützte Fördermaßnahmen"

Der Kontakt zu den Tieren, das Füttern und Pflegen, Streicheln und sich Kümmern hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei den Kindern und Jugendlichen. Es hilft ihnen, aus ihrer Opferrolle heraus zu kommen, in die sie etwa durch Mobbing oder Missbrauch geraten sind. "Zu erfahren, dass sie Gutes tun, etwas bewirken können - das ist gerade für diese Patienten sehr wichtig", erklärt Dapper. "Reframing" (Umdenken, Umdeuten) ist dafür der Fachbegriff: Zu lernen, dass nicht immer alles schief geht, auch wenn manches nicht gleich beim ersten Mal klappt.
Frühmorgens an einem ganz normalen Wochentag: Die Sonne ist aufgegangen, die Bäume der Haard werfen erste Schatten und vom Gelände der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marl ertönt lautes Eselgeschrei. Eselgeschrei? Jawohl: Friedemann, einer der insgesamt 30 tierischen "Therapeuten" hier, hat Hunger.

Im zwei Hektar großen Tiergehege herrscht bereits reger Betrieb. Immerhin wollen neben Friedemann noch 29 weitere hungrige Mäuler gestopft werden. Als da wären Heidschnucken, Ziegen, Meerschweinchen, Kaninchen und Damwild. "Von einem solchen therapeutischen Angebot können viele andere Kliniken nur träumen", schwärmt Petra Wiethoff, Fachtherapeutin für Tiergestützte Therapie an der Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).

Im und am Gehege ist täglich jede Menge zu tun. Und das lässt aus den Reihen der jungen Patienten viele überzeugte Aktivisten hierher kommen: "Eigentlich bin ja faul. Aber für die Tiere tue ich alles!" Solche Bekenntnisse der Kinder und Jugendlichen hören Petra Wiethoff und ihre Kollegin Dorothea Dapper, ebenfalls Therapeutin für Tiergestützte Therapie, häufiger. "Über den Umgang mit Tieren öffnen sich uns selbst hartnäckigste Fälle von seelischen Verwundungen", sagen die beiden Fachfrauen.

"Zu uns kommen junge Patienten mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen", berichtet Sozialarbeiterin Dapper, "manche sind traumatisiert, haben Suizidgedanken, zeigen aggressives Verhalten und wieder andere weisen eine ADHS auf", eine so genannte Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitätsstörung. Gemeinsam sei allen, dass sie Schwierigkeiten haben, in angemessenen Kontakt mit anderen Menschen zu treten. Hier erweisen sich Heidschnucke Hanni und ihre vierbeinigen Freunde als verlässliche Co-Therapeuten. Dapper: "Sie sind unsere Eisbrecher. Über die Tiere kommen wir an die Patienten heran und können mit ihnen arbeiten."

Der große Vorteil beim therapeutischen Einsatz von Tieren liege in "deren Unvoreingenommenheit und Authentizität", sind sich die Therapeutinnen einig. "Esel Friedemann ist es egal, ob sein Gegenüber dick oder dünn, klein oder groß ist." Gerade junge Patienten, die zum Beispiel Opfer von Mobbing-Attacken waren oder Kontakte meiden, weil sie durch ihre Magersucht erschreckend dünn sind oder sich ihrer selbst zugefügten Verletzungen schämen, genießen das und blühen häufig auf, berichten die Mitarbeiterinnen.

Dabei gebe es für fast jede Erkrankung das passende Tier: "Damwild setzen wir gerne bei ADHS-Patienten ein", so Wiethoff, "denn unsere Rehe sind sehr scheu, wie auch unsere Meerschweinchen. Da ist Ruhe und Geduld gefragt. Fähigkeiten, auf die sich viele Kinder und Jugendliche erst wieder besinnen müssen."
Ganz anders ist die Arbeit mit Eseln. Diese Vierbeiner sind sehr zutraulich, gehen auf Menschen zu, reagieren ganz stark auf Ansprache und wollen gestreichelt werden. Das sei sehr wichtig etwa für traumatisierte Patienten, so Wiethoff. Alleine durch den taktilen Kontakt, wie Fachleute das Streicheln nennen, stößt das Gehirn vermehrt Oxitozin aus. Dieses so genannte Kuschelhormon senkt den Blutdruck und den Pegel des Stresshormons Cortisol, wie Untersuchungen belegen. "Bei den Tieren kann ich mich endlich mal entspannen", bringt eine unter Selbsttötungsgedanken leidende junge Patientin ihre Gefühle auf den Punkt.

Auch an diesem Tag wird, wie vor jeder Therapiestunde, erst gemeinsam besprochen, was ansteht. Das wird heute ein Spaziergang mit den Eseln und das Ausmisten der Ställe sein. "Wichtig ist, den Patienten nicht zu überfordern und trotzdem das Therapieziel nicht aus den Augen zu verlieren", weiß Petra Wiethoff.

Ab Oktober 2013 startet auf dem Gelände der Haardklinik in Marl Sinsen in Kooperation mit dem Institut für soziales Lernen mit Tieren, einer renommierten Facheinrichtung nahe Hannover, die berufsbegleitende Weiterbildung "Tiergestützte Therapie, Tiergestützte Pädagogik, Tiergestützte Fördermaßnahmen" statt. Das Institut lehrt bereits seit 2008 nach den Standards der International Society for Animal Assisted Therapy. Dieses Angebot richtet sich an Beschäftigte aus den Bereichen Sozialarbeit, Pädagogik, Therapie und Pflege sowie eine begrenzte Anzahl Vertreter anderer Berufsgruppen. Themen der 16-monatigen Weiterbildung sind unter anderem die Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung, der Einsatz von Tieren im Heimalltag, in Begegnungshäusern und Kliniken sowie der Tiergestützten Therapie im Rahmen der Psycho- und Ergotherapie und Psychiatrie

Tierisch guter Co-Therapeut: Esel Friedemann.
Foto:LWL
Tierliebe als Kopfsache: Esel Friedemann und eine junge Patientin.
Foto:LWL/Dapper

Autor:

Siegfried Schönfeld aus Marl

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