Ohne Pillen gegen ADHS: LWL-Experte fordert hochwertigere Forschung

Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm.
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Nebenwirkungen vermeiden mit anderer Ernährung und psychologischen Therapien

Umstrittenes Zappelphilipp-Syndrom: Neben der anhaltenden Ausbreitung der Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) sehen Fachleute die steigenden Verschreibungszahlen bei Methylphenidat-Präparaten - Stichwort Ritalin - kritisch. Doch vielversprechende nicht-medikamentöse ADHS-Therapien bleiben bisher im Hintertreffen. Auch weil es zu wenig wissenschaftlich abgesicherte Wirkungsbelege gibt, so Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm. Der Experte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mahnt mehr aussagekräftige Studien über Ernährungsumstellungen oder psychologische Therapien an.

Herr Prof. Holtmann, worauf stützt sich Ihre Forderung?

Holtmann: Ein Expertenteam der europäischen ADHS-Leitliniengruppe, dem auch ich angehörte, hat unter Federführung der Universität Southhampton erstmals 54 einzelne Studien aus aller Herren Länder unter die Lupe genommen. Diese Studien mit insgesamt 3000 Patienten befassten sich mit der Wirksamkeit von sechs nicht-medikamentösen Behandlungsansätzen gegen ADHS - drei davon im Bereich Ernährungsumstellung, die anderen drei im Bereich psychologischer Behandlungsverfahren. Im Einzelnen ging es bei der Ernährung um die Vermeidung künstlicher Lebensmittelfarben, um die Aufnahme von mehr Omega 3-Fettsäuren sowie um eine spezielle Diät gegen Lebensmittel-Unverträglichkeiten von Betroffenen. Die drei psychologischen Behandlungsansätze in den von uns analysierten Untersuchungen waren das so genannte kognitive Training zum Beispiel des Arbeitsgedächtnisses der Patienten, die Verhaltenstherapie und das Neurofeedback.

Und das Ergebnis Ihrer kritischen Zusammenschau?

Holtmann: Es zeigte sich ein markanter Unterschied zwischen so genannten 'verblindeten‘ und 'nicht verblindeten‘ Studien: Je mehr Vorwissen die beurteilenden Forscher über die Therapie ihrer Probanden mitbrachten, also 'nicht verblindet‘ vorgingen, desto öfter sprachen sie den sechs nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten einen Effekt zu, bezogen auf die Hauptsymptome von ADHS, nämlich auf die Impulsivität, die schlechte Aufmerksamkeit und die motorische Unruhe der Patienten. Dagegen resümierten 'verblindete‘ Studien von Forschern ohne patientenbezogene Vorinformationen sehr viel zurückhaltender. Somit schwanken die wissenschaftlichen Wirkungseinschätzungen über die sechs nicht-medikamentösen Therapieansätze zwischen "alle sechs wirken" und "nur zwei wirken". Unter dem Strich erwies sich: Erstens ist die Datenlage dünn. Sie belegt weder, dass medikamentenlose Therapien wirken, noch dass sie nicht wirken. Zweitens müssen mehr anspruchsvolle, sprich: 'verblindete‘ Studien her, weil die 'nicht verblindeten‘, also die mit Vorwissen über die Testpersonen, das unvoreingenommene Forscherurteil trüben können. Und drittens: Wir dürfen nicht nur auf die Haupt-ADHS-Symptome schauen, sondern müssen zum Beispiel auch die Lebensqualität, das Familienklima und das Selbstwertgefühl der Betroffenen in den Blick nehmen, wenn wir die Wirksamkeit einer nicht-medikamentösen Behandlung bewerten wollen. Vor allem angesichts der Nebenwirkungen von Medikamenten, die immer mehr Eltern ablehnen.

Warum gibt es zu wenig hochwertige Studien in diesem Bereich?

Holtmann: Anders als bei Medikamentenstudien ist bei Studien über nicht-medikamentöse Therapien eine Unterstützung durch finanzkräftige Firmen selten.

Bei welchen alternativen ADHS-Therapieformen sehen Sie den größten Forschungsbedarf?

Holtmann: Eine vielversprechende Therapieoption ist das Neurofeedback. Unter den von uns analysierten 54 Studien gab es aber nur acht Studien zur Neurofeedback-Therapie. Die auch in diesem Bereich unzureichende Datenlage will die LWL-Universitätsklinik Hamm verbessern helfen. Mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft erarbeiten wir die weltweit bislang größte 'verblindete‘ und entsprechend anspruchsvolle Wirksamkeitsstudie mit 150 ADHS-kranken Kindern. Beim Neurofeedback machen Ärzte mittels Elektroden auf der Kopfoberfläche die Hirnaktivität sichtbar und bringen dem Patienten bei, wie er sie verändern kann, um seine Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zu steigern.

Hintergrund:
- Ärztliche Experten schätzen die Anzahl junger ADHS-Patienten in Deutschland auf etwa 500.000 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren. Jungen sind demnach häufiger betroffen als Mädchen. Krankenkassen-Erhebungen zufolge bekommen die weitaus meisten ADHS-erkrankten jungen Menschen eine medikamentöse Therapie - Tendenz steigend.
- Die LWL-Universitätsklinik Hamm ist eine von vier kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Sie behandelt jährlich rd. 3.600 junge Menschen mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern - darunter auch ADHS. Die Klinik hat rd. 190 voll- und teilstationäre Betten/Plätze.

Autor:

Siegfried Schönfeld aus Marl

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