mœrs festival: Isforts Konzept etabliert

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  • Foto: moers festival Kurt Rade
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 Die Besucher nehmen das Festival mehr und mehr an

Die 48. Ausgabe des mœrs festival entwickelt sich mit seinen 24 Künstler-Auftritten in der Festivalhalle, mit über 80 Darbietungen in der Innenstadt und weiteren Spielorten, den mœrs sessions und drei hochgradig besetzen Diskussionsrunden zu den Themen Jazz, Festivals, Ursprünge und Kultur zu einem Multi-Festival. Der künstlerische Leiter Tim Isfort schafft für jeden Interessierten ein individuelles, audio-visuelles Angebot, das die Moerser und die Gäste aus ganz Deutschland und der EU genießen.

Regelmäßig zählen die „Opener“ eines Festivaltages, oft noch junge, unbekannte Musiker, zu den großen Überraschungen. Dieses Jahr sind dies “chuffDRONE“, eine österreichische Combo mit den Akteuren Lisa Hofmaninger und Robert Schröck (Saxophone und Klarinetten), Jul Dillier (Piano), Judith Ferstl (Bass) sowie Judith Schwarz am Schlagzeug. Ihre Interpretationen von Jazz starten bei jedem Titel klassisch-konventionell und entwickeln sich via Einzel- und Kollektivinterpretationen zu ei-nem erfrischenden Zuhör-Erlebnis. Das Quintett begeistert mit jedem weiteren Song, mit jedem neuen Solo der beiden Saxophonisten. Nach einer Dreiviertelstunde tobt das Publikum, entlässt die Fünf nach Minuten langem, rhythmischen Klatschen nur ungern. Doch sogleich folgt ein Bretone mit einer Solo-Nummer. Erwan Keravec trägt seine Art des Dudelsackspielens vor, „Urban Pipes“. Seine Spielweise des eigenartigen schottischen Instruments geht weit über die traditionelle Art hinaus. Keravec nutzt bereits das Pressen der Luft in die einzelnen Bordunpfeifen als Klangelement und erzeugt über die Einfach- und Doppelrohrblätter der Pfeifen Laute, die an die Ober- und Unterton-Atemtechnik erinnert. Der Solist, inmitten des Publikums stehend, fasziniert die Zuhörer und auch hier gibt es lang anhaltenden Beifall.

      Indoor und Outdoor

Der diesjährige Improviser in Residence, Emilio Gordoa, stellt seine aktuelle Formation vor, das MOVE-Quintett. Gordoa ist der zweite Improviser in Folge, der ein eher ungewöhnliches Instrument spielt. Josephine Bode ist Multi-Flötistin, Gordoa Vibraphonist. Beides sind In-strumente, die Kinder erlernen, hier die Blockflöte, dort das Xylophon. Man kann diesen Fakt als Wink deuten, dass die jungen Menschen sehen, was aus erster musikalischer Frühförderung entstehen kann: die Liebe zu einem Instrument, mit dessen Spiel man sich selbst und anderen viel Freude bereiten kann. Gordoas Mitstreiter aus Finnland (Haari Sjöstrom, Saxophone), aus Deutschland (Achim Kaufmann, Piano), aus Dänemark (Adam Pultz Melby, Bass) und Norwegen (Dag Magnus, Schlagzeug) bereiten dem Mexikaner Gordoa über 50 Minuten lang eine Klanglandschaft, über die das Vibraphon sein volles Klangspektrum entfalten kann – extra Klasse!
Auch bei dem Quartett DBLW, einfach aus den Namen der Musiker zusammengesetzt (Dell, Brecht, Lillinger und Westergaard) manifestiert das Vibraphon seine Existenz als vollwertiges Jazz- und Improvisationsinstrument. Bei diesem Gig sind die Tonwerkzeuge (zusätzlich noch Schlagzeug, Bass und elektronische Sounds) in einem engen Rechteck aufgebaut, so dass sich die Vier zur musikalischen Kommunikation direkt gegenüber stehen. Das Ensemble bezeichnet seine Musik als „eine enge Verzahnung von Klangstrukturen und hyperrealen Klanglandschaften“. Die Zuhörer lauschen einerseits andächtig, andererseits eindeutig Fuß wippend. Beide Faktionen wiederum finden sich hervorragend unterhalten – Applaus!
Andrea Taeggi ist Italiener, ein Italiener mit einem enorm großen und schweren und teuren Equipment. Taeggi bespielt analoge Synthesizer und das sind, salopp gesagt, große Kisten, die nur von kräftigen Jungs bewegt werden können. Im aktuellen Digitalzeitalter käme die Technik in einem größeren Aktenkoffer unter. Aber analog ist das neue digital, siehe Schallplattenspieler versus CD/MP3. Andrea Taeggi steht in Front seiner Geräte, die ihm über den Kopf ragen und ihn auch zu beiden Seiten einrahmen, und entlockt diesen Ur-Ahnen der elektronischen Musik phantastische Soundteppiche – jederzeit könnte er mit seinem Programm „The Third Eye Squeegee“ im Berliner Club Berghain und auf jedem Techno-Festival auftreten und Bewunderung ein-heimsen – dito in Moers, die Festivalhalle „rockt“.
Rüdiger Eichholtz ist der Gründer der Kulturprojekte Niederrhein und im Festivalteam verantwortlich für die Aktionen im Schlosspark. Dieser Außenspielort erfreut sich großer Beliebtheit, es gibt dem Festival ein Momentum Flair des früheren Standortes im Park zurück. Auf einer kleinen überdachten Bühne finden die Musiker Platz, die Besucher werden an Pavillons mit Essen und Getränken versorgt. Jung und Alt lassen sich auf den Wiesen nieder und genießen die Musik, die Sonne und die Frischluft. Als musikalische Dauergäste kann man schon Steffen Roth, Bruno Angeloni und Jonas Gerigk bezeichnen, die Combo NeckarGanga erfreut mit indischen Klängen und das Horst Hansen Trio tritt als Quintett auf, dafür aber ohne Horst Hansen.

   Composer Kids und Stetsons Anarchie

Die mœrs sessions sind am Morgen eine beliebte Anlaufstelle in der Musikschule, hier sehen die Zuhörer live, wie die eingeladenen Musiker einen Titel entwickeln und eine Improvisation entsteht. Und hier arbeiten auch die Composer Kids, junge Moerser im Teenageralter proben mit erfahrenen Jazzern ihre eigenen, für das Festival komponierten Stücke ein. Einen großartigen Moment erleben die Besucher, als eine Schülerin, Laetitia, ihre Komposition auf der Festivalbühne vorträgt. Die Mischung aus musikalischen und textlichen Elementen sowie ihre Trompeteneinlage wirken bereits sehr professionell und zurecht gibt es zum Abschluss, es stehen alle Composer Kids auf der Bühne, frenetischen Beifall.
Sirom aus Slowenien verzauberten die Festivalhalle mit ihrem Natur-Sound, sie bespielen ausschließlich ursprüngliche Instrumente, die seit Jahrhunderten handwerklich gebaut werden. Ana Kravanja, Iztok Koren und Samo Kutin interpretieren und verschmelzen ihre Art von Folkmusik mit der Kultur und den Impressionen der Landschaften Sloweniens. Auf der Bühnen liegen und stehen nahezu 30 Instrumente, die alle Drei jeweils streichen, zupfen, schlagen und trommeln.
Der frühere künstlerische Leiter, Reiner Mischalke, bezeichnete ihn nach seinen Auftritten 2015 als „... den tollsten Musiker der Jetzt-Zeit“: Colin Stetson. Der Multi-Saxophonist aus Kanada wendet eine Zirkularatmungstechnik an und mit einem zusätzlichen Kehlkopfmikrophon entsteht ein mehrstimmiges, faszinierendes Soundgebilde. Stetson bläst die Jazz-Freunde buchstäblich aus der Aula des Gymnasiums Finder Benden, es ist das letzte „indoor“ Konzert 2019, nur noch im Schlosspark wird getrommelt!

      Strengt euch an!

Tim Isfort ist nun seit drei Jahren der künstlerische Leiter des Festivals. Er und sein Team schafften es, diese in Fachkreisen und Musikern hoch angesehene Musikveranstaltung den Moersern wieder nahe zu bringen, in dem er die für die Bürger „schräge“ Musik buchstäblich vor die Nase setzte: in die Fußgängerzone, in eine Buchhandlung, in die Stadtkirche und und und. Das muss nicht jeder Moerser gut finden, doch ein Fakt ist: Konfrontation ist/bedeutet Kommunikation. Es wird über die Auftritte, über die Musik, über die Nationen, aus denen die Musiker anreisen, gesprochen. Und wer spricht, denkt nach und das ist die Überleitung zu dem Festival-Spruch des Jahres 2019: Strengt euch an! Schaut auf euer Leben, schaut auf eure Umwelt (Menschen), schaut auf eure Umwelt (Verschmutzung). Isfort ist kein Phantast, er weiß, dass ein Festival allein Moers und die Welt nicht in einen guten Ort verwandeln kann. Aus einem Kern kann ein großer Baum mit herrlichen Früchten erwachsen. Aus einem kleinen New Jazz Festival wurde eine weltweit respektierte Veranstaltung für Improvisation. Aus der Idee einer Greta wurde ein weltweiter Aufruf junger Menschen, die, wenn sie alt sind, noch saubere Luft atmen möchten. Und die, Zoom auf Moers, am herrlichen Niederrhein leben wollen. Zu diesem Leben gehört alljährlich ein verrücktes Wochenende mit vielen Besuchern, aus Tokio, aus Brasilien, aus Frankreich, die Konzerte aufführen und zuhören und kommunizieren – man betrachte die Gesichter der Menschen während und nach einem Konzert, das mœrs festival bringt Freude, Emotionen, ein Lächeln. Seit 48 Jahren und hoffentlich noch 48 Jahre. Moers ist eine glückliche Stadt.

Klaus Denzer

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