Das Moers Festival vier Tage live und in Farbe für jeden zu sehen
mœrs festival: Phase IV – Das Raumschiff ist gelandet

Gunter Hampel & Dance Improvisation Company
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  • Gunter Hampel & Dance Improvisation Company
  • Foto: Kristina Zalesskaya / mœrs festival
  • hochgeladen von Klaus Denzer

Exakt um 23:47 Uhr landete das Raumschiff „mœrs festival“ wieder auf der Erde. Die 214 Musiker*innen aus 24 Nationen wurden von einer Combo des mœrs festival – Teams begrüßt, die ein komplettes Set spielten: Martin Hesse alias Miss Unimoers (Sprache), Jan Klare (Saxophon), Tim Isfort (Kontrabass), Thorsten Töpp (Gitarre) und die Improviser in Residence, Mariá Portugal (Schlagzeug). Die Übertragungscrew ließ minutenlang eine Fanfare vom Band ablaufen. Was vor Wochen noch als undenkbar galt, ein komplettes Vier-Tage-Festival zu veranstalten, schaffte Moers als Erste weltweit und manifestierte damit den Ruf, Avantgarde zu sein.

Die Zuschauerzahlen der Live-Streams schwankten zwar von Tag zu Tag, lagen aber insgesamt in nicht erwarteter Höhe. Auf den Internetseiten von ARTE-Concert, von Facebook und den Festivalseiten gab es mehrere zehntausend Zugriffe. Und da ein großer Teil der Leute davon den Stream nicht alleine verfolgten, sondern mit Partner*innen und Freunden, werden aus 50000 Webseitenbesucher schnell 100000 oder gar 150000 Zugucker.

Der Montag begann mit den Eigenkompositionen der Composer-Kids, die von Profis aufgeführt wurden. Die Zahl der Bewerbungen war hoch, um so Vielen wie möglich eine Präsentation ihrer Kompositionen zu ermöglichen, wurden vier- bis fünfminütige Werke ausgewählt. Zur Überraschung bevorzugten die Kids eher die leisen und langsamen Arrangements, die alle sehr durchdacht und ausgereift wirkten. Nach dem Duo Hein Tint (Piano) & Laia Genc (burmesischer Trommelkreis) betrat der Altmeister Gunter Hampel die Bühne. Der 83-Jährige brachte die Dance Improvisation Company mit, bei der auch seine Tochter und sein Sohn (Cavana-Lee und Ruomi-Lee) Mitglieder sind. Die Musik- und die Tanzimprovisationen ergänzten sich fantastisch.

„hilde“ ist eine Frauenband aus dem Ruhrgebiet und Köln. Die vier Protagonistinnen singen (Marie Daniels), beherrschen Posaune, Cello und Violine (Maria Trautmann, Emily Wittbrodt, Julia Brüssel) und entwickelten ihren ganz eigenen Strukturen, um das auszudrücken, was sie bewegt. Der Gesang oft elegisch, die Instrumente spartanisch eingesetzt, bewirkten eine nachdenkliche Stimmung, der man sehr konzentriert zuhören musste. Sie spielten ein Set von 40 Minuten ohne Unterbrechung durch.

Nach dem deutschen Ensemble „Tau5“ traten „The Notwist“ auf, die bereits weltweit Tourneen absolvierten und eine große Fangemeinde aufweisen. In Moers präsentierten sie ihr Werk „Messier Objects“, dass eine Zusammenfassung einzelner Projekte aus den Jahren 2008 bis 2014 umfasst. Die Kollektion zeigte das gesamte musikalische Spektrum der Independent-Band auf: Samples, elektronische Kollagen und Post-Rock – eine deutliche Abgrenzung zum Mainstream. Die deutsche Komponisten-Legende Heiner Goebbels brachte mit „The Mayfield“ (Camille Émaille, Cecile Lartigau und Nicolas Perrin) eine eigentlich nur für Theaterbühnen entwickelte Improvisation auf die Konzertbühne in Moers. Jacques Palminger kündigte die Vier mit den Worten an: „... dass uns eine experimentelle Hypnose in Aussicht gestellt wird.“ Zum Abschluss des Festivals traten noch zwei Solo-Künstler auf: David Friedman als Vibraphonist sowie Richard Scott mit analogen Synthesizern. Auch Marià Portugal konnte sich noch einmal in einer von ihr gewählten Besetzung präsentieren.

An diesem Pfingst-Wochenende gab es in Moers Jazz und Improvisation und Klassik nahezu in jeder Variante und als Mischung von allen Stilen zu hören. Nein, nicht nur in Moers. Eine gesundheitliche Katastrophe führte letztendlich dazu, dass Menschen rund um den Erdball zuschauen und zuhören konnten. Dass das mœrs festival immer wieder Neues wagt, ist schon Gewohnheitssache. Dass Tim Isfort und sein Team aber solch einen radikalen Schritt riskierten, war unerwartet und unerhört. Darf man denn das in diesen Zeiten? Diese Frage ist den Machern wohl mehr als einmal gestellt worden. Ja, man darf das und ja, die Künstler müssen aufstehen und der Gesellschaft deutlich machen, dass sie systemrelevant sind. Leider wird in diesem Land mehr von der Automobilindustrie gesprochen, als von der Gesundheitsbranche und der Kunst, in der allein über 50% mehr Menschen arbeiten, als bei den Autobauern. Zu den Musiker*innen, Schauspieler*innen, Maler*innen, Bildhauer*innen, um nur einige zu nennen, kommen ja noch alle „Zulieferer“: Techniker jedweder Art, Konzertveranstalter, Klein-Künstler, Vorleser, alle im Theater und in Museen Tätigen et cetera. Und was macht Moers? Tim Isfort erklärt das mœrs festival als systemrelevant, als guten Ort, der den Menschen nach dem langen Verzicht eben Bild und Ton nach Hause bringt, wenn schon live vor Ort niemand dabei sein darf. Die Künstler sind froh, sie können ihre Repertoires wieder vortragen und schließlich verdienen sie nach drei Monaten mal wieder Geld. Die Musiker, die durch die weltweiten Beschränkungen ausgebremst wurden und nicht anreisen konnten, dürften wehmütig sein, hier nicht dabei gewesen zu sein. Die Lücken, die im Programm entstanden, konnten ad hoc geschlossen werden, da sich viele Musiker beim Festival-Team von sich aus meldeten. Sie wollten spielen und sie taten es. Die Initiative wurde belohnt.

Die Einrichtung des Live-Streams war eine großartige Idee und dass ARTE Concert dies so aufgriff und so beherzt umsetzte, verdient ein Sonderlob. Die Begeisterung in der Netzwelt äußerte sich in zahllosen Posts.

Schließlich stellt sich die Frage, was diese vier Tage für die Zukunft bedeuten. Dieses Experiment schauten sich weltweit Festivalmacher und Konzertveranstalter an. Sie sahen, es ist möglich. Wird Moers also eine Blaupause für diese Krise oder für weitere Krisen? Es ist durchaus vorstellbar, dass Veranstalter zweigleisig planen, eine Live- und eine Stream-Variante, denn wann steht ein Mittel gegen Corona & Co. zur Verfügung?

Das Resümee des 49. mœrs festivals kann lauten, was als kühnes Wagnis begann, endete als ein ziemlich perfektes Format. Die Unsicherheiten in der Planung reduzierte das Festival-Team nach und nach bis das Unmögliche möglich erschien. Nach den Genehmigungen des Konzepts und den Zusagen aller Förderer entstanden Detailllösungen, die überzeugten. Das ist eine Leistung, die nun zur Festival-Chronik gehört.

Ein perfektes Format ist aber das mit Zuschauern live in Moers. Im kommenden Jubiläumsjahr zur 50. Ausgabe des Festivals hoffen alle, Macher*innen wie Musiker*innen wie Zuschauer*innen, dass es ein freies wird, mit freien Interaktionen aller Beteiligten und: Live ist eben live.

Autor:

Klaus Denzer aus Moers

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