Die 59. Lesebühne im Hotel Handelshof, ein Bericht von Rolf Blessing...
59. Mülheimer Lesebühne am 04.01.2019

Veranstalter und Lyriker Manfred Wrobel
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Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 jährlich vergeben und ist seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotiert. Von dieser Kategorie ist die Mülheimer Lesebühne noch ein Stückchen entfernt. Aber sie arbeitet ganz ohne Zweifel daran – und wer weiß?

Trotz des wiederum schlechten Wetters fanden sich literaturinteressierte Gäste zahlreich ein und erfreuten sich an diesem Abend an der Vielfalt der Beiträge. Ich habe selten so viel geschmunzelt wie an diesem Abend und bin als jemand nach Hause gegangen, der diese 59. Lesebühne so schnell nicht vergessen wird.
Nach der Begrüßung durch den Veranstalter Manfred Wrobel übernahm wie schon oft und immer locker und dynamisch Christiane Rühmann die Moderation.
Den Abend eröffnete Peter Märkert, der aus seinem neuen Justizkrimi „JANINA TOT“ (2018) las. Er verarbeitet in seinen Handlungen und Dialogen sehr viel soziologische Erfahrungen und prägt damit ein Krimigenre „der etwas anderen Art“. Versagensängste im Bett, Eifersucht bis hin zu Ansätzen des Stalkens u. ä. vermitteln ein verdächtiges Bild von dem vermeintlichen Täter, dessen tatsächliche Ausübung eines Verbrechens von Märkert jedoch offen gelassen wurde und zum Nachlesen verführen soll.

Beethoven kennen die Meisten. Aber nicht so, wie Franz Firla an das Thema herangegangen ist. Kenntnisreich, wortgewandt, verschmitzt und farbig zerrt er Beethoven in allen Richtungen. Einmal ist Beethoven der „interkonfessionelle Schutzheilige aller Gewerbetreibenden“, dann muss sein Name als „bare zivilisatorische Goldwährung“ herhalten. Firla klärt uns über dessen Verbindung zu Louise von Preußen auf (weilte lange auf Schloss Broich), berichtet über Beethovens Funktion bei der Müllabfuhr in einem fernen Land und zieht schließlich bisher unbekannte Vergleiche zwischen unserer Heimatstadt Mülheim an der Ruhr und Bonn, wo Beethoven wirkte. Göttlich seine Logik: Bonn-Rhein-Strom-Volt-Gilbert Becaud.
Auch der bekannte Mülheimer Künstler Helge Schneider wurde an diesem Abend im Zusammenhang mit Beethoven genannt. Unter anderem sollte dem Helge auch in seiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr ein Platz, oder eine Straße namentlich gewidmet werden.
Franz Firla hat das alles noch nicht veröffentlicht. Ich möchte ihn hiermit ausdrücklich dazu ermutigen.

„Der vergessene Schatz der Götter“ ist ein Roman von Saga Grünwald, die einen längeren Auszug daraus vortrug. Handelt es sich bei dem in der geheimen Kammer der Bibliothek mit Taschenlampe beleuchteten Lederband umklammernden Fund um eine Sensation? Die noch unerfahrene archäologische Finderin ist sich nicht sicher, ob es sich bei dem Skelett um einen Mann oder eine Frau handelt, aber eines steht für sie fest: früher haben Mönche weder Jeans noch silberne Armbanduhren getragen. Wie es weitergeht, blieb bei dem krimiähnlichen Anfang natürlich offen.

Für etwas Entspannung sorgte – alt bewährt – Mitchel Summer auf der Gitarre. Wie immer sehr einfühlsam vorgetragen, hörten wir von ihm zunächst zwei Klassiker und dann noch zwei Stücke, die in der Art der spanischen Gitarre interpretiert wurden.

„Könnt ich doch mit zarter Feder deine Schönheit malen“. Diesem Wunsch aus einem Sonett von Shakespeare entsprechend, hat sich Lisi Schuur aufgemacht und den Rhein als Thema für ihre Feder auserkoren, und zwar in ihrem neuen Buch „Rhein Kilometer 755,5“. Ihre Dialoge mit dem nur zuhörenden Fluss streifen sehr überzeugend und einfühlsam die verschiedensten Stimmungen und Blickwinkel. Über verlorenes Bonbonpapier und einem vergessenen gelben Schüppchen sinniert Schuur ebenso wie sie weitere Einzelheiten betrachtet: Eis, Fische, Kiesel, Gras, Moos, Brücken, Schiffe und Fähren. Und sie stellt fest, dass sie seine Unerschütterlichkeit am Ende doch nicht mehr mag.

Nur ein so reichlich mit Lebenserfahrung ausgestatteter Schriftsteller wie Klaus Märkert kann aus der peinlichen Situation, auf dem Herrenklo einer Disco gefangen und vor weiteren unlösbaren Problemen zu stehen, noch so viel „Nachthumor 3.0“ entwickeln, dass das Publikum kaum aus dem Lachen herauskam. Dass dann ein paar Blatt Klopapier schon mal 100 € kosten können und Netzunterwäsche nicht immer die richtige Wahl für einen Abend ist, erfahren wir dabei so ganz nebenbei.
Auch der anschließende Vortrag enthielt hervorragende sprachliche Bilder, die eine sehr plastische Nachverfolgung der Handlung ermöglichten. Auf der Flucht aus dem täglichen „Ja-Sager-Tango“ gerät Olivia Fischer in die Situation, dass sie sich von einem „italo-westernhafter“ Cowboytyp als Kantinennachbar porträtieren lässt und nicht weiß, was sie mit dessen Ausführungen und seinem Date-Angebot anfangen soll.
Das begeisterte Publikum bedankte sich mit tosendem Applaus.

Die den Freunden der Lyrik nicht unbekannte Autorin Waltraud Berndt trug aus ihrer umfangreichen Sammlung drei Gedichte in Reimform vor: Winter, Flickenseele, Ein Weihnachtsbaum im Februar. Ihre Themen sind positiv, romantisch und sehr lebensbejahend und werden den einen oder anderen zum Nachdenken angeregt haben.

Der Autor Jürgen Brümmer aus Oberhausen ist ein Kind des Ruhrgebietes. Sein kritischer Vortrag beschäftigte sich jedoch eher mit Space-Geschehnissen, bei denen sich die Mitglieder einer außerirdischen Raumpatrouille einiges anhören dürfen. Brümmer nimmt kein Blatt vor den Mund, lässt alle möglichen von Eitelkeit behafteten Götter und dergleichen, von Jesus bis Uli Hoeneß, kontrovers zu Wort kommen. Was die Außerirdischen zu dem Schluss kommen lässt, dass „Terra“ bezogen auf die allgemeinen All-Normen nicht lebensfähig ist und gekillt werden muss.

Wulf Golz; ein Urgestein der Mülheimer Lesebühne las noch unveröffentlichte Auszüge aus seinem Werk vor. Für mich wieder ein besonderes Erlebnis, diesem kurzen Einstieg in seine faszinierende Welt zu folgen. Es ist schon fast wie eine Begegnung der „Dritten Art“, sich so bizarre, phantasievolle, detailgetreue und empfindsame Szenen vorzustellen, in denen Ungeheuer (Matschquallen, fliegende schottisch karierte Schildkröten), aus den Fugen geratene Instrumente (kämpfende Klaviere) und dynamische Apokalypsen nur so über die Bühne knallen. Wer die Bilder von Hieronimus Bosch oder Pieter Brueghel der Ältere kennt, kann sich ungefähr vorstellen, welche Art von Chaos hier von Golz beschrieben wird.
Dieser Inszenierung, bei der sich Golz stellenweise zusätzlich noch diverser, von ihm selbst erzeugten Geräuschquellen bediente, konnte sich im Publikum niemand entziehen.

Der wieder sehr bunte Abend wurde von Mitchel Summer an der Gitarre mit mediterranen Klängen vollendet und ich machte mich mit großem Appetit auf die 60. Lesebühne im März 2019 auf den Heimweg.

Rolf Blessing 06.01.2019

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