Ein Nachbericht über die 60. Mülheimer Lesebühne von Rolf Blessing
60. Mülheimer Lesebühne am 01.03.2019 im Hotel Handelshof

Kunstwerke von Manuela Mühlenfeld
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Normalerweise wurde früher zur Karnevalszeit Shakespeares „Was ihr wollt“ (Twelfth Night) und dabei die Frauenrollen von Männern gespielt. In Ermangelung eines entsprechenden Angebotes und angesichts der Alternative „Mainz bleibt Mainz“ blieb vielen Literaturinteressierten gar nichts anderes übrig, als bei der 60.ten Lesebühne reinzuschauen. Ihr kleines Jubiläum feierte die Mülheimer Lesebühne nicht wie es alte und rüstige Leute bei der Diamantenen Hochzeit tun, nämlich nicht leise und bedächtig, sondern wie immer mit einem bunten und sehr lebendigen Programm. Veranstalter Manfred Wrobel und Initiatorin Sabine Fenner nahmen die von vielen Autoren und schaffenden Künstler ausgesprochenen warmen Dankesworte für die geschaffene Plattform gerne entgegen und reichten den Marschallstab flott weiter an Peter Roßkothen, der an diesem Jubiläumsabend durchs Programm führte.

Die 60. Lesebühne wurde von Martin Stottmeister eröffnet, der die Zuhörer sehr eindrucksvoll mit Bildern aus Paris fesselte. Die Handlungen seines neuen Buches „Unternehmen Sagittarius“ (lat. Name für d. Tierkreiszeichen Schütze) spielen eingangs dort; der Titel deutet aber ganz leicht auf eine astronomische bzw. außerirdische Thematik hin. Das Buch beginnt mit einer Szene, die sich um Ereignisse rund um den umgestürzten Eiffelturm dreht. Der arbeitslose IT-Spezialist Alain, offenbar Hauptperson des in der „ich-Form“ geschriebenen Thrillers, besitzt einen 5.000 € teuren tragbaren Rechner und schaut in Menschengetümmeln auffallend oft zu Boden. Sein Besuch im Hospital de la Croix St. Simon, wo sein mittelbar durch den Umsturz des Turms verletzter Vater behandelt wird, läßt auch schon eine gewisse Verwicklung vermuten. Mehr zu verraten war der Autor aber an diesem Abend noch nicht bereit.

Eine sehr ergreifende, autobiographische Kurzgeschichte, die 1959 in der Stadt Lehrte spielt, wurde von der bekannten Autorin Waltraud Berndt vorgetragen. Der angebliche sonntägliche Besuch bei Tante Anna diente seinerzeit als Alibi für den nicht von der Eltern erlaubten Besuch einer Tanzteeveranstaltung, bei der die Autorin einen sehr angenehmen indischen Studenten kennenlernte. Sie verliebte sich nicht in ihn, aber sie mochte ihn gern. Das ihr zur Erinnerung geschenkte Taschentuch mit Karos hielt sie viele Jahre in Ehren.
Mit dem Gedicht „Ein Vorfrühlingsmorgen“ stimmte sie die Anwesenden auf die bald schon bevorstehende Jahreszeit ein.

Pantomime ist eine Form der darstellenden Kunst (griech. „alles nachahmend“). Dabei gibt der ganze Körper dem Objekt, das durch Mimik geschaffen wird, ein Leben mit dessen bestimmten Eigenarten. Diese hohe Kunst beherrschen auf dieser Welt nur sehr wenige Künstler in Perfektion. Umso mehr ist der Mut von der Pantomimin Beate Smorra und ihrer Partnerin Angelika Husemann zu bewundern, sich in dieser schwierigen Disziplin auf die „Lesebühne“ zu wagen und das Publikum mit ihren Darbietungen zu verzaubern. Beide Akteurinnen haben sich in der klassischen Weise „kostümiert“ (weißgeschminktes Gesicht, rote Lippen, mit schwarzen Strichen betonte Augen, Haarband, weiße Handschuhe und schwarzes Trikot). Vom Kaffeetrinken und Zeitunglesen, Aufstehen und Schminken bis zum Disput oder einem Schmetterlingsausflug reichte das Spektrum ihrer Darbietungen. Das Publikum würde sich sicher über eine Fortsetzung freuen.

Mitchel Summer, an diesem Abend zweimal aktiv, variierte gekonnt sowohl mit verschiedenen Instrumenten (Gitarre und Mandoline) als auch mit unterschiedlichen Musikrichtungen aus seinem reichen Repertoire. Bei spanischer Gitarre, einem Klassiker von Ralph McTell über die Obdachlosen „Streets of London“ und irisch/gälisch anmutender Folklore konnte sich das Publikum hervorragend entspannen.

Silke Buchartz (Kloß) kehrte nach einer längeren Pause wieder zurück auf die Lesebühne; ihr neues Buch hat den Titel“ Eigentlich…und eigentlich nicht“, worin sie ihr Schaffen der letzten Jahre zusammengefasst hat.
Als eine Vertreterin der Reimform handeln ihre Gedichte oft von den schönen Dingen des Lebens und es kommen darin viel Liebe und auf Reisen Erlebtes vor (Ja-es gibt diesen Ort, Herbstlaub, Bella Italia, Auf und davon, Das alte Haus, Sechs Fremde u. a.).

„Die unvermutete Hoffnung“, ein weiterer Roman von der bekannten Autorin Dagmar Schenda, die sich gerne mit dem Thema „Vampire“ beschäftigt, spielt in Venedig. Der kleine schmächtige Martin und die wohlgeformte Desirée sind ein Paar, wobei sie ihn um einen ganzen Kopf überragt. Zwei Leichen in einer Glasvitrine, drei sehr unterschiedliche männliche Kandidaten und das Streben, unsterblich zu werden, spielen in der nur angerissenen Handlung scheinbar eine gewisse Rolle.

Was hat diese Krankenschwester auf der Intensivstation mit dem gut aussehenden, künstlich schlafenden und offenbar ohne unnötigen Haarwuchs ausgestatteten Patienten vor? Diese Frage haben sich die Zuhörer der Schriftstellerin Renate Behr gestellt, die einen Auszug aus einem ihrer zahlreichen Kriminalromane mit dem Titel „Pik As und Herz Dame“ vorlas. Ist diese Schwester ein Racheengel und liegt der arme Mensch dort nur stellvertretend für einen Patrick in ihrer Gewalt, der es liebt, eine goldene Rolex sowie goldene Manschettenknöpfe zu tragen und dies mit einer rosafarbenen Krawatte zu kombinieren? Und warum vermisst sie Mike? Renate Behr versteht es, so viel Spannung zu erzeugen, dass sicher Viele Lust auf mehr bekommen haben.

Und schon war das Programm an seinem Ende angekommen, die Zeit wie im Flug vergangen. Und deshalb ende ich nun auch, wieder mit Shakespeare: “Ein jedes Ding hat seine Zeit!“ (aus der Komödie der Irrungen, Antipholus von Ephesus)

Rolf Blessing 03.03.2019

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