ZwischenStücke: Leipziger Schauspiel spielte Prinzessin Hamlet im Theater an der Ruhr
Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle

Alle fünf Ensemble-Mitglieder der Leipziger Schauspiel zeigten große Spielfreude und sorgten für einen spannenden Theaterabend. Es spielten (v.li. n.re) Anna Keil, Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Alina-Katharin Heipe und Andreas Dyszewski.
  • Alle fünf Ensemble-Mitglieder der Leipziger Schauspiel zeigten große Spielfreude und sorgten für einen spannenden Theaterabend. Es spielten (v.li. n.re) Anna Keil, Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Alina-Katharin Heipe und Andreas Dyszewski.
  • Foto: Rolf Arnold
  • hochgeladen von Heike Marie Westhofen

Wo erlebt man es, dass Menschen in greifbarer Nähe ihr Leid herausschreien? Ihre Wut zeigen? Ihre Körper auf dem Boden zucken und rucken lassen? Stille Tränen über glatte Wangen laufen, so nahe, dass man sie abwischen möchte? Wo sonst noch ist das Menschsein, das Fühlen und Denken so unmittelbar erlebbar wie im Theater? Wo sonst wird unsere Seele so nackt uns vorgestellt? 

Aus welcher Veranstaltung kann man gleichzeitig wunderbar verwirrt und furchtbar nachdenklich nach Hause gehen?
Das alles lieferte das Ensemble des Leipziger Schauspiels als ZwischenStück am 19. Februar im Theater an der Ruhr mit einer ungewöhnlichen Inszenierung  von "Prinzessin Hamlet".

Hamlet wird zur Frau

Auf der Bühne ging es nicht um Shakespeares Dänemark- Prinzen Hamlet, der seine Uraufführung im Jahr 1601 erlebte. Die finnische Dramatikerin E.L. Kahru (geb. 1982) lieh sich bei Shakespeare lediglich die Namen Hamlet und Ophelia aus und nahm ihnen einfach ihr Geschlecht: Aus dem männlichen Hamlet wurde die weibliche Prinzessin Hamlet (Link: Inhalt des Stücks) aus Ophelia ein Ophelio. Heraus kam ein eigenwilliges Stück, das aus 75 verschiedenen Szenen besteht und jede Menge Regieanweisungen enthält: Ein Drama mit comichafter, bilderreicher Sprache, in der manche Szene nur aus einem Satz besteht. Der wird jedoch von allen Schauspielern wie ein Echo wiederholt und vervielfacht seine Wirkung durch Klang.

"Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust"
Regieanweisung

Die Grenzen der Sprache testen

Kahrus Stücke und ihre Themen befassen sich mit der Ethik menschlichen Handelns, der Einzigartigkeit des Menschen und der Anpassung, die die Gesellschaft verlangt. Sie sucht nach neuen dramatischen Formen und testet aus, wo die Grenzen der Sprache auf der Bühne sind. Die Geschichte der Prinzessin vereint alle Dramen, von denen das Theater immer gelebt hat und auch heute noch lebt: 
Macht, Liebe, Hass, Verrat, Lüge, Wahrheit und Tod. 

Niemand glänzt, doch alle leuchten

Sich den Stoff zu eigen machen, das ist harte Arbeit. Die Schauspieler erinnern sich daran, was es für ein Weg war, einen Stil zu finden:

"Wir hatten einen Arbeitsprozess und sahen eine gewisse Ästhetik in dem Stück. Schließlich haben wir die Monroe herauskristallisiert. Den Stil gesucht. Eine Skulptur, dennoch mit Individualität",

sagt Thilo Krügel im Publikumsgespräch nach der Aufführung.

Wie sie sich zuerst beim Lesen des Stücks freuten, dass es fünf Figuren sind, denen jeder von ihnen eine Tiefe geben könnte, eine Persönlichkeit! Und dann kam es doch ganz anders: Die junge Regisseurin Lucia Bihler wollte, dass jeder von ihnen jede Figur spielte: Jeder und Jede ist mal Hamlet, mal Ophelio, der Geliebte, mal Horatia, die Hofdame von Hamlet. Das Ensemble kämpfte sich ab an der Form, die die Autorin Kahru und dann Lucia Bihler ihnen abverlangte: Harte Arbeit. Meisterlich umgesetzt auf der Bühne. Niemand sticht hervor, alle leuchten in ihrem Spiel. Große, homogene Schauspielleidenschaft, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt.

Nichts ist, wie es scheint: Nur die Musik.

Alles verwischt, alles verschwimmt, nichts ist, wie es sein sollte und alle sind verstört. Doch da gibt es etwas, das sie verbindet, das Ordnung ins Chaos bringt, das lockt, trägt und vereint: Die Musik.
Es sind elektronische Klänge, die die Schauspieler auf den Felsen locken, der auf der Bühne ein Lotterbett in Bonbonfarben ist. So, wie Loreley die Schiffer mit Gesang anlockte, folgen die Schauspieler immer wieder den lieblichen elektronischen Klängen: Auf den Berg, auf dem sich Prinzessin Hamlet selbst anzünden will, um zu lodern wie eine Fackel und damit unsterblich zu werden. Und ihrem Leid ein Ende zu setzen. Dem Leid, nicht so sein zu können, wie es ihr entspräche. Dem Leid, für ein zahlloses Volk etwas darzustellen, das sie nicht ist und niemals sein wird. Sie erschöpft sich, sie kämpft, sie verliert gegen sich selbst und stirbt. Sie wählt den Tod mit einem Sprung von der London Bridge.

Kontraste ausgereizt, Sprache geprüft, Rhythmus gefunden

Die Aufführung ist eine Herausforderung für das Ensemble und das Publikum: Wenig Formales gibt es, an dem sich die Zuschaeuer festhalten können. Es ist, als befinde man sich im Schleudergang einer Waschmaschine bei 1000 Umdrehungen in der Minute: Ständiger Wechsel der Personen. Regieanweisdungen geben sich die Schauspieler selbst und führen sie nicht aus:

"Sie nimmt eine Zigarette. Zündet sie an. Raucht.

Doch statt zu rauchen, wäscht sie sich die Hände an einem sprudelnden Brunnen. So geht es unentwegt: Ständig geschieht etwas anderes, als deklamiert wird. Die Klammer für all das Chaos, all die Wechsel, ist diese sirenenartig-eindringliche Musik, die in unterschiedlichen Szenen bis zum tragischen Ende alle und alles verbindet.

Vieles bleibt unklar. Vieles verwirrt an diesem Bühnenabend. Es könnte also nicht besser gewesen sein.

Autor:

Heike Marie Westhofen aus Mülheim an der Ruhr

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

4 folgen diesem Profil

1 Kommentar

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.