Theater an der Ruhr entstaubt den 'Besuch der alten Dame' mit einer gelungenen Premiere
Es gibt Leute, die zahlen für Geld jeden Preis

Die Freude ist groß: Die Milliardärin kommt!
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  • Foto: Foto: Franziska Götzen
  • hochgeladen von Heike Marie Westhofen

Die Tragikomödie Dürrenmatts, die 1956 in Zürich Premiere feierte, sorgte dafür, dass Dürenmatt für den Rest seines Lebens finanziell sorgenfrei leben konnte: Der Besuch der alten Dame war sein großer Erfolg. Albert Hirche wagte eine Neuinszenierung zwischen Groteske und Clowneske und zeigte die gelungene Premiere am 31. Oktober im Theater an der Ruhr.

„Ich denke ja, dass der Besuch der alten Dame ein sehr angestaubtes Stück von Dürrenmatt ist, das wir gleich sehen werden“, vermutete eine Besucherin vor dem Einlass. Doch das Gegenteil war der Fall: Gleich in den ersten Minuten nahm die temporeiche Inszenierung von Albrecht Hirche mit großem Personaleinsatz die Zuschauer gefangen und mit auf die Reise zu einem Ort, der ’Müllen' heißt, eine satirische Anspielung auf Mülheim (Bei Dürrenmatt heißt der Ort Güllen).

Auf dem Racheweg

Ein junges Mädchen, Claire Zachanassian (temperamentvoll dargestellt von Gabriella Weber), wird mit 17 Jahren geschwängert und aus der Stadt vertrieben von ihrem Liebhaber. Er leugnet die Vaterschaft, sie geht nach Amerika und wird zur Hure. Durch mehrere Ehen wird sie so reich, dass sie sich alles kaufen kann. Ein akribisch ausgetüftelter Racheplan lässt sie nach Jahrzehnten nach Güllen zurückkommen. Sie will Gerechtigkeit für die Schmach, die ihr Liebhaber Alfred ILL (Albert Bork) ihr vor Jahrzehnten angetan hat. Und gerecht ist nur die Todesstrafe für Alfred. So fordert sie die Bewohner auf, Alfred für eine Millarde Mark gemeinschaftlich zu ermorden.

Effekte mit einfachen Mitteln

Mit einfachen Stilmitteln und quasi ohne Bühnenbild bespielten bis zu 40 Menschen die Bühne in gut austariertem Tempo. Grotesk geschminkte Schaupieler, ein Spielmannszug aus Duisburg, der mit einem Marsch über die Bühne zog und der Chor der Petrikirche, der an den richtigen Stellen brave Volkslieder anstimmte, sorgten für Unterhaltung in dieser Groteske, die ab und an clownesk wurde, aber nie unfreiwillig lächerlich war.

Wirkungsvoll in Szene gesetzt

Mit simplen Materialien aber viel Kreativität wurden die Kostüme wirkungsvoll gestaltet: Auf dem Hemd des Lehrers steht in dicken Buchstaben 'SCHULE'. Auf dem Gewand des Bürgermeisters 'STADT'. Ein imaginärer Gong zu einem Geschäft wird von den Schauspielern durch einen Schlag in die Luft zum Klingen gebracht. Die Requisiten wurden aus Pappe hergestellt, die das Groteske in Comicnähe zogen - und doch realistisch wirkten.

Dürrenmatts Grundidee der Täter, die zum Opfer werden und der Opfer, die gleichzeitig Täter sind, führt zum gemeinschaftlichen moralischen Versagen aus Geldgier und letztlich zum Zusammenbruch der Demokratie. Ein topaktuelles Thema, das Hirche inszeniert hat. Nur der Lehrer, die einzige moralisch aufrechte Person (sehr präsent gespielt von Mario Neumann), hält betrunken eine brennende Rede für Menschlichkeit und gegen den Mord an ILL. Doch auch er versagt ...

Ein unfreiwilliger Held

Der einzige, der eine moralische Läuterung durchmacht und zum unfreiwilligen Helden wird, ist Alfred ILL (überzeugend dargestellt). Er kann der geldgierigen und mordlüsternen Gesellschaft nicht entkommen. Statt sich zu erschießen, was einen leichteren Ausweg darstellt, liefert er sich gelassen der Entscheidung seiner Freunde und Mitbürger aus.

Überragend: Helge Salnikau

Eine überragende schauspielerische Leistung zeigte Helge Salnikau als Butler der Claire. Gleichermaßen diabolisch und geknechtet, kroch, hinkte, hüpfte und rollte er über die Bühne und sorgte so für schaurigen Grusel beim Publikum. In Ausstrahlung und Dramatik der Darstellung erinnerte er an den exzentrischen Klaus Kinski als „Fitzcarraldo“, der auch in der Lage war, mit einem Blick Furcht im Gegenüber auszulösen.
Das Publikum lobte die Schauspieler mit reichlichem Applaus für dieses temporeiche, gelungene und sehr unterhaltsame Inszenierung.

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