Frühlingsbote
Es war die Lerche - in Mülheim und anderswo

Ja, ja, trotz der gegenwärtigen Um- und Zustände: Es ist Frühjahr! Auch wenn man bei den kalten Sturmböen und frostigen Morgenstunden meint, früher sei das mit dem Frühjahr selbst im Krieg doch etwas anders gewesen. 
Vor zwei Jahren diskutierten wir Anfang März noch engagiert über ein geplantes Ed Sheeran-Konzert in Mülheim. Im Mittelpunkt: die Lerche, Symbol des Tagesbeginns, des Frühjahrs!
Von solchen Problemen kann man heute nur träumen.
Zufällig fielen mir meine drei Texte vor die Augen, die ich damals schrieb. Sie scheinen mir irgendwie zu sagen: es geht weiter!

Frühling

Wenn Sie echten Frühlingsanfang genießen wollen, gehen Sie eine Stunde vor Sonnenaufgang ins Feld, dann haben Sie beste Chancen, sie zu sehen und zu hören. Die Feldlerche, die Verkörperung der frühen Freude! Gleich zum Trost: Sie können ja ein kleines persönliches Video von ihren „Singflügen“ drehen und in den Folgetagen um neun Uhr im Bett ablaufen lassen.
Aber es ist schon angebracht, mental etwas zu diesem frühen Vogel aufzuschließen. Wenn er auch bei Shakespeare die Liebesnacht zwischen Romeo und Julia beendet und dadurch einen Imageschaden erlitten hat, steht er in Literatur und Kunst der Nachtigall in kaum etwas nach.
Vom Troubadour-Lied angefangen, hat jede Zeit ihr dichterisch-musikalisches Lerchenwerk vorzutragen: Der Geibel, die Droste, der Schiller, der Goethe. Und Eichendorf, Busch, Kishon, Gernhardt usw.
Allerdings haben sie meist vermieden, auf Lerche was zu reimen. Sie waren gewarnt durch die „Vogelhochzeit“! Es reimt sich nicht wirklich was auf die flotte Himmelsstürmerin. Vielleicht Ärsche. Womit wir beim Kulinarischen angelangt wären. In früheren Jahrhunderten wurden gefüllte Lerchen sehr geschätzt.
Die Sachsen haben, den Vogelschutz vorwegnehmend, diese Vorliebe in eine leckere Backware überführt. „Leipziger Ler-chen“. Diese leckeren Lerchen können auch noch nachmittags und abends genossen werden.

Es war die Lerche…

Erst war nur von Steinschmätzern die Rede, man lachte sich eins, dann von der Feldlerche, na ja, Und selbst Gleichgültige schüttelten 2018 den Kopf, als wegen ein paar unbedeutenden Vögeln am Flugplatz Essen/Mülheim kein Open-Air-Konzert möglich war.
Halt! Unbedeutend? Wie war das noch mit der Lerche in der Kultur? Und schon hat einer das Shakespeare-Zitat „Es war die Lerche und nicht die Nachtigall“ auf den Lippen. Wobei völlig unklar bleibt, warum es die Lerche gewesen sein muss. Anders bei dem Liedzitat „Die Lerche, die Lerche, die führt die Braut zur Kerche“. Hier ist der Grund klar, es ist der Reim, weil Lerche sich so perfekt auf Kirche reimt.
Über die Rechte der Tiere erfahren wir heute viel, über sie selbst herzlich wenig. Weil wir ihnen auch nicht mehr bewusst begegnen. Amsel, Krähe, Rotkehlchen, Spatz schon, aber der Lerche? Da muss man früh aufstehen und durch die Felder wandern, um den „Senkrechtstarter“ bei seinem akrobatischen Zwitscherflug zu beobachten.
Aus den Augen muss aber noch nicht heißen aus dem Sinn, denn die kulturelle und motivgeschichtliche Bedeutung der Lerche reicht spielend an die der Nachtigall heran, die ja noch nicht mal in der Vogelhochzeit vorkommt.
Es kann auch hier nur angedeutet werden, wo wir überall auf sie stoßen. Der Flug der Lerche ist ein Symbol der reinen Freude im okzitanischen Troubadourlied des Bernart de Ventadorn (12.Jh.): Can vei la lauzeta mover…
„Wenn ich die Lerche ihre Flügel vor Freude gegen den Strahl (der Sonne)
bewegen sehe, / dass sie das Bewusstsein verliert
und sich wegen der Süße, die ihr ans Herz geht, fallen lässt, / ach!
erwächst mir daraus ein so großer Neid / auf wen ich auch immer
freudig sehe, / ich bin erstaunt, dass das Herz mir nicht vor
Sehnsucht sofort schmilzt.“
Seit dieser Zeit wurden wohl Tausende von Lerchengedichten produziert, ohne und mit Vertonung.
Mein Problem dabei ist halt, ich weiß das alles nicht oder habe es vergessen, Wenn ich es anderen vorlese, nicken sie und sagen ja, ja. Ich finde diese Leute könnten auch ruhig mal was vorlese,

Zum Beispiel, dass sogar ein Blümchen „Lerchenauge“ heißt und „Leipziger Lerchen“ eine bekannte Leckerei sind.
„Wie jeder Leipziger weiß, geht das typische Gebäck Leipziger Lerchen auf eine Delikatesse im 18. Jh. zurück: gefüllte Feldlerchen. Aus 1720 ist bekannt, dass allein im Oktober über 400.000 Singvögel gefangen und verspeist wurden. Als die Jagd auf Lerchen überhandnahm und immer mehr Vogelfreunde darüber empört waren, wurde der Lerchenfang 1876 vom sächsischen König Albert I. verboten. Bäcker reagierten auf die enttäuschten Gaumen und ersetzten diese Spezialität der Leipziger durch eine süße Leckerei aus Mürbeteig und Konfitüre, die sie Lerche (und später Leipziger Lerchen) nannten. Sie ahmten auch die Form der Feldlerchen nach, indem die überkreuzten Teigstreifen die Schnüre symbolisieren, mit denen die Vögel zusammen gebunden waren.“ (Zitat eines Bäckers)
Da können wir gleich noch anfügen, dass ein französischer Militär-Hubschrauber „Alouette“ heißt, was ja Lerche heißt und flugtechnisch vielleicht sogar Sinn macht.
Ebenso wie den Leipzigern ehedem gilt (galt) den Franzosen die Lerche aber hauptsächlich als ein besonderer Leckerbissen. So entspricht unserem Spruche: „Ohne Fleiß kein Preis“ im Französischen das Sprichwort: Les alouettes rotis ne se trouvent pas sur les haies, die gebratenen Lerchen finden sich nicht auf den Hecken…. Dass auch der Engländer das Lerchenfleisch zu schätzen weiß, geht hervor aus dem Diktum: One leg of a lark is worth the whole body of a kite, ein Lerchenbein ist einen ganzen Geier wert. Aus: Richard Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache.
Wie die Russen mit ihrer Schaworonok umgehen, ist mir zur Zeit entfallen.
Verlassen wir nun dieses für die Lerche wenig schmeichelhaftes Anwendungsgebiet und wenden uns der psychischen Typisierung in der Psychologie zu.
Liebesbeziehungen zwischen Typ Lerche und Typ Eule sind möglich, aber schwierig: “Die Lerche zwitschert beim gemeinsamen Frühstück was das Zeug hält. Pläne für den Tag, Anekdoten aus dem Bekanntenkreis, Ereignisse aus den Nachrichten, Träume der vergangenen Nacht – der Gesprächsstoff scheint unendlich. Derweil die Eule mehr hängend als sitzend den Kaffee schlürft und nur eins möchte – ihre Ruhe und am besten noch eine Mütze Schlaf.“ (Betten-Bormann)
In der Traumdeutung sagt das Erblicken einer Lerche im Traum ein angenehmes Liebeserlebnis voraus. Und den kostenfreien Gesang der Lerche zu hören verheißt eine frohe Zukunft voller Erfolg und Gesundheit. Was man vielleicht von einem Ed-Sheeran-Konzert nicht sagen kann. Aber das sahen die Fans selbstverständlich ganz anders.

Liewerlingske

Ein Mölmscher muss Partei für die Lerche ergreifen, nicht nur aus Gründen des Schutzes unserer gebeutelten Natur, sondern weil sie als Lieblingsvogel der Mölmschen gilt, gleich hinter dem Ssinter Mätes Vögelsche. Und eins ist googleklar: Angesichts der motivgeschichtliche Bedeutung der Lerche in der nationalen wie internationalen Literatur seit dem Mittelalter versinkt ein Ed-Sheeran-Konzert nahezu in schierer Bedeutungslosigkeit. Es sei denn, Sheeran sänge auf Okzitanisch das berühmte Lerchen-Troubadourlied des Bernart de Ventadorn (12.Jh.): Can vei la lauzeta mover… Ein Alternativ-Vorschlag weiter unten.

Viele verstandenen das Gerangel um ein paar brütende Feldlerchen auf dem Flugplatz Essen/Mülheim nicht. Schon gar nicht die Anhänger von Ed Sheeran. Dabei waren es 2017/18 nur die Tierschützer, die sich querstellten. Denkbar wäre aber auch eine Initiative Mülheimer Mundartfreunde gewesen , die den Feldlerchen aus einem ganz anderen Grund hätten beispringen müssen.
Die Feldlerche ist nämlich sowas wie die Mölmsche Nachtigall. Das kann sich durchaus sehen bzw. hören lassen, denn böse Zungen behaupten, die niederrheinische Nachtigall sei eigentlich der Frosch. Der Plattname der Lerche „Liäwerlingske“ (u.a. auch „Liewerlingske“ oder „Liaberlingske“ geschrieben) steht auch für „Liebling“, und in den überkommenen Mölmsch-Platt-Texten wird dieser Kosename für Verliebte häufig verwendet. Im Plattdeutschen allgemein schwankt der Name zwischen Lewerik und Lewing, was natürlich leef (lieb) und Leewe (Liebe) assoziieren lässt.
Auch kirchlicher Beistand käme den Feldlerchen durchaus zu: Ein Pfarrer soll einmal zu Christi Himmelfahrt im Plattgottesdienst gesagt haben: „Usen Herrchott ös in dän Himmel opchefahre, nee ees en Flasfink, merr ees en Liäwerlingsken. (Unser Hergott ist in den Himmel aufgefahren, nicht wie ein Spatz, sondern wie eine Lerche.)
Unser Mölmscher Dichter Chird Hardering hat ein Schlaflied geschrieben, das ich hiermit Ed Sheeran, falls es zum Konzert kommt, zur allgemeinen Versöhnung ans Herz legen möchte. Noten und Text stelle ich ihm gerne zur Verfügung:
Chu‘ Naach min leef Diänsche,
min Diänsche ös mööd.
Min Diänsche che-iht schloope,
min Diänsche dröümp ssööt.
Dä Moon‘ schient duar’t Finster,
dä Moon‘ darw ees luure,
merr ick stohn hie buute,
ick ssin te beduure

Chu‘ Naach! – Chu‘ Naach!
Min Liäwerlingske chu‘ Naach!
Chu’ Naach! – Chu’ Naach!
En Engel, dän häult be-i’sche Waach.

Übertragung:
Gute Nacht, mein liebes Mädchen,
mein Mädchen ist müd‘.
Mein Mädchen geht schlafen,
mein Mädchen träumt süß.
Der Mond scheint durch’s Fenster,
der Mond darf mal schauen,
aber ich steh‘ hier draußen,
ich bin zu bedauern:

Gute Nach! – Gute Nacht!
Mein Liebling, gute Nacht!
Gute Nacht! – Gute Nacht!
Ein Engel, der hält bei dir Wacht.

P.S. Von dem bekannten französischen Kinderlied „Alouette“(Lerche) würde ich Abstand nehmen, da die Körperteile der sanften Lerche in dem Lied sukzessive gerupft werden.

Autor:

Franz B. Firla aus Mülheim an der Ruhr

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