Lieber arm bleiben als blutbefleckt? - Albrecht Hirche inszeniert Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ im Theater an der Ruhr

Petra von der Beek, Dagmar Geppert, Albert Bork, und Tobias Stöttner (v.l.) spielen in der Mülheimer Inszenierung die Familie des angefeindeten Alfred Ill.
Foto: R. Grittner
  • Petra von der Beek, Dagmar Geppert, Albert Bork, und Tobias Stöttner (v.l.) spielen in der Mülheimer Inszenierung die Familie des angefeindeten Alfred Ill.
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Wo: Theater an der Ruhr, Akazienallee 61, 45478 Mülheim an der Ruhr auf Karte anzeigen

Mit „Der Besuch der alten Dame“ hat Friedrich Dürrenmatt in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts seinen Durchbruch geschafft. Seitdem gehört das Stück zu den Klassikern der Weltliteratur. In der Inszenierung von Albrecht Hirche geht es am Mittwoch auf die noch nie so volle Bühne des Theaters an der Ruhr.

Knapp 20 Schauspielerinnen und Schauspieler setzen Dürrenmatts Handlung von Geldgier, verfallender Moral, Rache und Mobbing bis hin zum Mord um und halten der Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht. Begleitet werden sie von den Chören der Petrikirche, von Kirchenmusikdirektor Gijs Burger eigens für die Hirche-Inszenierung zusammengefügt. Mit auf der Bühne sind zudem die Shamrock-Cheeleaders und der Spielmannszug Wanheimerort aus der Nachbarstadt Duisburg.

Zunächst unterschwellig leise, einnehmend und fast fröhlich, dann aber dröhnend und hinaus trompetend, symbolisieren sie musikalisch die unsägliche Eigendynamik des Herdentriebs und stellen die Masse der Mitläufer dar. Durch die Auswahl der Titel von „Viel Glück und viel Segen“ über „Alte Kameraden“ bis hin zu einem Militärmarsch wird der sich verändernde Tonfall einer „abdriftenden“ Gesellschaft hörbar.

Geldgier und Werteverfall

Der Welterfolg von Dürrenmatts Klassiker, der selbst am Broadway, dem „härtesten Markt der Welt“, riesige Erfolge feierte, ist auch und gerade heute, gut 65 Jahre nach seiner Entstehung, berechtigt und aktueller denn je. Die Macht des Geldes, die als Gerechtigkeitsgefühl getarnte nackte Geldgier und die Anfälligkeit einer Gesellschaft durch das Aufstellen eigener Moralkriterien ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Dramaturg Sven Schlötcke: „Hier wird aufgezeigt, wie Einzelne und ganze Institutionen versagen und letztlich eine Verfallsbereitschaft der Gesellschaft fördern.“

Nach 45 Jahren kehrt Claire Zachanassian (gespielt von Gabriella Weber) in ihre Heimatstadt Güllen zurück. Der Name der Stadt ist bereits ein Fingerzeig. Gülle stinkt und die dortige Stadtgesellschaft offensichtlich ebenso. Die zurückgekehrte alte Dame ist zur reichsten Frau der Welt geworden ist, Güllen aber steht vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Einwohner hoffen, dass die Milliardärin ihre Heimatstadt mit einer kräftigen Finanzspritze aus der Not helfen wird, weshalb sich alle zu einem feierlichen Empfang am Bahnhof versammelt haben.

Die Welt wird zum Bordell

Claire Zachanassian verspricht tatsächlich eine ganze Milliarde, verlangt als Gegenleistung aber den Tod ihres ehemaligen Liebhabers Alfred Ill (gespielt von Albert Bork). Vor 45 Jahren hat Alfred nämlich die Vaterschaft des gemeinsamen Kindes bestritten, vor Gericht die Zeugen bestochen und ist so der Vaterschaftsklage entgangen. Claire verlässt daraufhin gedemütigt die Stadt und schlägt sich gezwungenermaßen als Prostituierte durch, bis sie durch wechselnde Ehemänner zu ihrem großen Reichtum kommt. Zitat der Hauptfigur: „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.“

Die Güllener lehnen das Angebot zunächst entrüstet ab. Sie wollen lieber arm bleiben als blutbefleckt.Mit dieser moralischen Überzeugung ist es jedoch nicht weit her. Alfred Ill muss feststellen, dass die Güllener sich auf Kredit neu auszustaffieren beginnen. Bald tragen die meisten nicht nur neue Schuhe, sondern fahren auch ein neues Auto. Der Bürgermeister raucht luxuriöse Zigarren. Alfred bittet Polizei und Politik um Hilfe, damit Claire festgenommen wird und keine weiteren Drohungen gegen ihn aussprechen kann. Er stößt jedoch nicht mehr auf offene Ohren, im Gegenteil, die ganze Stadt ist bereits den Verlockungen des Konsums erlegen.

Jubel über neuen Wohlstand

Die Stimmung schlägt um. Alfred Ill wird offen angefeindet. Nach einer misslungenen Flucht und zu Beginn eines Schauprozesses wird Alfred Ill im plötzlich dunklen Gemeindesaal ermordet. Ein Arzt stellt als Todesursache einen Herzinfarkt fest, der Bürgermeister bekommt von Claire den versprochenen Scheck überreicht, die Bürger von Güllen bejubeln den neuen Wohlstand.

Regisseur Albrecht Hirche, in Mülheim durch verschiedene Inszenierung kein Unbekannter, stellt nach zweimonatigen Proben fest, dass man sich auf Dürrenmatt verlassen kann: „Das Stück inszeniert sich fast von selbst. Der Sittenverfall von unausgesprochenen Empfindungen und Bedürfnissen geht weiter.“ Als Fazit bleibe, dass der einzige Wert, der sich durchsetze, das Materielle ist.

Aufstellen einer eigenen Moral

Diese Einstellung nutzen auch heute Populisten und tragen zum Verfall einer Wertegemeinschaft bei. Die Mülheimer Premiere vom Besuch der alten Dame ist am Mittwoch, 31. Oktober, 19.30 Uhr. Das ist auch der Reformationstag. Luthers Thesenanschlag in Wittenberg war auch ein Akt des Aufbegehrens gegen Sittenverfall und das Aufstellen einer individuellen Moral. Besser hätte man einen Premierentermin nicht wählen können, auch wenn das rein zufällig geschah.

Die weiteren Vorstellungen sind am 8. November und am 12. Dezember, jeweils vormittags um 11 und abends um 19.30 Uhr. Kartenanfragen unter 0208 / 5990188.

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