Ciulli und sein Theater an der Ruhr als zweibändige Buchausgabe
Roberto Ciulli zieht Bilanz

MAria Neumann (l) und Roberto Ciulli auf der Bühne mit "Der kleine Prinz".
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  • MAria Neumann (l) und Roberto Ciulli auf der Bühne mit "Der kleine Prinz".
  • Foto: PR-Foto Köhring
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Roberto Ciulli ist inzwischen 86 Jahre alt, inszeniert seit 55 Jahren in Deutschland und hat vor 40 Jahren mit Helmut Schäfer das Theater an der Ruhr gegründet. Zeit Bilanz zu ziehen. „Der fremde Blick“ ist mehr als eine Biografie des Theaterregisseurs. Es bedeutet auch nicht, dass der gebürtige Mailänder an Rückzug denkt. Er weiß aber, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt und er empfindet jeden Tag,  jede Premiere als Geschenk. Im September steht er in Thomas Köcks Neubearbeitung des Antigone-Stoffs unter der Regie von Simone Thoma auf der Bühne.

Szenen, Stationen und Skandale aus seinem Leben 

Immer wieder streut Ciulli bei seinen persönlichen Führungen im Theater an der Ruhr Anekdoten ein. Solch eine „Reise ins Theater“ hat vor einigen Jahren auch der Verleger Alexander Wewerka mitgemacht und war so elektrisiert, dass eine Buchidee geboren wurde. Dass es dann doch kein konventioneller Erinnerungsband geworden ist, verwundert bei Ciulli nicht. Die Fakten bis zur Gründung des Theaters an der Ruhr werden nicht breit gewalzt, sondern flott erzählt. Seine strenge Erziehung, der Militärdienst, das Studium, die Beschäftigung mit Hegel, das „Il Globo“, ( sein erstes Theater), der Herzinfarkt, die Arbeit bei Bosch, sein Versuch als Romanautor und der Beginn als Beleuchter und Requisiteur am Deutschen Theater und die Sonntagnachmittage mit dem Intendanten Hilpert. Aus späteren Jahren fehlt dagegen Privates, liegt der Fokus auf dem Theater. Privat und Beruf ist bei einem wie Ciulli eh eins.

Buchcover des Alexander Verlag, Berlin.

Natürlich war es die Liebe zu einer Frau, die ihn nach Göttingen führte: Marion. Sie lernte er in Paris kennen und lieben. Wie Ciulli das erzählt, erinnert das an Godards „Außer Atem“, inclusive Zeitungs-Verkauf der Washington Post auf den Champs Élysées. Marion erinnerte auch äußerlich an Jean Seberg. Mit ihr reist er später noch für eine Inszenierung eines Stücks von Garcia Lorca nach Spanien zur Recherche in dessen Heimatort. Ciulli hat noch ein anderes Interesse: Er möchte darstellen, dass das Theater die älteste Kunstform überhaupt ist.

Welt durch Phantasie verändern

Darüber spricht er mit dem Anthropologen Jonas Tinius, der dem Theater an der Ruhr schon seit vielen Jahren als Mitglieder der Gruppe Ruhrorter verbunden ist. Zu einigen Gesprächen gesellt sich auch der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Navid Kermani, der vor 30 Jahren am Raffelberg als Hospitant das Theater kennen gelernt hat. Ciulli spricht von der Jagd und Höhlenmalerei. 

"Ich erschaffe eine Aufführung, damit sich der damit ausgedrückte Wunsch am nächsten Tag erfüllt. In dieser Vorstellung geht es um den Versuch, die Kraft der Natur zu beherrschen und die Welt durch Fantasie zu verändern“,

erklärt er und will in seiner Funktion als Regisseur nichts anderes.
Die beiden 2,5 Kilo schweren und knapp 1300 Seiten umfassenden Bände sind auch inhaltlich ein Schwergewicht, eine Fundgrube. Drei Jahre lang hat er an dem Mammutwerk gearbeitet, gesichtet. Geordnet, konzipiert und verworfen.

Früher Tod seiner künstlerischen Partnerin

„Ich bin auf Dinge gestoßen, an die ich mich selbst nicht mehr erinnern konnte“,

erzählt Ciulli und zeigt sein Schulheft aus Grundschultagen mit Rechenaufgaben, die fehlerfrei gelöst hat. Wie selbstverständlich ist auf der Kinderzeichnung unter den Aufgaben neben Schiffen auch eine Hakenkreuzfahne zu sehen. Eine größere Überraschung waren die Bänder mit dem gesprochenen Tagebuch, dass er nach dem Tod von Gordana Kosanovic, die das Theater ganz wesentlich künstlerisch geprägt hatte. Drei Wochen nachdem sie an ihrem 33. Geburtstag dem Krebs erlegen war, hat er den Eindruck, dass das Theater am Ende sei, zumindest glaubte er, nicht ohne eine Zeit des Schweigens weitermachen zu können. Er erzählt, wie sie sich kennen lernten, welche Rolle der Zufall dabei spielte, wie sie im jeweils anderen den idealen künstlerischen Partner erkannten und wir er dennoch mit der ersten Inszenierung der Lulu scheiterte, die er in dreifacher Besetzung geplant hatte. Aber eigentlich gab es für ihn dann nur noch eine...
„Ich hätte die Konzeption sofort ändern müssen, aber inzwischen waren wir auch im Leben ein Paar geworden und ich hatte nicht die Kraft, diese Entscheidung den anderen Schauspielern rein künstlerisch zu vermitteln.“

Roberto Ciulli, Schauspieler, Regisseur, Clown.

Ciulli übt Selbstkritik

Kritisch sieht er sich auch als soziales Wesen. „Ich schaffe es einfach nicht, ein normales Familienleben zu führen, irgendwie bleibt es mir fremd. Meine Familie ist das Theater“, und spricht von seiner Schwierigkeit, tiefere Beziehungen zu Menschen aufzubauen. „Ich bin überall fremd, sogar in meiner eigenen Familie. Ich habe schon sehr früh einen Riss zwischen mir, der Gesellschaft, den Konventionen und der Familie gespürt.“ Der Titel „Der Fremde Blick“ ist vielerlei Hinsicht zu verstehen. Das immer wieder von ihm genannte Fremdsein im eigenen Land und auch Hegels Feststellung, dass Theater und die Kunst insgesamt heiße, die Welt mit den Augen eines anderen zu betrachten und natürlich noch eins:

Fremd sind wir uns zunächst einmal alle,

sagt Ciulli.
Natürlich möchte man als Leser auch wissen, wie ein Regisseur vorgeht. Ist er ein Gott, wie es gelegentlich heißt?  Für Ciulli ist das eine unerträgliche Vorstellung. Seine Haltung hat sich im Laufe der Jahrzehnte verschoben, merkte er doch, dass die Idee eines gut vorbereiteten Regisseurs, der gegenüber den Schauspielern einen Vorsprung hat, nicht passt, nur Kreativität verschleißt. Er begann, geduldiger zu sein, andere Gedanken zuzulassen. „So entstanden viel komplexere Inszenierungen“, erzählt er im Gespräch mit Jonas Tinius. Dabei spiele der Zufall immer wieder eine Rolle. „Ich musste aber die Begabung und Kunst haben, diese große Konzentration im Raum zu halten, ohne unruhig zu werden.“ Das bedeutet nicht Nichtstun. „Ich mache sehr viel. Man muss die Bedingungen vorbereiten, damit der Zufall einschlagen kann.“

Das Buch bestellen:

Der fremde Blick – Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr, Wewerka, Alexander (Hrsg.)
Tinius, Jonas (Hrsg.)Ciulli, Roberto
Gespräche, Texte, Fotos, Material
1280 Seiten. 450 z.T. farbige Abbildungen, mit Leseband und Banderole, und einem Bildessay von Knut W. Maron,  Alexander Verlag Berlin, ISBN 978-3-89581-491-4 , 35 Euro.
Das Buch gibt es in jeder örtlichen Buchhandlung und über das Netz zu bestellen.

Autor:

Heike Marie Westhofen aus Mülheim an der Ruhr

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