Stadtgeschichte
Ulrich Kellermann erinnerte an Gerhard Tersteegen

Der evangelische Theologe Prof. Dr. Ulrich Kellermann bei seinem Vortrag in der Buchhandlung Fehst am Löhberg.
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Mit einem gutbesuchten Vortrag in der Buchhandlung am Löhberg  hat der evangelische Theologe Ulrich Kellermann an den pietistischen Prediger, Schriftsteller, Naturheilkundler und Menschenfreund Gerhard Tersteegen erinnert.

Kellermanns Vortrag machte deutlich, dass die christlichen Kirchen auch zu Tersteegens aufklärerischen Lebzeiten (1697-1769) im kritischen Fokus der Öffentlichkeit standen und der religiöse Autodidakt Tersteegen mit seinen mehr als eineinhalbstündigen Predigten mehrere 100 Zuhörer, abseits der Gottesdienste in der benachbarten Petrikirche anzog. "Tersteegen war der erste, der auch Waldgottesdienste abhielt", sagte Kellermann mit Blick auf die theologischen Teegespräche und Andachten, die Tersteegen im Witthausbusch abhielt. Dort erinnert seit 1903 ein Gedenkstein an den pietistischen Kirchenkritiker, dessen 1729 gedichtetes Lied: "Ich bete an die Macht der Liebe", seit 1838 Bestandteil des militärischen Zapfenstreichs ist.

Kellermanns anschaulicher Bildvortrag zeigte, dass Tersteegen mit seinem frommen und spirituell inspirierenden Individualismus, der theologische Dogmatik und konfessionelle Spaltung ablehnt, auch heute Menschen etwas zu sagen hat. Auch dessen gelebte christliche Nächstenliebe in Form von kostenfreien naturmedizinischen Behandlungen, Armenspeisungen und Geldzuwendungen für Bedürftige berühren uns auch heute.

Ungewolltes Andenken

Ironie der Geschichte: Tersteegen selbst wollte nicht in Erinnerung bleiben, bleib es aber aufgrund von biografischen Aufzeichnungen seiner Anhänger und auch dank eines erstmals 1838 an der Petrikirche aufgestellten Gedenksteins, der just in diesem Jahr nach einem langen Schattendasein hinter der Petrikirche etwa an der Stelle vor der Petrikirche aufgestellt worden ist, wo Tersteegen drei Tage nach seinem Tod am 6. April 1769 bestattet worden sein muss. Seine genaue Grabstelle ist nicht bekannt, da die Grabsteine des alten Kirchhofes an der Petrikirche nach der Einrichtung des ersten Mülheimer Friedhofes 1812 an der Dimbeck abgeräumt worden waren.

Während die an den Altstadtfriedhof grenzende Tersteegenstraße bis heute an den Poeten des Glaubens erinnern, der mit einer seiner Denkschriften sogar Friedrich den Großen ("Das können die Stillen im Lande?!") beeindruckte, ging eine an der dortigen Friedhofsmauer angebrachte Gedenktafel 1951 bei Bauarbeiten verloren.

Biografischer Bruch

Verloren ging auch das 1892 eröffnete Ausflugslokal Tersteegenruh, in dem auch Teersteegens Anhänger ihre Konferenzen abhielten, ehe es 1943 ein Opfer der Bomben des 2. Weltkrieges wurde. 
Biograf Kellermann ließ in seinem Vortrag auch Tersteegens biografische Brüche nicht unerwähnt. Dass er, obwohl ein hochbegabter Schüler, nach dem frühen Tod des Vaters Henricus, die Lateinschule in seiner damals niederländischen Heimatstadt Moers nicht weiter habe besuchen und später Theologie studieren könne, habe Tersteegen seiner Mutter Maria nie verziehen.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die von ihm ungewollte Kaufmannslehre bei seinem Onkel Mathias Brink und die anschließende Kaufmannstätigkeit als Band- und Seidenwirker an der Althofstraße machten Gerhard Tersteegen 1712 zum Mülheimer. Gönner und Förderer wie Wilhelm Hoffmann ermöglichten es dem zeitlebens kränkelnden Tersteegen dann aber doch noch nach der Aufgabe seiner Geschäftstätigkeit 1719 seiner geistlichen Berufung zu folgen. Sie kam unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass sich Tersteegen erstmals am Gründonnerstag 1724 in einem mit seinem Blut verfassten Brief dem Jesus von Nazareth verschrieb, über den er 1729 in seinem "Geistlichen Blumengärtlein" dichten sollte: "Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus Christus offenbart." Nicht nur diese Gedichtzeilen haben als geistliches Lied zurecht Eingang in die christlichen Gesangbücher gefunden.

Kellermann zeigte in seiner Rückschau auf das Leben Tersteegens auf, dass er nicht nur in seinem Haus, das er zusammen mit anderen Hausgenossen ab 1746 an der Teinerstraße bewohnte, sondern durch seine Reisen und Predigten auch im Bergischen Land und in den Niederlanden wirkte und Anhänger fand, mit deren Hilfe er nicht nur soziale Wohltaten finanzieren,- sondern auch immer wieder (vor allem in Amsterdam) neue theologische Literatur studieren und beschaffen konnte. Bemerkenswert auch, dass Tersteegens Predigten und Schriften rasch auch in Skandinavien und in der Neuen Welt durch religiöse Freigeister aufgegriffen und verbreitet wurden.

Mehr über das Tersteegenhaus

Der evangelische Theologe Prof. Dr. Ulrich Kellermann bei seinem Vortrag in der Buchhandlung Fehst am Löhberg.
Walter Neuhoff, Anwohner der Tersteegenstraße, erinnert sich, dass an diesem Eckstück der Mauer des 1812 eröffneten Altstadtfriedhofes früher eine Gedenktafel hing, die an Gerhard Tersteegen erinnerte, aber während Bauarbeiten im Jahr 1951 verschwand.
Autor:

Thomas Emons aus Mülheim an der Ruhr

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