Deutschsprachige Uraufführung im Theater an der Ruhr um den Amoklauf eines Schülers
"Wenn das Boot des Lebens Schiffbruch erleidet"

Unser Foto zeigt Impressionen aus der italienischen Auffassung von "Sokrates der Überlebende". Auch die Mülheimer Inszenierung wird von beeindruckenden Bildern und Choreografien geprägt sein.  Foto: Giulio Favotti
  • Unser Foto zeigt Impressionen aus der italienischen Auffassung von "Sokrates der Überlebende". Auch die Mülheimer Inszenierung wird von beeindruckenden Bildern und Choreografien geprägt sein. Foto: Giulio Favotti
  • hochgeladen von Reiner Terhorst

„Manchnal entsteht ein Gefühl der Ohnmacht. Die oft gestellten Fragen, wieso, warum, weshalb etwas Unfassbares überhaupt geschehen konnte, versuchen wir zu er- und zu verarbeiten.“ Simone Derai, anerkannter italienischer Theaterregisseur und einer der Protagonisten des dort beheimateten Theaterkollektivs Anagoor leitet mit diesen Worten den Blick auf die erste Premiere dieses Jahres im Theater an der Ruhr ein.

Der bislang noch nicht ins Deutsche übersetzte Roman „Il Sopravvissuto“ (Der Überlebende) des zeitgenössischen italienischen Autors Antonio Scurati ist Grundlage des Stückes „Sokrates der Überlebende/Wie die Blätter“, das am Donnerstag, 16. Januar, 19.30 Uhr, im Theater am Raffelbergpark seine deutschsprachige Uraufführung feiert. Zum Feiern allerdings eignet sich der Inhalt nicht. Vielmehr wühlt er auf, nimmt das Publikum ein und mit, bewegt und erregt es.

Der Hintergrund des Stückes, das in Italien bereits preisgekrönte Erfolge erzielte und vielschichtige Reaktionen hervorief, ist ein Massaker an einer Schule in den USA, das jetzt 20 Jahre zurückliegt. Der Autor hat das tragische Ereignis, den Amoklauf eines Schülers, auf das italienische Schulsystem übertragen. Anagoor hat es als Grundlage für seine Inszenierung genommen. Den Text hat Paola Barbon, „Botschafterin“ italienischer Literatur und Dozentin an der Ruhr-Universität Bochum, ins Deutsche übersetzt.

Umtriebe und Auswüchse

Denn auch in unserem Land gab es derartige Vorfälle. Und auch für Deutschland hat die Frage nach Funktionieren unseres Schulsystems oder auch die Frage nach gesellschaftlichen Umtrieben und Auswüchsen nichts an Aktualität verloren. Dessen ist sich auch Roberto Ciulli, Mülheims Theatergründer, bewusst. Umso mehr schätzt er die Tatsache, dass dieses Stück in „seinem“ Haus erstmals in deutscher Sprache und erstmals auf einer deutschen Bühne zu sehen ist. „Da bahnt sich eine längerfristige, vielleicht dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Anagoor und Mülheim an“, blickt er voraus. Aber jetzt gehe es erst einmal um „Socrate“, wie das italienische Erfolgsstück in der Originalfassung heißt.

Aus der sehr persönlichen Perspektive eines Geschichts- und Philosophielehrers, der vor seiner Klasse steht und den Tod des Sokrates behandelt, schildert Regisseur Simone Derai die letzte Unterrichtsstunde vor einem Amoklauf: Ein Schüler richtet eine ganze Prüfungskommission hin und verschont nur diesen einen Lehrer, der als Überlebender zum Erzähler der Geschichte wird. Die Aufführung, in der dem Lehrer eine Gruppe von Schülern gegenübergestellt wird, hinterfragt in beeindruckenden Bildern, Choreografien, Filmsequenzen und einer überwältigenden Soundinstallation die Möglichkeiten humanistischer Bildung.

Marco Menegoni, der in der italienischen Version den besagten Lehrer spielt und an der Mülheimer Regiearbeit beteiligt ist, betont die Anlehnung an die Antike und stellt zugleich die jetzige Aktualität heraus. Wenn man das Boot des Lebens nicht mit Verantwortung führe, erleide es Schiffbruch.
Den „Überlebenden“ in der Mülheimer Adaption verkörpert der Schauspieler Bernhard Glose, acht junge Schüler der Kölner Schauspielschule stellen die Schulklasse dar und sind auf die Reaktionen des Publikums gespannt. Am Ende bleiben Antworten offen. Die will man auch bewusst nicht geben, denn komplexe Zusammenhänge verdienten halt keine ungebührliche Vereinfachung.

INFOS

Nach der Premiere am 16. Januar gibt es noch weitere Aufführungen am 24. Januar sowie am 7. und 11. Februar. Vermutlich wird das Stück auch bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Aufführung kommen und auch noch mehrfach in dieser Spielzeit im Theater an der Ruhr.

Zur Einführung gibt es am Sonntag, 12. Januar, 12 Uhr, im Foyer des Mülheimer Theaters eine Matinee. Helmut Schäfer, künstlerischer Leiter am Raffelbergpark, erfragt im Gespräch mit Simone Derai und Menegoni Hintergründe.

Am Freitag, 17. Januar, 19.30 Uhr, lädt Anagoor zum Musik- und Videoabend "Mephistopheles" ins Theater an der Ruhr ein. Dann gibt es ausgewählte Musik und Videoclips aus verschiedenen Anagoor-Produktionen zu sehen und zu hören.

Autor:

Reiner Terhorst aus Duisburg

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