Politisches Stück ’Hymne an die Liebe' zeigte Beklemmendes mit synchroner Energie
Wir sind doch nur Menschen

Gebündelte Bewegungs- und Stimmenergie brachten die über 20 Darsteller in beklemmender Weise auf die Bühne. Das Publikum war begeistert.
  • Gebündelte Bewegungs- und Stimmenergie brachten die über 20 Darsteller in beklemmender Weise auf die Bühne. Das Publikum war begeistert.
  • Foto: PR-Ringlokschuppen
  • hochgeladen von Heike Marie Westhofen

Marta Górnicka, eine polnische Theatermacherin, bekam für ihr Chorisches Musiktheater in Berlin und Polen herausragende Kritiken. Am 1. November war sie zu Gast im Ringlokschuppen. Wurde die Aufführung dem Vorschuss an Begeisterung gerecht?

Von Heike Marie Westhofen

Was ist los mit einem Publikum, wenn nach Ende der Aufführung eine oder zwei Minuten lang absolute Stille herrscht? Entweder sind die Zuschauer vor Langeweile kollektiv in Schlaf gefallen, oder es herrscht ein gemeinschaftlicher Atemstillstand: Weil die Eindrücke, die Beklemmung über das Geschehen auf der Bühne jeden erreicht hat.
Doch dann bricht ein Sturm los: Das Publikum klatscht, trampelt, johlt im Stehen. Das war am Donnerstag, 1. November, bei der chorischen Inszenierung ’Hymne an die Liebe' von Marta Górnicka im Ringlokschuppen der Fall.

Kollektive Begeisterung des Publikums

Diesen Erfolg dürfen die mehrfach ausgezeichnete Regisseurin und Sängerin und ihre Darsteller mit nach Hause nehmen, nach Polen.
Marta Górnicka begann im Jahr 2009 ihre Vision von kollektiver Arbeit als avantgardistisches Musiktheater zu inszenieren. Dazu brachte sie einen ’Chor der Frauen' auf die Bühne, die sich stimmgewaltig sprechend, singend und tanzend mit gebündelter Energie auf einem Holzboden bewegten.

Geboten wird eine ausgefeilte Choreographie, die nur so gut funktioniert, weil ihr Ensemble aus über 20 Menschen mit Stimmen und Körpern absolut synchron arbeiten. Marta Górnicka dirigiert unauffällig aus dem Bühnenraum und sorgt so perfekt für jeden Stimmeinsatz. Die Darsteller der 'Hymne an die Liebe' bilden in ihrer Unterschiedlichkeit nicht nur das polnische Volk ab: Männer und Frauen jeden Alters, afroamerikanische Frauen, ein Junge, eine Frau mit Down-Syndrom stehen für die Vielfalt in jedem europäischen Land. Zu ihren Castings lädt Górnicka jeden ein, der mitmachen will. So setzt sich (erstaunlich), ihre Truppe aus Profis und Laien zusammen.

Visionärin eines neuen Musiktheaters

Die Vision eines konsequenten Musiktheaters setzten die Darstellerinnen im ’Chor der Frauen' im Jahr 2009 so gut um, das Górnicka damit ein neues Genre erfunden hat- und daran festhält.  Zum Konzept gehört es, dass radikale Text-Versatzstücke aus Politik, Volksmund, Zeitungen oder auch mal vom Terroristen und Massenmörder  Breivik genutzt werden.
Sie werden auf die Wand auf Englisch und Deutsch hinter der Bühne geschrieben, auf der die Darsteller sich bewegen.

„Es gibt Texte, die sind so unaussprechlich, dass ich dafür Plüschtiere als Handpuppen einsetze“,

sagt Marta Górnicka in einem Nachgespräch zur Aufführung.
Für Breiviks Texte wählte sie große Plüschtiere, die das Unsagbare aussprachen.
Die Darsteller singen und sprechen in ihrer Landessprache polnisch. Selten erlebt man es, dass Sprache und Wörter, im Chor rhythmisch gesprochen, eine ganz eigene Musik erschaffen können. Selten erlebt man, dass vielstimmiger Rhythmus so derart beklemmend, furchterregend oder sentimental und unmittelbar einwirken kann.

Konzept und Umsetzung:
Hohe Kunst

Die Wirkung potenziert sich durch ständige Wiederholungen ganzer oder halber Sätze, die in der Aussage gleichermaßen verstörend und wahr sind: Hier wird auf der Bühne gerungen und plädiert für Menschlichkeit, um Liebe für den Nächsten, Liebe zum Land. Angeklagt werden falsch verstandene Vaterlandsliebe und Nationalstolz, Grenzziehungen zum Nachbarn, Abschottung gegen alle und alles, was nicht polnisch (national) ist.
Es ist nicht nur ein brisantes polnisches Problem, das auf die Bühne gebracht wird, es ist ein brennendes weltweites Problem: Rassismus, Ablehnung von Fremden, Ängste vor Andersartigkeit.
Was Marta Górnicka als Vision auf die Bühne bringt, ist eine überraschende, eine beklemmende, aufrüttelnde hohe Kunst. Es endet an diesem Abend mit dem Lied „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“, aus der Matthäus Passion von J.S. Bach. Nach der Vorstellung möchte man nur eines:
Diese Chorische Inszenierung noch einmal sehen.

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