Der Mülheimer Forscher Benjamin List erhält den Nobelpreis für Chemie
"Der Tag war ein Wunder"

Benjamin List freut sich über den begeisterten Empfang.
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  • Benjamin List freut sich über den begeisterten Empfang.
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Am Donnerstag stand die Sensation fest: Benjamin List, Direktor des Mülheimer Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung, hat den Nobelpreis für Chemie gewonnen. Das Nobelpreiskomitee hatte am Donnerstagmorgen die Preisträger bekannt gegeben. Der 53-Jährige teilt sich den mit rund 887.000 Euro dotierten Preis mit dem amerikanischen Forscher David W.C. MacMillan von der Universität Princeton.

"Der ganze Tag war ein einziges Wunder, denn damit habe ich überhaupt nicht gerechnet", bekennt List bei der abends nach seiner Rückkehr eilig anberaumten Pressekonferenz im MPI. Das Institut schickte eigenes ein Taxi nach Amsterdam, um den frisch gekürten Nobelpreisträger aus seinem Urlaub zu holen. In Mülheim wurde List am späten Nachmittag stürmisch empfangen, zahlreiche Mitarbeiter des Instituts standen auf den Balkonen des Gebäudes und applaudierten.

Der entscheidende Anruf erreichte den Chemiker während eines Kurzurlaubes mit seiner Frau in Amsterdam in einem Café. Während des Frühstücks klingelte das Telefon, eine Nummer aus Schweden wurde angezeigt, die Ehefrau scherzte noch: "Das ist der Anruf". Aus dem Witz wurde Ernst, List erkannte schnell die Stimme des Vorsitzenden des Nobelpreiskomitees. Und half nach der erfreulichen Nachricht noch weiter: Er wurde nach der Nummer von Dave McMillan gefragt. "Ich habe dem Vorsitzenden dann die Nummer von Dave gegeben, aber der erreichte ihn nicht. Also habe ich Dave eine Textnachricht geschrieben: "Dave, wach auf" (in Amerika war es noch Nacht, Anm. der Redaktion), und der schrieb mir zurück, das sei wohl ein Scherz. Er konnte das ebenso wenig glauben wie ich auch. Ich bin vollkommen überwältigt und sehr dankbar."

Bahnbrechende Katalyseforschung

List arbeitet in der Katalyseforschung, die extrem wichtig ist für die Herstellung von Medikamenten, Farbstoffe, Plastik, Benzin und fast allem, was uns umgibt. Katalysatoren sind Zusätze, die erst chemische Reaktionen erzeugen und damit wie Werkzeuge zur Herstellung großer Mengen von Produkten dienen. Rund ein Drittel des Weltbruttosozialprodukts, so habe laut List jemand ausgerechnet, werde durch Produkte erwirtschaftet, die mithilfe von Katalysatoren hergestellt werden.

List und MacMillan haben unabhängig voneinander im Jahr 2000 festgestellt, dass auch kleine, oft kostengünstige und ungiftige organische Moleküle eine chemische Reaktion selektiv steuern können. Benjamin List hat das bei der Aminosäure Prolin beobachtet, die später bei der Produktion des HIV-Medikaments Darunavir eingesetzt wurde. Zuvor galt in der Chemie, der Biologie und der Pharmazie, dass nur Enzyme oder aufwendig gebaute Katalysatoren, die oft teure oder giftige Metalle enthalten, diese selektive Wirkung haben. Die Organokatalyse wird mittlerweile in der ganzen Welt in zahlreichen Laboratorien in der akademischen und industriellen Forschung eingesetzt und für eine Vielzahl von Synthesen genutzt.

Groß ist natürlich auch die Freude am MPI-Institut für Kohlenforschung, alle Kollegen gratulieren List zu dieser außerordentlichen Auszeichnung und sind stolz darauf, dass nun nach Karl Ziegler ein zweiter „Kohlenforscher“ zur Riege der Nobelpreisträger gehört. Wobei an dem Institut inzwischen niemand mehr an der Kohle forscht, wie List auf der Pressekonferenz erklärt. Dafür sei das MPI inzwischen eines der besten Institute für Katalyseforschung weltweilt. Was nun auch den meisten bewusst werden dürfte. 

Werdegang

Benjamin List wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren, in eine Familie mit durchaus bemerkenswerter naturwissenschaftlicher Tradition: Sein Ururgroßvater war der Chemiker Jacob Volhard, den zumindest alle Studierenden der Chemie kennen. Und Christiane Nüsslein-Volhard, selbst Max-Planck-Direktorin und Nobelpreisträgerin für Physiologie und Medizin, ist seine Tante. Benjamin List studierte an der Freien Universität Berlin und promovierte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zwischen 1993 und 2003 forschte er am Scripps Research Institute in La Jolla, USA. 2003 wechselte er dann ans Max-Planck-Institut für Kohlenforschung, zunächst als Leiter einer Forschungsgruppe und seit 2005 als Direktor der Abteilung 'Homogene Katalyse'. Nach Karl Ziegler (1963) ist er der zweite Direktor des 1912 gegründeten Mülheimer MPI-Institutes, der einen Nobelpreis für Chemie erhält.  List ist verheiratet und hat zwei Söhne. Werdegang

Autor:

Regina Tempel aus Mülheim an der Ruhr

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