Interview zum Lockdown im November in Mülheim
Die nationale Kraftanstrengung

Prof. Dr. Harald Karutz berät den Mülheimer Krisenstab gerade in Fragen zur zur psychosozialen Notfallversorgung.
  • Prof. Dr. Harald Karutz berät den Mülheimer Krisenstab gerade in Fragen zur zur psychosozialen Notfallversorgung.
  • Foto: PR-Foto Köhring/ AK
  • hochgeladen von Heike Marie Westhofen

Fast jeder Mülheimer hat seit März während der Pandemie alles richtig gemacht und einen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie geleistet. Und nun? Kanzlerin Angela Merkel mahnt: "Wir müssen eine nationale Notlage verhindern und eine nationale Kraftanstrengung leisten". Weitere Kontakteinschränkungen und Schließungen vieler Angebote sind angeordnet. Wie werden die Mülheimer durch den November kommen?

Einer, der die Stimmung und Befindlichkeiten der Mülheimer wahrnimmt und sich mit den seelischen Folgen der Pandemie für die Bürger auskennt, ist Prof. Dr. Harald Karutz, Pädagoge und bundesweit Experte für Fragen der psychosozialen Notfallversorgung.
Seit Beginn der Pandemie ist er Teil des Fach-Teams, das den "Corona-Krisenstab" der Stadt bildet und beobachtet die Auswirkungen auf die Mülheimer und deren Verhalten. Besonders deutlich wird das in den sozialen Netzwerken. Da tobt so mancher Shitstorm auch gegen die unpopulären Maßnahmen des Krisenstabs und dieser ist offenbar auch nicht immer glücklich mit den Verordnungen des Landes NRW, die er dann umsetzen muss.
MW: Herr Karutz, erst im August haben Sie gesagt, dass der Großteil der Bevölkerung besonnen mit der Situation im Alltag klar kommt, obwohl es Einigen nicht so gut gehe. Ist das noch immer Ihre Meinung?
Karutz: "Jetzt ist die Lage leider eine völlig andere! Die Menschen sind momentan sehr angespannt und das ist mehr als verständlich. Wir im Team des Krisenstabs sind ja selbst Teil der Pandemie.

"So verstehen wir Ärger, Wut und Trauer der Bürger auch aus eigenem Erleben."

MW: Wie lange halten Menschen so einen Dauer-Krisenmodus aus?
Karutz: "So einen Krisenzustand kann man nicht unendlich lange aufrecht erhalten! Es kostet unglaublich viel Kraft, sich ständig mit neuen Covid-Informationen zu beschäftigen. Die Planungsunsicherheiten auszuhalten, nicht zu wissen, wie und wann es weitergeht. Die Sorge, ob wir selber erkranken und wenn ja, wie schlimm es sein wird? Die existenzielle Gefährdungen der Gastronomie, Kunst und Kulturszene -das alles ist über so viele Monate kaum aushaltbar. Für die Kinder ist es besonders schlimm, gerade jetzt im Winter. Da ist Konzentration im Unterricht in dicken Jacken und frierend kaum möglich. Das ist nicht schön zu reden."
MW: Wie ist die Stimmung in den sozialen Netzwerken?
Karutz: Uns begegnet in den Kommentaren die ganze Palette der Gefühle: Wut, Ärger, Entrüstung, Trauer - und vor allem Enttäuschung. Über Monate hinweg haben die Menschen Masken getragen, Kontakte eingeschränkt und sich desinfiziert in der Hoffnung, dass diese Zeit in einigen Wochen vorbei sein wird. Und jetzt? Jetzt stehen wir scheinbar dort, wo wir vor sieben Monaten zu Beginn der Pandemie standen. Die Enttäuschung der Bürger ist enorm groß - auch bei mir persönlich. Und dennoch: Wir schaffen es wieder nur gemeinsam, die Infektionszahlen zu senken!
MW:Haben Sie eine Empfehlung, wie Menschen im Alltag Abstand und Entspannung finden können?
Karutz: "Wir alle müssen eine tägliche Flutwelle der Informationen in den Medien aushalten. Jede einzelne kann Ängste, Unsicherheit und Ärger auslösen. Vielleicht ist es eine gute Idee, der Pandemie morgens und abends 15 Minuten Zeit zu widmen und danach alle Informationen zu meiden. Dann ist man auf dem Stand, aber gibt auch Raum für Schöneres. Was das sein könnte, das wissen die Menschen selbst am besten".
MW:Das trifft sicher auf die zu, die nicht in Existenznot, einsam, arm oder körperlich und psychisch krank geworden sind. Was können diese Menschen tun?
Karutz: Wenn es in dieser Zeit gute Nachrichten gibt, dann ist es wohl diese: Alle Mitarbeiter der Beratungsstellen und ein großes Netzwerk ehrenamtlich Tätiger in der Stadt sind aktiv und erreichbar. Es gibt Hilfe in materiellen und familiären Notlagen, Hilfe für alte, schwache, einsame  und kranke Menschen.

Es kommt jetzt auf jeden einzelnen an

MW: Gibt es eine zentrale Auskunft, wo Hilfesuchende gleich an die richtigen Stellen geleitet werden?
Karutz: Eine zentrale Auskunft gibt es zwar nicht, doch in der Corona-Bürgerbroschüre und auf der Stadtseite im Internet haben wir alle Hilfsangebote zusammengefasst. Die Arbeitsgruppe „Nachbarn helfen“ ist mit ihrem Netzwerk gut aufgestellt. Die Bereitschaft der Bürger für ehrenamtliche Hilfe ist nach wie vor vorbildlich. Das zeigt uns doch immer wieder, wie stark eine Gemeinschaft andere mittragen kann, wenn ein sozialer Wille und Geist in der Stadt weht. Das macht Mut und deshalb bin ich zuversichtlich: Wir brauchen jetzt Solidarität, Verständnis und Mitgefühl. Dann kommen wir alle gut durch die nächsten Wochen. Jeder einzelne kann seinen Beitrag leisten. Auf jeden einzelnen kommt es an!" ( H.M.Westhofen)

Autor:

Heike Marie Westhofen aus Mülheim an der Ruhr

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