ZDF-Magazin "Frontal 21" nimmt den hiesigen ÖPNV in den Fokus
Die "Pendlerhölle" an Rhein und Ruhr

Sinnbild für den maroden ÖPNV in der Region: In einer "Nacht-und-Nebelaktion" legte Mülheim im April 2012 die Straßenbahnstrecke zum Flughafen still. Auch der Schienenverkehr nach Styrum wurde eingestellt. Foto: PR-Foto Köhring
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  • Sinnbild für den maroden ÖPNV in der Region: In einer "Nacht-und-Nebelaktion" legte Mülheim im April 2012 die Straßenbahnstrecke zum Flughafen still. Auch der Schienenverkehr nach Styrum wurde eingestellt. Foto: PR-Foto Köhring
  • hochgeladen von Marc Keiterling

Das dauerhaft unzureichende Angebot des hiesigen ÖPNV, gepaart mit ständig steigenden Fahrpreisen, war in diesem Medium in der Vergangenheit schon häufiger ein Thema. Am Dienstag, 12. März, nahm das ZDF-Fernsehmagazin "Frontal 21" dieses Thema in den Fokus. Die Reportage (Verkehrschaos zwischen Rhein und Ruhr) greift einige bekannte Tatsachen auf, stellt Zusammenhänge her und zeichnet authentisch das Bild der alltäglichen "Pendlerhölle" an Rhein und Ruhr.

Wirtschaftsgeograf Rudolf Juchelka von der Universität Duisburg-Essen redet dabei Klartext: "Es ist ein Armutszeugnis für die Politik, für die Verkehrsplanung im gesamten Ruhrgebiet. Man nennt sich hier Metropole, aber es ist ´Kleinstaaterei´. Die Planung der Verkehrsbetriebe hört an den Stadtgrenzen auf und man hat es in Jahrzehnten nicht geschafft, ein integrierendes Bus- und  Bahnsystem auf die Beine zu stellen." Keinerlei Redebedarf besteht im Gegensatz dazu bei den 13 betreffenden Verkehrsunternehmen, keines war zum Interview bereit. 

Auch aus Mülheim sind einige Beispiele zu sehen. Etwa die Stilllegung von Straßenbahnstrecken, die vier notwendigen Gleise für die verschiedenen Bahnentypen - etwa am U-Bahnhof Stadtmitte - sowie abfallende Fliesen am Haltepunkt Eichbaum. 

Hier einige prägnante Passagen aus dem Film.

Lothar Ebbers vom Fahrgastverband Pro Bahn,Landesverband Nordrhein-Westfalen: "Wir haben verschiedene Spurbreiten, wir haben verschiedene Einstiegshöhen. Das ist insgesamt nicht kompatibel, das führt zu Brüchen. (...) Das ist ein Beispiel, nicht das einzige, für solche Ruinen des Stadtbahnsystems RheinRuhr, das von vorneherein nicht als einheitliches System geplant worden ist."

Die Verbindungen über Stadtgrenzen hinweg im Ruhrgebiet sind miserabel. In der Analyse des Regionalverbandes Ruhr vom November 2018 steht das schwarz auf weiß: „Die europäischen Metropolen wie Paris, Brüssel und Barcelona sind von Essen aus leichter zu erreichen als Dinslaken-Lohberg.“  Diese harsche Kritik will der Regionalverband Ruhr vor der Kamera nicht mehr wiederholen. Die Studie habe schon genug Ärger verursacht bei den kommunalen Verkehrsgesellschaften, heißt es aus der Behörde.

Schon seit dem ersten U-Bahn-Bau im Ruhrgebiet, 1968 in Essen, gibt es das große Ziel: eine Einheitsverkehrsgesellschaft fürs Revier. Das könnte eigentlich der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr sein. Tatsächlich aber macht der VRR die Fahrpreise und produziert schöne Werbefilme. Um alles andere kümmern sich die städtischen Gesellschaften selbst.  Eine Einheitsgesellschaft will der VRR nicht, Städte und Kreise hätten "die Mobilitätsbedürfnisse ihrer eigenen Bürger besser im Blick.“ Dazu Rudolf Juchelka: "(...) Das Kirchturmdenken im VRR geht einfach weiter. Und die Frage zum Beispiel zu dem schlechten Angebot in den Abendstunden, da schreibt der VRR: ´Nahezu alle kommunalen Verkehrsunternehmen haben diesem Bedarf Rechnung getragen´. Da kann ich nur sagen, unfassbar, wie hier ein katastrophales Nachtverkehrsangebot einfach schöngeredet wird."

Gegen eine Einheitsverkehrsgesellschaft spricht außerdem: Je mehr Verkehrsgesellschaften, umso mehr bestens dotierte Posten, die zu verteilen sind. Journalist Uwe Knüpfer sagt dazu: "Das sind nahezu die letzten Pfründen, die die Parteien in den maroden, klammen Ruhrgebietsstädten zu vergeben haben." Folgende Beispiele werden im Film aus dem Jahr 2017 genannt: Andreas Kerber (Vorstand der Bogestra in Bochum und Gelsenkirchen) erhielt 295.313 Euro Gehalt plus 236.975 Euro Altersvorsorge. Guntram Pehlke (Chef der Dortmunder Stadtwerke und Verkehrsgesellschaft DSW 21)  erhielt 522.000 Euro Gehalt plus 706.000 Euro Rückstellungen für die Altersvorsorge. Marcus Wittig (Chef der Duisburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft) erhielt 547.040 Euro Gehalt plus 396.580 Euro Altersvorsorge. 

Kaum ein Bus oder eine Bahn fährt kostendeckend. Im Durchschnitt muss der Steuerzahler ein Drittel der Gesamtkosten für den Öffentlichen Nahverkehr zuschießen. Hinzu kommen für die Nutzer die Fahrpreise. Gerade die finanzschwachen Großstädte an der Ruhr haben keine Rücklagen gebildet für die notwendigen Sanierungen.

Kontrolle der Fahrscheine

Am Tag nach der Ausstrahlung - am Mittwoch, 13. März - kontrollierte die Ruhrbahn GmbH die Tickets der Fahrgäste an der Mülheimer Haltestelle Heißen Kirche. Überprüft wurden nach Unternehmensangaben insgesamt 1.716 Fahrgäste der Linie U18. Dabei wurden 33 Fahrgäste ohne gültiges Ticket angetroffen, was einer Beanstandungsquote von 1,92 Prozent entspricht.
Unterstützt wurden die Ruhrbahn-Ticketprüfer von Sicherheitskräften der PTS.

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